Mednoje, Russische Föderation
Staatliche Gedenkstätte Mednoje mit polnischem Militärfriedhof
Neben den über 8000 Offizieren und Reserveoffizieren der polnischen Armee, die nach dem sowjetischen Einmarsch in Ostpolen 1939 in den Lagern Koselsk und Starobilsk interniert worden waren und im Frühjahr 1940 von NKWD-Funktionären in Katyń und Charkiw erschossen wurden, fielen demselben Beschluss der sowjetischen Führung auch über 6000 polnische Polizisten, Grenzschützer und Justizbeamte zum Opfer. Sie waren in einem Speziallager des NKWD auf dem Gelände des vormaligen orthodoxen Nilow-Klosters auf einer Insel im Seligersee bei Ostaschkow festgehalten worden. Ihre letzte Ruhestätte blieb jedoch, im Gegensatz zu den Opfern von Katyń, jahrzehntelang unbekannt. Erst nach dem politischen Wandel in der Sowjetunion und dem Eingeständnis der sowjetischen Verantwortung für das Massaker von Katyń im April 1990 konnte die Suche nach ihren Massengräbern beginnen.
Zur Auffindung der Gräber trug ein Aufruf des örtlichen Büros der russischen Menschenrechtsorganisation »Memorial« in Kalinin (heute Twer) wesentlich bei, der im Mai 1990 in der Lokalpresse veröffentlicht wurde und viele Hinweise aus der Bevölkerung erbrachte. Darunter war auch der entscheidende Brief, der unter Berufung auf ein Gespräch mit einem bereits verstorbenen NKWD-Mitarbeiter auf die tatsächliche Gräberstätte verwies. Diese befand sich in einem mit Datschen bebauten Erholungsgelände der sowjetischen Geheimpolizei in der Nähe der Ortschaft Mednoje, ca. 25 Kilometer westlich von Kalinin an der Straße Moskau Leningrad. Auf demselben Gelände waren auch die Leichen der Opfer weiterer Erschießungen des NKWD vergraben worden. Im Juli 1990 wurde diese Information von sowjetischer Seite offiziell bestätigt. Im Zuge eines daraufhin aufgenommenen Ermittlungsverfahrens sagte der ehemalige NKWD-Chef von Kalinin, Dmitri Tokariew, detailliert über den Ablauf der mehrere Wochen andauernden Exekutionsaktion aus, die im Keller des NKWD-Gefängnisses in Kalinin durchgeführt worden war.
Die Gräber der polnischen Polizisten und Grenzschützer wurden im August 1991 erstmals von polnischen Experten geöffnet. Dabei konnte aus Zeitgründen nur eines der Massengräber vollständig untersucht werden. Dieses enthielt 243 Leichen, die nach Abschluss der Exhumierung am 31. August 1991 in Anwesenheit offizieller polnischer und russischer Delegationen auf einer nahegelegenen Lichtung bestattet wurden. Neben mehreren Holzkreuzen wurde auf den Gräbern eine Gedenktafel aus Granit mit dem polnischen Adler und einer Inschrift aufgestellt. Die archäologische Untersuchung der übrigen Massengräber konnte nach komplizierten Verhandlungen mit der russischen Regierung in den Jahren 1994 und 1995 durchgeführt werden.
Hinsichtlich des Charakters der zukünftigen Gedenkstätte einigten sich die polnische und russische Seite Anfang 1995 auf den Kompromiss, in Katyń und Mednoje separate polnische Militärfriedhöfe im Rahmen gemeinsamer polnisch-russischer Gedenkstätten für die Opfer des Totalitarismus zu errichten. Nachdem am 25. März 1995 in Smolensk eine entsprechende Vereinbarung unterzeichnet wurde, konnte am 11. Juni desselben Jahres in Mednoje der Grundstein für den Friedhof gelegt werden. An dieser Zeremonie nahm eine hochrangige Delegation aus Polen teil, der unter anderem die Vizepräsidenten des polnischen Parlaments, der Innen- und der Justizminister wie auch die Kommandanten von Polizei, Grenzschutz und Feuerwehr angehörten. Außerdem waren Vertreter der russischen Regierung und der Regionalverwaltung, Geistliche verschiedener Konfessionen sowie Angehörige der Opfer vor Ort.
Den vom staatlichen polnischen »Rat zur Bewahrung des Gedenkens an Kampf und Martyrium« ausgeschriebenen Wettbewerb zur Gestaltung der polnischen Gräberstätten in Katyń, Mednoje und Charkiw gewann im Oktober 1996 eine Gruppe unter der Leitung von Zdzisław Pidek und Andrzej Sołyga. Ihr Entwurf sah für alle drei Friedhöfe einheitliche Materialien, vorwiegend Eisen mit rostbrauner Oberfläche, und gemeinsame Gestaltungselemente, wie eine zentrale Gedenkwand mit Altar und eine unterirdische Glocke sowie individuelle Epitaphe für alle Toten vor. Dieses Grundkonzept wurde in der Folge den jeweiligen örtlichen Gegebenheiten angepasst. Schließlich wurde im Juli 1999 mit dem Bau des Friedhofs in Mednoje begonnen, der überwiegend aus Mitteln der polnischen Regierung finanziert wurde. Seine feierliche Eröffnung fand am 2. September 2000 in Anwesenheit des polnischen Ministerpräsidenten Jerzy Buzek und des russischen Innenministers Wladimir Ruschailo statt.
Der polnische Militärfriedhof befindet sich im linken Teil der Gedenkstätte. Sein Eingang wird von zwei eisernen Säulen mit dem polnischen Staatswappen markiert. Dahinter schließt sich direkt der zentrale Gedenkort an. Gegenüber dem Eingang befindet sich eine eiserne Gedenkwand, deren Oberfläche die Namen der Opfer trägt. Die Wand ist in der Mitte durch einen schmalen Spalt durchbrochen, hinter dem sich ein schlankes, neun Meter hohes Kreuz erhebt, das die Wand deutlich überragt. Zwischen beiden Teilen der Gedenkwand hängt unter dem Niveau des Bodens eine Glocke, in die der Text des ältesten mittelalterlichen polnischen Kirchenliedes »Bogurodzica« (»Mutter Gottes«) sowie die Inschrift »MIEDNOJE« gegossen sind. Davor steht ein schlichter eiserner Altartisch, vor dem wiederum die zentrale Gedenktafel in den Boden eingelassen ist.
Im Kiefernwald hinter der Gedenkwand befinden sich die 25 Massengräber unregelmäßig verteilt. Sie werden von Ringen aus Eisenplatten markiert. Auf jedem der Gräber steht ein acht Meter hohes, schlankes Kreuz aus Eisen. Daneben wurden weitere kleinere Holzkreuze meist mit persönlicher Widmung und individuellen Gedenktafeln aufgestellt. Der gesamte Bereich wird durch einen Betonweg umschlossen, an dessen innerer Seite die eisernen Epitaphe mit Namen, Geburtsdaten und Diensträngen der 6300 Toten waagerecht angebracht sind. Diese befinden sich unter dem Niveau des angrenzenden Bodens und verweisen damit auf die archäologische Ausgrabung. Der von der Reihe der Tafeln gebildete Ring wird durch überdimensionale Nachgüsse der beiden polnischen Orden »Virtuti Militari« und »Kreuz des Septemberfeldzugs« beschlossen, die posthum allen Opfern des Massenmordes von Katyń verliehen worden.
Der russische Teil der Gedenkstätte Mednoje wurde von M. Chazanow und N. Schangin entworfen. Er besteht aus einem »Weg des Gedenkens«, der vorbei an Schautafeln, die die Geschichte des Massenterrors der Jahre 1937–1938 nachzeichnen, durch den Wald zu einem Denkmal führt. Dieses hat die Form eines Grabhügels, auf dem sich ein großer Findling und ein von zwei liegenden Stelen aus rotem Granit gebildetes Kreuz befinden. Zu Füßen dieses Kreuzes liegt ein kleinerer Findling, in den die Widmung des Denkmals eingraviert ist. Im August 2005 wurde zudem ein kleines Ausstellungs- und Dokumentationszentrum eröffnet, in dessen Räumen die erste Dauerausstellung zur Geschichte des stalinistischen Terrors der 1930er Jahre im Gebiet Twer gezeigt wird.
Inschriften
Gedenktafel von 1991
(Auf dem Geländer der Gedenkstätte)
Pamięci 6.295 Policjantów / Żołnierzy KOP i Innych Formacji WP / Funkcjonariuszy Straży Granicznej / Oraz Pracowników Administracji Państwowej / i Wymiaru Sprawiedliwości / Rzeczypospolitej Polskiej / Jeńców Ostaszkowa / Zamordowanych przez NKWD / Wiosną 1940 Roku / i Tu Pogrzebanych. / Miednoje Sierpień 1991 / Rodacy
Deutsche Übersetzung:
Zum Gedenken an 6295 Polizisten, Soldaten des Grenzschutzkorps und anderer Einheiten der Polnischen Armee, Grenzschutzbeamte sowie Mitarbeiter der staatlichen Verwaltung und der Justiz der Republik Polen, die als Kriegsgefangene aus Ostaschkow im Frühjahr 1940 durch den NKWD ermordet und hier begraben wurden. Mednoje, im August 1991. Die Landsleute
Zum Gedenken an 6295 Polizisten, Soldaten des Grenzschutzkorps und anderer Einheiten der Polnischen Armee, Grenzschutzbeamte sowie Mitarbeiter der staatlichen Verwaltung und der Justiz der Republik Polen, die als Kriegsgefangene aus Ostaschkow im Frühjahr 1940 durch den NKWD ermordet und hier begraben wurden. Mednoje, im August 1991. Die Landsleute
Sprache: Polnisch, Schrift: Lateinisch
Tafel zur Grundsteinlegung von 1995
(Auf dem polnischen Militärfriedhof)
W tym miejscu znajduje się, poświęcony / przez Ojca Świętego Jana Pawła II, / kamień węgielny pod budowę Polskiego / Cmentarza Wojskowego / w Miednoje / Cierpieniu – prawdę, /
umarłym – modlitwę, /
w obliczu Boga wszechmogącego / 1995 / Rodacy
Deutsche Übersetzung:
An diesem Ort befindet sich der vom heiligen Vater Johannes Paul II. geweihte Grundstein zum Bau des Polnischen Militärfriedhofs in Mednoje. Dem Leid – die Wahrheit, für die Toten – das Gebet, im Angesicht Gottes, des Allmächtigen. 1995, die Landsleute
An diesem Ort befindet sich der vom heiligen Vater Johannes Paul II. geweihte Grundstein zum Bau des Polnischen Militärfriedhofs in Mednoje. Dem Leid – die Wahrheit, für die Toten – das Gebet, im Angesicht Gottes, des Allmächtigen. 1995, die Landsleute
Sprache: Polnisch, Schrift: Lateinisch
Zentrale Gedenktafel des polnischen Militärfriedhofs
(Auf dem polnischen Militärfriedhof)
W hołdzie / ponad 6300 spoczywającym w Miednoje / funkcjonariuszom Policji Państwowej / i Policji Województwa Śląskiego / straży Granicznej i Straży Więziennej / żołnierzom i oficerom / żandarmerii wojskowej / Korpusu Ochrony Pogranicza / i innych formacji wojskowych / pracownikom administracji państwowej / i wymiaru sprawiedliwości / Rzeczypospolitej Polskiej / jeńcom wojennym z obozu w Ostaszkowie / zamordowanym przez NKWD / wiosną 1940 r. / w Kalininie (Twerze) / Naród Polski
Deutsche Übersetzung:
Zu Ehren der über 6300 in Mednoje ruhenden Polizisten der Staatlichen Polizei und der Polizei der Wojewodschaft Schlesien, des Grenzschutzes und des Justizdienstes, Soldaten und Offiziere der Militärgendarmerie, des Grenzschutzkorps und anderer militärischer Einheiten, Mitarbeiter der staatlichen Verwaltung und der Justiz der Republik Polen, Kriegsgefangene aus dem Lager in Ostaschkow, die im Frühjahr 1940 vom NKWD in Kalinin (Twer) ermordet wurden. Die polnische Nation
Zu Ehren der über 6300 in Mednoje ruhenden Polizisten der Staatlichen Polizei und der Polizei der Wojewodschaft Schlesien, des Grenzschutzes und des Justizdienstes, Soldaten und Offiziere der Militärgendarmerie, des Grenzschutzkorps und anderer militärischer Einheiten, Mitarbeiter der staatlichen Verwaltung und der Justiz der Republik Polen, Kriegsgefangene aus dem Lager in Ostaschkow, die im Frühjahr 1940 vom NKWD in Kalinin (Twer) ermordet wurden. Die polnische Nation
Sprache: Polnisch, Schrift: Lateinisch
Glocke
(Auf dem polnischen Militärfriedhof)
Text der »Bogurodzica«
Bogurodzica dziewica / Bogiem sławiena Maryja! / U twego syna Gospodzina / Matko zwolena, Maryja! / Zyszczy nam, spuści nam / Kyrielejson /
Twego dziela Krzciciela / bożycze usłysz głosy / napełń myśli człowiecze. / Słysz modlitwę, jąż nosimy, / A dać raczy, jegoż prosimy: / A na świecie zbożny pobyt, / Po żywocie rajski przebyt. / Kyrieleison.
Deutsche Übersetzung:
Gottesmutter, Unbefleckte, gottgeweihte Frau Maria, Bei dem Sohne auf dem Throne, benedeite Frau Maria, Bitt für uns, bet für uns! Kyrie eleison. Um des eigenen Täufers willen, Gottessohn, Hör die Stimmen, gib den Menschen rechten Lohn! Hör´s Gebet aus unsrer Mitten Und gewähr, was wir erbitten: Auf der Erde reichen Segen, Nach dem Tod ein ewig Leben. Kyrie eleison.
Gottesmutter, Unbefleckte, gottgeweihte Frau Maria, Bei dem Sohne auf dem Throne, benedeite Frau Maria, Bitt für uns, bet für uns! Kyrie eleison. Um des eigenen Täufers willen, Gottessohn, Hör die Stimmen, gib den Menschen rechten Lohn! Hör´s Gebet aus unsrer Mitten Und gewähr, was wir erbitten: Auf der Erde reichen Segen, Nach dem Tod ein ewig Leben. Kyrie eleison.
Sprache: Polnisch, Schrift: Lateinisch
Denkmal im russischen Teil der Gedenkstätte
(Auf dem russischen Teil der Gedenkstätte)
Соотечественникам – жертвам войн и репрессий / 1995 год
Deutsche Übersetzung:
Den Landsleuten, die Opfer von Krieg und Repression wurden
Den Landsleuten, die Opfer von Krieg und Repression wurden
Sprache: Russisch, Schrift: Kyrillisch
Ereignisse
2. September 2000 - Eröffnung
Feierliche Eröffnung der Gedenkstätte Mednoje
11. Juni 1995 - Grundsteinlegung
Grundsteinlegung für den Friedhof Mednoje
Publikationen der Bundesstiftung
- Kaminsky, Anna (Hrsg.): Erinnerungsorte für die Opfer von Katyn, Leipzig 2013
- Kategorie: Museale Anlage
- Historisch: Ja
- Standort: Südlich der Straße zwischen Mednoje und Jamok
- Stadt: Mednoje
- Gebiet: Gebiet Twer
- Land: Russische Föderation




