Chemnitz, Deutschland
Lern- und Gedenkort Kaßberg-Gefängnis
Der kreuzförmige Gefängniskomplex auf dem Chemnitzer Kaßberg wurde in den Jahren 1876/77 als „Königlich-Sächsische Gefangenenanstalt“ errichtet. Wie die Gefängnisse Hoheneck und Bautzen wurde auch die Anlage in Chemnitz von den Nationalsozialisten genutzt. Hier waren eine Untersuchungshaft und eine Strafvollzugsanstalt der NS-Justiz untergebracht. Während der NS-Diktatur waren im Kaßberg-Gefängnis neben gewöhnlichen Kriminellen auch zahlreiche politische Häftlinge inhaftiert. Obwohl die genaue Anzahl der hier während der NS-Zeit Inhaftierten und zu Tode gekommenen Menschen noch nicht ermittelt werden konnte, ist bekannt, dass die Haftanstalt eine Rolle bei der Verfolgung der Chemnitzer Juden spielte. Bereits 1933 befanden sich viele jüdische Häftlinge im Kaßberg-Gefängnis. In der Reichspogromnacht am 9. November 1938 nahm die Gestapo 186 jüdische Männer in Chemnitz und Umgebung in „Schutzhaft“, die im nahegelegenen Polizeigefängnis in der Hartmannstraße und auf dem Kaßberg inhaftiert wurden. Später wurden sie in das KZ Buchenwald verbracht.
Ab 1945 stand der Gefängnisbau unter Kontrolle der sowjetischen Geheimpolizei NKWD. Zu den Untersuchungshäftlingen zählten neben tatsächlichen und vermeintlichen NS-Belasteten auch zahlreiche Menschen, die der sowjetischen Besatzungsmacht als politische Gegner galten. Ein in der Nähe der Haftanstalt tagendes Sowjetisches Militärtribunal verurteilte viele Gefangene in rechtsstaatswidrigen Schnellverfahren zu Haftstrafen von bis zu 25 Jahren oder sogar zum Tod. Die Betroffenen wurden daraufhin in eines der sowjetischen Speziallager überführt und von dort aus in die Arbeitslager in der Sowjetunion verschleppt. Die Todesurteile wurden im berüchtigten Moskauer Butyrka-Gefängnis vollstreckt.
Nach der Übergabe des Gebäudekomplexes an die DDR-Behörden ab 1952 nutzten das Ministerium des Innern (D-Flügel) und die Bezirksverwaltung Karl-Marx-Stadt des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) die Haftanstalt (A-, B- und C-Flügel). Auch die eigenständig arbeitende MfS-Objektverwaltung „Wismut“, die für die geheimpolizeiliche Absicherung des sowjetischen Uranförderbetriebes SAG Wismut (Sowjetische Aktiengesellschaft Wismut, ab 1954 Sowjetisch-Deutsche Aktiengesellschaft Wismut) zuständig war, betrieb in diesem Komplex eine Untersuchungshaftanstalt.
Über die Grenzen Deutschlands hinaus erlangte das Kaßberg-Gefängnis Bekanntheit vor allem als zentraler Sammelort für politische Häftlinge, die von der Bundesrepublik gegen Devisen und Warenlieferungen im Wert von insgesamt mehr als drei Milliarden D-Mark freigekauft wurden. Zwischen 1963 und 1989 gelangten auf diese Weise über 33.000 politische Häftlinge in die Freiheit, annähernd 90 Prozent von ihnen durchliefen dabei das Kaßberg-Gefängnis. Die Abwicklung der Freikäufe über Karl-Marx-Stadt hatte drei wesentliche Gründe: Erstens war der Transport der Häftlinge von dort aus günstig, weil die meisten von ihnen über den Grenzübergang Wartha/Herleshausen in das Notaufnahmelager Gießen gefahren wurden. Zweitens zwang ein Umbau der Strafvollzugseinrichtung Berlin II das MfS dazu, ab 1967 auf ein alternatives Gefängnis auszuweichen. Und drittens verfügte die Untersuchungshaftanstalt in Karl-Marx-Stadt über die erforderlichen Kapazitäten für die kurzzeitige Aufnahme zahlreicher Gefangener.
Im Jahr 1989 waren 329 Untersuchungshäftlinge in den 163 zur Verfügung stehenden Zellen untergebracht, die von 60 Mitarbeitern bewacht wurden. Auch das DDR-Innenministerium nutzte einen kleinen Teil des Gebäudes in der heutigen Hohen Straße als Untersuchungshaftanstalt, in der ebenfalls politische Häftlinge festgehalten wurden.
Die Bezirksgruppe der Vereinigung der Opfer des Stalinismus e.V. lud 1999 zum Gedenktag des Volksaufstandes vom 17. Juni 1953 zur feierlichen Einweihung eines Gedenksteins für die Opfer der Gewaltherrschaft von 1945 bis 1989 an der Hohen Straße ein.
Noch bis 2010 wurde das Gefängnis vom Freistaat Sachsen als Justizvollzugsanstalt genutzt. Der im November 2011 als zivilgesellschaftliche Organisation gegründete Verein Lern- und Gedenkort Kaßberg-Gefängnis e.V. setzte sich von Anfang an für den Erhalt und Ausbau der einstigen Haftanstalt zu einer Gedenkstätte ein, die an die verschiedenen Zeitabschnitte erinnert und im Herbst 2023 eröffnet werden konnte. Einen ersten Teilerfolg hatte der Verein im November 2011 erzielt, als der Sächsische Landtag mit breiter Mehrheit beschloss, „beim beabsichtigten Verkauf der Immobilie […] die Errichtung eines angemessenen und offenen Gedenkortes zur Bewahrung und Präsentation der Historie dieser größten Abschiebehaftanstalt der DDR sicherzustellen“. Mit der Einweihung einer Informationstafel am 17. Juni 2014 durch die Stiftung Sächsische Gedenkstätten in Anwesenheit des Staatsministers und Chefs der Staatskanzlei, Johannes Beermann, wurde ein weiterer Schritt zur Fertigstellung des Gedenkortes getan. Im April 2017 konnte der Lern- und Gedenkort dann mit seiner Open-Air Ausstellung über die (Unrechts-)Geschichte des Ortes feierlich eröffnet werden. Von 2018 bis Frühjahr 2019 entwickelte der Verein ein Nutzungs- und Betriebskonzept. Im Oktober 2023 wurde am historischen Ort eine umfangreiche Dauerausstellung im sogenannten Zellentrakt B eröffnet, in deren Zentrum die Geschichten früherer politischer Häftlinge aus den verschiedenen Verfolgungsperioden stehen. Die Arbeit mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen ebenso wie die Vermittlung ihrer Erfahrungen in Lesungen, Gesprächen, Führungen und Workshops ist ein wesentliches Anliegen des Lern- und Gedenkorts Kaßberg-Gefängnis.
Kontakt
Lern- und Gedenkort Kaßberg-Gefängnis
Kaßbergstraße 16 c
09112 Chemnitz
Homepage: https://gedenkort-kassberg.de/
Inschriften
Inschrift des Gedenksteins für die Opfer der kommunistischen Diktatur
(auf dem Gelände des Lern- und Gedenkorts)
Zum Gedenken / an die hier auf dem Kaßberg / inhaftierten Verfolgten / der kommunistischen Diktatur / in der sowjetischen / Besatzungszone und der DDR. / 1945 bis 1989
Sprache: Deutsch, Schrift: Lateinisch
Inschrift des Gedenksteins für die Opfer der Gewaltherrschaft
(an der Hohen Straße 21)
Den Opfern der / Gewalt- / herrschaft / 1945–1989 / Verzeihen / heißt nicht / vergessen
Sprache: Deutsch, Schrift: Lateinisch
Ereignisse
Oktober 2023 - Eröffnung
Eröffnung des Lern- und Gedenkortes Kaßberg-Gefängnis
April 2017 - Eröffnung
Eröffnung der Open-Air Ausstellung
Juni 1999 - Einweihung
Einweihung des Gedenksteins für die Opfer der Gewaltherrschaft von 1945 bis 1989
Literatur
- Aris, Nancy/Heitmann, Clemens (Hrsg.): Via Knast in den Westen. Das Kaßberg-Gefängnis und seine Geschichte, Leipzig 2013.
- Lern- und Gedenkort Kaßberg-Gefängnis e.V. (Hrsg.): Lern- und Gedenkort Kaßberg-Gefängnis. 1933–1945 Nationalsozialismus NS-Untersuchungs- und Strafgefängnis, 1945 –1952 Sowjetische Besatzungszone und frühe DDR NKWD-Gefängnis, 1952 –1989 DDR Untersuchungshaftanstalt des Ministeriums für Staatssicherheit und des Ministeriums des Innern, Chemnitz 2017.
Publikationen der Bundesstiftung
- Kaminsky, Anna (Hrsg.): Orte des Erinnerns. Gedenkzeichen, Gedenkstätten und Museen zur Diktatur in SBZ und DDR, 3. Aufl., Berlin 2016
- Kategorie: Gedenkort
- Historisch: Ja
- Standort: Kaßbergstraße 16 c
- Stadt: Chemnitz
- Ortsteil: Kaßberg
- Gebiet: Sachsen
- Land: Deutschland



