Berlin, Deutschland

Walter-Linse-Straße

 
Der Jurist Walter Linse aus Chemnitz (1903–1953) engagierte sich ab 1950 im Untersuchungsausschuss Freiheitlicher Juristen (UFJ) in West-Berlin. Er hielt kritische Vorträge über die wirtschaftlichen Verhältnisse in der SBZ/DDR, beriet in Ostdeutschland enteignete und von Enteignung bedrohte Gewerbetreibende und war maßgeblich an der Vorbereitung des Internationalen Juristenkongresses beteiligt, auf dem sich im Juli 1952 Juristen aus 42 Ländern mit Rechtsbrüchen unter der SED-Herrschaft beschäftigten. Unmittelbar vor Kongressbeginn, am 8. Juli 1952, wurde Linse vor seinem Haus in der damaligen Gerichtsstraße 12 (Lichterfelde) zusammengeschlagen und nach Ost-Berlin entführt. Die „Aktion Lehmann“ endete mit der Verschleppung in das Gefängnis des MfS Berlin-Höhenschönhausen. Anfang Dezember 1952 wurde Walter Linse der Sowjetischen Kontrollkommission (SKK) übergeben. Am 23. September 1953 verurteilte ihn ein Sowjetisches Militärtribunal (SMT) in geheimer Verhandlung wegen „Spionage“, „antisowjetischer Propaganda“ und „antisowjetischer Organisationstätigkeit“ zum Tod durch Erschießen. Trotz zahlreicher Proteste wurde Walter Linse am 15. Dezember 1953 in Moskau hingerichtet. Sein Leichnam wurde im Krematorium auf dem Gelände des Donskoje-Klosters eingeäschert. Mit seiner Entführung wurde eine geplante Verhaftung in Chemnitz nachgeholt, der sich Linse im April 1949 durch Flucht nach West-Berlin entzogen hatte. Seinerzeit ermittelte die für Bekämpfung politischer Gegner zuständige Polizeiabteilung K5 gegen den Juristen, der nach Kriegsende Geschäftsführer der Industrie- und Handelskammer Chemnitz war. Linse wurde 1996 durch die russische Militärstaatsanwaltschaft rehabilitiert. In Deutschland wird nach neuen Dokumentenfunden auch über seine Rolle während des NS-Zeit diskutiert. Der 1938 an der Universität Leipzig promovierte Jurist, seit 1940 Mitglied der NSDAP, war in der Industrie- und Handelskammer (IHK) Chemnitz in den Jahren 1938 bis 1945 für die „Arisierung“ jüdischer Betriebe und während des Krieges für Zwangsarbeitereinsätze jüdischer Deutscher zuständig. Die Gerichtsstraße, der letzte Wohnort Walter Linses in Berlin, wurde ihm zu Ehren am 10. Juni 1961 in Walter-Linse-Straße umbenannt. Eine über dem Straßenschild befestigte Tafel trägt eine Inschrift.

Inschriften

Inschrift der Informationstafel
(oberhalb des Straßenschildes)
Walter Linse / Jurist / 1903 1952 zwangsverschleppt
Sprache: Deutsch, Schrift: Lateinisch

Ereignisse

10. Juni 1961 - Ersetzung
Umbenennung der Gerichtsstraße in Walter-Linse-Straße

Literatur

  • „Erschossen in Moskau …“. Totenbuch für die deutschen Opfer des Stalinismus auf dem Friedhof Donskoje 1950–1953. Hrsg. von Facts & Files (Berlin), Memorial (Moskau) und der Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur (Berlin), Berlin 2005
  • Zur Mühlen, Bengt von: Der Fall Walter Linse. Rekonstruktion eines Justizmordes, Kleinmachnow 1996 Videokassette (VHS, 60 Min., im Buchhandel und über Chronos-Film GmbH zu beziehen)
  • Veen, Hans-Joachim/Eisenfeld, Peter/Kloth, Hans-Michael/Knabe, Hubertus/Maser, Peter/Neubert, Ehrhart/Wilke, Manfred (Hrsg.): Lexikon Opposition und Widerstand in der SED-Diktatur, Berlin, München 2000
  • Mampel, Siegfried: Entführungsfall Dr. Walter Linse. Menschenraub und Justizmord als Mittel des Staatsterrors, Berlin 1999 (Schriftenreihe des LStU Berlin, Bd. 10)

Publikationen der Bundesstiftung

  • Kaminsky, Anna (Hrsg.): Orte des Erinnerns. Gedenkzeichen, Gedenkstätten und Museen zur Diktatur in SBZ und DDR, 3. Aufl., Berlin 2016
 
  • Kategorie: Gedenkort
  • Historisch: Ja
  • Standort: Walter-Linse-Straße
  • Stadt: Berlin
  • Ortsteil: Steglitz-Zehlendorf
  • Gebiet: Berlin
  • Land: Deutschland