Warschau, Polen

Sanktuarium für die im Osten Gefallenen

 
In die Außenwand der katholischen St.-Karl-Borromäus-Kirche von Warschau auf dem Gelände des Friedhofs Powązki (»Stare Powązki«) wurde 1984 ein großes schwarzes Kreuz aus schwarzem Granit eingemauert, in dessen Querbalken die Widmung »Den im Osten Gefallenen« eingraviert ist. Diese Gedenkstätte geht auf die Initiative von Wojciech Ziembiński zurück, einem bekannten Aktivisten des konservativen Flügels der demokratischen Opposition in der Volksrepublik Polen. Gemeinsam mit Stefan Niedzielak, dem Pfarrer der Kirche, hatte er sich bereits seit Ende der 1970er Jahre um das Gedenken an die Opfer der sowjetischen Aggression gegen Polen im September 1939 bemüht. Das Kreuz wurde von Jadwiga Zienkiewiczowa gestaltetet und am 1. November 1984 vom Primas Polens, Kardinal Józef Glemp, geweiht. Der Primas stiftete zudem am 15. März 1986 eine Kopie der Marienikone der »Mutter Gottes von Koselsk«, die ebenfalls an der Kirchenwand angebracht wurde. Kirche und Gedenkort entwickelten sich über die Jahre zu einem Versammlungsort der Angehörigen und Nachfahren der Opfer von Katyń und anderer sowjetischer Verbrechen in Warschau. So gründeten sie im Herbst 1988 die »Katyń-Familie« als landesweiten Opferverband. Der Gemeindepfarrer Stefan Niedzielak wurde wegen seiner Aktivitäten vom Sicherheitsdienst des Regimes bespitzelt und bedroht, bis er am 20. Januar 1989 von »unbekannten Tätern« in seiner Wohnung ermordet wurde. Seine Mörder konnten bis heute nicht er- mittelt werden. Der Nachfolger Niedzielaks, Zdzisław Król, setzte das Engagement seines Vorgängers fort, sodass an der Kirchenmauer im Laufe der 1990er Jahre eine Vielzahl von individuellen Epitaphen für die Opfer von Katyń sowie weitere Häftlinge sowjetischer Lager angebracht wurden. Oberhalb dieser individuellen Gedenktafeln verläuft ein Band aus schwarzem Granit mit einer Inschrift. Außerdem sind an der weißen Kirchenwand zahllose kleine Kreuze angebracht, die eine Bewegung gen Himmel anzudeuten scheinen. Am Fuße des großen Kreuzes befindet sich seit dem 16. September 1990 ein Reliquiar mit dem Schädel eines der in Katyń erschossenen polnischen Offiziere. Er war von Eduard Miloslavič, einem Mitglied der internationalen Expertenkommission, die die Massengräber 1943 in deutschem Auftrag untersucht hatte, als Beweisstück für das Verbrechen nach Jugoslawien mitgenommen und dort 45 Jahre lang im rechtsmedizinischen Institut Zagreb aufbewahrt worden, bevor er an Polen zurückgegeben wurde.

Inschriften

Inschrift auf dem Querbalken des Kreuzes
(An der St.-Karl- Borromäus-Kirche)
Poległym na Wschodzie
Deutsche Übersetzung:
Den im Osten Gefallenen
Sprache: Polnisch, Schrift: Lateinisch
Inschrift auf dem horizontalen Band an der Kirchenmauer
(An der St.-Karl- Borromäus-Kirche)
Nie wolno nam zmarnować tych śmierci / Od 1939 r. / Tibi Polonia … / Obrońcom Kresów RP / Bohaterom KOP-u / Niewinnym ofiarom Katynia · Łagrów · Zsyłek
Deutsche Übersetzung:
Diese Tode dürfen nicht sinnlos gewesen sein. Seit 1939, für Dich Polen … Den Verteidigern der Ostgebiete der Polnischen Republik, den Helden des Grenzschutzkorps, den unschuldigen Opfern von Katyń – der Lager – der Deportationen
Sprache: Polnisch, Schrift: Lateinisch
Inschrift auf der Basis des großen Kreuzes
(An der St.-Karl- Borromäus-Kirche)
Krzyż narodowej pamięci / Ku czci zamordowanych po 17 września 1939 / rzesz rodaków, tysięcy oficerów i żołnierzy WP / Poświęcony przez Prymasa Polski 1. XI. 1984 / Skłoń głowę przed wmurowanymi tu prochami / z Katynia
Deutsche Übersetzung:
Kreuz des nationalen Gedenkens. Zu Ehren der nach dem 17. September 1939 ermordeten Landsleute, der tausenden von Offizieren und Soldaten der Polnischen Armee. Geweiht durch den Primas von Polen am 1. 11. 1984. Neige Dein Haupt vor der hier eingemauerten Asche aus Katyń
Sprache: Polnisch, Schrift: Lateinisch
Inschrift auf der Wand neben dem Reliquiar
(An der St.-Karl- Borromäus-Kirche)
Czaszka oficera Wojska Polskiego / zamordowanego przez N. K. W. D. / w 1940 roku w Katyniu
Deutsche Übersetzung:
Schädel eines Offiziers der Polnischen Armee, der im Jahr 1940 in Katyń vom NKWD ermordet wurde
Sprache: Polnisch, Schrift: Lateinisch

Ereignisse

1. November 1984 - Einweihung
Einweihung des großen schwarzen Gedenkkreuzes

Publikationen der Bundesstiftung

  • Kaminsky, Anna (Hrsg.): Erinnerungsorte für die Opfer von Katyn, Leipzig 2013