Berlin, Deutschland

Lernort Keibelstraße

 
Das Ost-Berliner Polizeipräsidium war seit 1948 in der Keibelstraße untergebracht. Der moderne Verwaltungsbau, in der Nähe vom Alexanderplatz wurde 1930/31 vom Karstadt-Konzern gebaut und ging 1934 in Reichsbesitz über. In der 4. Etage standen ab 1936 die IBM-Hollerith-Rechenmaschinen des Reichsamtes für Statistik, dessen Volkszählungen einen maßgeblichen Beitrag zur Erfassung und Verfolgung der jüdischen Bevölkerung in Deutschland leisteten. Nach Abriss des kriegszerstörten Berliner Polizeipräsidiums am Alexanderplatz bezog die Ost-Berliner Polizei am historischen Dienstort das ebenfalls beschädigte, aber wiederhergestellte Gebäude in der Keibelstraße. Dort entstand im Zuge des Wiederaufbaus in einem innenliegenden Gebäudetrakt die Untersuchungshaftanstalt (UHA II) des Ministeriums des Inneren (MdI), die im Oktober 1951 in Betrieb genommen und von der Volkspolizei genutzt wurde. Anders als in der Untersuchungshaftanstalt Rummelsburg (UHA I) – der zweiten vom MdI betriebenen Untersuchungshaftanstalt in Ost-Berlin –waren in der Keibelstraße auch weibliche Gefangene untergebracht. Die „Keibelritze“ hatte einen schlechten Ruf: Überbelegung war ein Dauerproblem. Zusammen mit Kriminellen saßen hier DDR-Bürger ein, denen politische Vergehen vorgeworfen wurden. Sowohl im Präsidium der Volkspolizei als auch in der UHA waren offizielle und inoffizielle Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit aktiv. Im zweiten Stock des ehemaligen Karstadt-Verwaltungsbaus befand sich der Einsatzstab von Erich Honecker, der damals noch in seiner Funktion als Sicherheitssekretär im Politbüro der SED am 13. August 1961 die Abriegelung der Grenze zu den Westsektoren und die dazugehörige Propagandakampagne leitete. Nach der Schließung der Haftanstalt im Sommer 1990 dienten die unteren Stockwerke des Hafthauses als Filmkulisse. Das modernisierte sechste Stockwerk des Gebäudes wurde von den anderen Etagen durch eine Zwischendecke abgetrennt und von 1992 bis 1996 als Abschiebegefängnis sowie für Polizeigewahrsam genutzt. Die Initiativgemeinschaft Ehemaliges Polizeigefängnis setzte sich für eine museale Nutzung des leerstehenden Gefängnistraktes ein, um an diesem Ort an die Verfolgung politischer Gegner und Unangepasster (sogenannter „Asozialer“) in der DDR zu erinnern. Seit 2018 verantwortet die Agentur für Bildung – Geschichte, Politik und Medien e.V. als Trägerin den Betrieb des Lernorts Keibelstraße, der im Februar 2019 im ersten Obergeschoss des ehemaligen Hafthauses eröffnete. Die Agentur für Bildung arbeitete bei der Entwicklung der Dauerausstellung und der Bildungsmaterialien von Anfang an mit dem Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam sowie dem Arbeitsbereich Didaktik der Geschichte der Freien Universität zusammen. Im Mittelpunkt der Bildungsarbeit stehen die Biografien der an diesem Ort Inhaftierten und deren Erfahrungen in der Untersuchungshaft. Entsprechend eines Beschlusses des Berliner Abgeordnetenhauses soll zukünftig der gesamte Bereich des Hafttraktes für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht und der Erinnerungsort für eine museale Nutzung umgebaut werden. Die Senatsverwaltung für Kultur und Gesellschaftlichen Zusammenhalt beauftragte hierfür die Gedenkstätte Berlin–Hohenschönhausen mit der Weiterentwicklung.

Kontakt

Lernort Keibelstraße
Bernhard-Weiß-Straße 6
10178 Berlin

Ereignisse

Februar 2019 - Eröffnung
Eröffnung des Lernortes Keibelstraße

Publikationen der Bundesstiftung

  • Kaminsky, Anna (Hrsg.): Orte des Erinnerns. Gedenkzeichen, Gedenkstätten und Museen zur Diktatur in SBZ und DDR, 3. Aufl., Berlin 2016
 
  • Kategorie: Gedenkort
  • Historisch: Ja
  • Standort: Bernhard-Weiß-Straße 6
  • Stadt: Berlin
  • Ortsteil: Mitte
  • Gebiet: Berlin
  • Land: Deutschland