Rötha, Deutschland
Linde der Hoffnung mit Gedenktafel „Mölbis in der Wendezeit“
Einen Tag vor der deutschen Wiedervereinigung pflanzten Vertreter der Dorfsanierungs- und Entwicklungsgesellschaft am 2. Oktober 1990 gegenüber dem Pfarrhaus eine Linde. Diese soll symbolisch Hoffnung zum Ausdruck bringen sowie ein Zeichen des Erneuerungs- und Lebenswillens der Gemeindebevölkerung darstellen. Das zu DDR-Zeit unweit des Braunkohleveredelungswerkes Espenhain gelegene Mölbis befand sich im Windschatten der Schwelereischlote des VEB Kombinats und war von massiver Umweltverschmutzung betroffen, weshalb die Gemeinde lange als unbewohnbar galt.
Bis in die 1980er Jahre hinein hatte die Umweltverschmutzung in der DDR katastrophale Dimensionen erreicht: Vom sauren Regen zerstörte Wälder, verschmutzte Luft, vergiftete Gewässer sowie großflächige Landschaftsschäden durch Uran-, Kies- und Braunkohleabbau. Ursachen hierfür waren neben den mangelnden Bemühungen im Umweltschutz, auch der Raubbau an Ressourcen sowie technologisch defizitäre Agrar- und Industrieprozesse, die wiederum auf wirtschaftlichen Problemen und Fehlentscheidungen beruhten. Schädliche Umweltbelastungen erreichten international berüchtigte Rekordwerte: Das Dreieck der chemieverarbeitenden Industrie zwischen Bitterfeld, Halle und Leipzig zählte in den 1980er Jahren zu den am meisten verschmutzten Regionen Europas. Das etwa 15 Kilometer südlich von Leipzig befindliche Mölbis gehörte dazu. Traurige Berühmtheit erlangte es zu DDR-Zeiten als das „dreckigste Dorf Europas“. Vom nahe gelegenen Werk Espenhain – bestehend aus Schwelerei, Kohle- und Brikettfabrik sowie zwei Kraftwerken – trieben in Form dichter Rauchschwaden täglich mehrere Tonnen Teeraerosole, Schwefelwasserstoff, Schwefeldioxid und Ammoniak in der Hauptwindrichtung nach Mölbis. Die Emissionswerte überschritten die Grenzen um das Tausendfache. Bäume verloren hier schon im Mai ihre Blätter. Die Lebensqualität der Anwohner war extrem eingeschränkt. Wesentlich häufiger als in anderen Regionen der DDR litten Kinder an Hautekzemen und Atemwegserkrankungen. Anwohner entwickelten Asthma, Pseudokrupp und Krebs. Immer mehr Menschen verließen die Ortschaft.
Bei den Verbliebenen wuchs angesichts dieser unzumutbaren Verhältnisse und der anhaltenden Ignoranz der Behörden der Protest. Bereits 1981 gründete eine konfessionsübergreifende Gruppe um Pfarrer Walter Christian Steinbach das Christliche Umweltseminar Rötha (CUR). Die Mitglieder setzten sich intensiv mit Umweltthemen auseinander, organisierten Baumpflanzungsaktionen und trugen Informationen über die Auswirkungen des Werkes Espenhain zusammen. Unter dem Motto „Unsere Zukunft hat schon begonnen“ veranstaltete das CUR im Juni 1983 den ersten Umweltgottesdienst in Mölbis, begleitet von Ausstellungstafeln und einer Wallfahrt mit Blick auf den Betrieb. Informationen über die katastrophalen Zustände in der Leipziger Südregion sollten eine möglichst breite Öffentlichkeit erreichen.
In den Folgejahren organisierten die Umweltakteure weitere Gottesdienste und verfassten wiederholt Eingaben. Als sich 1988 – nachdem offizielle Stellen verlautbaren ließen, es könne keine weitere Verbesserung der Situation erreicht werden – Resignation zu verbreiten drohte, entwickelten Pfarrer Steinbach mit dem CUR sowie dem Ökologischen Arbeitskreis der Dresdner Kirchenbezirke die Aktion „Eine Mark für Espenhain“. Da private Unterschriftensammlungen in der DDR verboten waren, bestand die Idee darin, den symbolischen Spendenakt von einer Mark zum Zwecke der Werksanierung per Unterschrift zu quittieren. Innerhalb eines Jahres gelang es nicht nur, im gesamten Land auf die katastrophalen Umweltzustände aufmerksam zu machen, sondern auch – mit etwa 100 000 Unterzeichnern – die größte (illegale) Unterschriftenaktion in der DDR durchzuführen. Der gesamte Betrag floss nach der Währungsunion 1990 und dem Beschluss zur Abschaltung des Industriekomplexes Espenhain, dessen letzter Schwelofen am 27. August 1990 stillgelegt wurde, in die „Zukunftsstiftung Südraum Leipzig“.
Infolge der Umweltproteste, der gesellschaftspolitischen Transformation nach der Friedlichen Revolution und der Abwicklung des Werkes Espenhain konnten in Mölbis der massive Weggang der Bevölkerung aufgehalten und umfassende ökologische sowie stadtbauliche Sanierungsmaßnahmen auf den Weg gebracht werden.
Inschriften
Inschrift der Gedenktafel
Mölbis in der Wendezeit 1989/90 // Die im September 1989 in Leipzig beginnenden Montags- / demonstrationen für demokratische Reformen in der DDR / wuchsen sich noch im Oktober und November desselben / Jahres zu landesweiten Massendemonstrationen gegen / das SED-Regime aus, die – allen Befürchtungen zum Trotz / friedlich verliefen – das Ende der DDR einleiteten. In die- / ser Zeit wurde endlich / auch über die katastro- / phalen Umweltbedingun- / gen in und um Espenhain / öffentlich berichtet und / diskutiert. / In Mölbis heizte sich die / Stimmung zwischen / Befürwortern und Geg- / nern einer Umsiedlung / des Dorfes auf, welche / bereits Ende 1987 von / dem Staatsorganen als / „Lösung“ für das Umwelt- / problem beschlossen worden war. In einer Volksbefragung / im Januar 1980 stimmten noch 77 Prozent der Dorfbewoh- / ner für eine Verlegung der Ortschaft. / Am 10. Juni 1980 fand in Mölbis der achte und letzte Umwelt- / gottesdienst statt, nur wenige Tage vor der Währungsunion. / Trotz einer prominenten Rednerin (Dr. Christine Hildebrandt / SPD) war die Teilnehmerzahl bereits deutlich gesunken. / Der Untergang der DDR-Wirtschaft führte im August 1990 / nämlich zur weitgehenden Stilllegung der giftschleudern- / den Anlagen in Espenhain. / Die Stimmung im Ort begann sich zugunsten seines Erhal- / tens zu drehen. Am Vorabend der deutsche Wiedervereini- / gung startete mit der Pflanzung der heute prächtig entwi- / ckelten „Hoffnungslinde“ / das „Projekt Hoffnung“, / das in Aussicht stellte/ in Mölbis und der Region / wieder ohne Gefahren für / die Gesundheit wohnen, / arbeiten und sich erholen / zu können. / Dieses Vorhaben trug die / Ortsbevölkerung zuneh- / mend mit, sodass die Ziele des Projekts teil- / weise in einer sehr kur- / zen Zeit erreicht wurden. / Die Bereitschaft mitzuarbeiten und gemeinsam Verände- / rungen herbeizuführen, war und ist der Grundgedanken des / „Projekts Hoffnung“. Mit dem Bürgermeister Dietmar Haym / an der Spitze und dem „Projekt Hoffnung“ im Rücken wur- / den mit Hilfe der Dorfsanierungs- und Entwicklungsgesell- / schaft erfolgreich alle Finanzierungsmöglichkeiten genutzt, / um Mölbis zu einem lebens- und liebenswerten Dorf im Süd- / raum Leipzig werden zu lassen.
Sprache: Deutsch, Schrift: Lateinisch
Ereignisse
Oktober 1990 - Einweihung
Pflanzung der Linde der Hoffnung mit Gedenktafel „Mölbis in der Wendezeit“
Literatur
- Steinbach, Walter Christian: „Eine Mark für Espenhain“. Vom Christlichen Umweltseminar Rötha zum Leipziger Neuseenland, 2., korr. u. erw. Auflage, Leipzig: Evangelische Verlagsanstalt, 2019
Publikationen der Bundesstiftung
- Kaminsky, Anna (Hrsg.): Orte des Erinnerns an die Friedliche Revolution, Berlin 2024
- Kategorie: Gedenkort
- Historisch: Nein
- Standort: Unweit des Pfarrhauses Mölbis, Straße der Republik 10
- Stadt: Rötha
- Ortsteil: Mölbis
- Gebiet: Sachsen
- Land: Deutschland
