Warschau, Polen
»Katyń-Senke« auf dem Powązki-Friedhof
Seit Mitte der 1970er Jahre, als die Erinnerung an den Massenmord von Katyń in der Volksrepublik Polen noch offiziell tabuisiert war, entwickelte sich eine kleine Senke neben dem Denkmal »Gloria Victis« für die Toten des Warschauer Aufstands auf dem Powązki-Friedhof zum wichtigsten Gedenkort für die Opfer von Katyń in der polnischen Hauptstadt Warszawa (deutsch: Warschau). Es wurde zum Brauch, dort alljährlich am Katyń-Gedenktag, dem 13. April, am Jahrestag des Ausbruchs des Warschauer Aufstands, dem 1. August, dem Jahrestag des sowjetischen Einmarsches 1939, am 17. September, sowie an Allerheiligen, dem 1. November, Blumen niederzulegen, Kerzen zu entzünden und den Platz mit Fähnchen in den polnischen Nationalfarben zu schmücken. Am 1. August 1979 wurde erstmals ein Holzkreuz aufgestellt. Der Sicherheitsdienst des kommunistischen Regimes war stets bemüht, die immer zahlreicher abgelegten Zeichen des Gedenkens rasch zu entfernen.
Diese gesellschaftlichen Initiativen gewannen in den Jahren 1980–1981 rasch an Breitenwirkung, als die unabhängige Gewerkschaftsbewegung »Solidarność« das zuvor monopolisierte gesellschaftliche Leben Polens revolutionierte. Zwar positionierte sich die »Solidarność«-Führung aus politischer Rücksichtnahme nicht offiziell zu Katyń, wohl aber entstanden in ihrem Umfeld neue Initiativen, die sich das Gedenken an die Opfer und die wahren Täter des Massenmordes auf die Fahnen geschrieben hatten. So wurde in Warschau im April 1981 eine Gruppe gegründet, die sich bald darauf als »Bürgerkomitee zum Bau eines Denkmals für die Opfer von Katyń« konstitutierte und am 31. Juli desselben Jahres in einer konspirativen Aktion ein stattliches, rund vier Meter hohes Granitkreuz in der »Katyń-Senke« aufstellen ließ. Verantwortlich für dessen Realisierung waren in erster Linie der Priester Wacław Karłowicz, der Bildhauer Stanisław Soszyński sowie Arkadiusz Melak. Auf dem Querbalken des Kreuzes war die damals angesichts der offiziellen Leugnung des sowjetischen Verbrechens hoch umstrittene Jahreszahl 1940 zu lesen. Daneben gehörten drei niedrige Stelen mit den Namen der Kriegsgefangenenlager sowie eine symbolische Grabplatte, auf der neben einem gekrönten polnischen Adler die Aufschrift »KATYŃ« und die Abkürzung »WP« für Polnische Armee (Wojsko Polskie) zu lesen waren, zu dem Denkmal. Noch in derselben Nacht wurde dieses jedoch von »unbekannten Tätern« mit schwerem Gerät von seinem Standort entfernt – offensichtlich im Auftrag des staatlichen Sicherheitsdienstes. Das Bürgerkomitee ließ sich davon nicht beirren und legte am 6. Dezember 1981 am selben Ort einen neuen Grundstein in Form einer Geschossattrappe, die wiederum 1983 von einer Pioniereinheit der Bürgermiliz »entschärft« und entfernt wurde.
Um die öffentliche Aufmerksamkeit, die sich im Zuge dieser Auseinandersetzungen um die »Katyń-Senke« entwickelt hatte, zu kanalisieren, bemühte sich nach der Aufhebung des von General Jaruzelski verhängten Kriegsrechts auch der staatlich gelenkte polnische Veteranenverband ZBoWiD (»Verband der Kämpfer für Freiheit und Demokratie«) um die Errichtung eines Katyń-Denkmals an diesem Ort. In einem 1983 vom Warschauer Nationalrat ausgeschriebenen Wettbewerb wurde ein Entwurf der jungen Bildhauer Adam Myjak und Antoni Pastwa ausgewählt. Sie schufen ein Denkmal mit einem vier Meter hohen Granitkreuz, das sich aus einer als Leichentuch gestalteten Granitplatte mit der Inschrift »Den polnischen Soldaten, die in der Erde von Katyń ruhen« erhob. Nachdem bereits mit der Montage in der »Katyń-Senke« begonnen worden war, wurden die Arbeiten überraschend abgebrochen und das Denkmal – wohl auf Intervention der sowjetischen Botschaft – zunächst im Magazin eingelagert. Die Künstler wurden vom Warschauer Stadtpräsidenten, General Mieczysław Dębicki, mehrmals persönlich gedrängt, die Inschrift zu verändern und die deutschen Faschisten als Täter zu benennen. Dies lehnten beide ab. Ihr Denkmal ist heute nicht in der »Katyń-Senke« zu sehen, sondern fand 1995 einen Platz vor der katholischen Kirche im Warschauer Stadtteil Kamionek. Auf dem Powązki-Friedhof ließen die Behörden indes am 30. März 1985 ein anderes Granitkreuz errichten, das von einer Tafel mit der Inschrift »Den polnischen Soldaten, die dem Hitlerfaschismus zum Opfer fielen und in der Erde von Katyń ruhen – 1941« begleitet wurde. Autor dieses Denkmals war Ryszard Cichocki. Obwohl es nicht mit offiziellem Zeremoniell eingeweiht worden war, wurde damals sogar im westdeutschen Bundestag Kritik an dieser offenen Geschichtsfälschung laut. Auch in Polen selbst blieb das Gedenkkreuz bis 1989 höchst umstritten. Im April 1989 versuchte die polnische Regierung, das Problem zu entschärfen, indem sie die Inschrift auf der Tafel ändern ließ. Die nunmehr gewählte Widmung »Den in Katyń ermordeten polnischen Offizieren«, ohne Angabe der politischen Verantwortung oder der Jahreszahl, reichte jedoch nicht mehr aus, um die gesellschaftlichen Erwartungen zu befriedigen. Noch im selben Jahr wurde die Widmung erneut korrigiert. Außerdem wurden am Kreuz zusätzlich in großen Lettern die Inschriften »KATYŃ« und »1940« sowie die Namen der NKWD-Lager angebracht.
In der Nacht vom 5. auf den 6. Juni 1989 wurde auch das im Jahr 1981 heimlich entwendete Denkmal des Bürgerkomitees plötzlich nahe des Friedhofsgeländes wieder aufgefunden. Es wurde schließlich am 8. September 1995 neben dem umgewidmeten offiziellen Denkmal von 1985 wieder aufgestellt. Dabei wurde es um ein symbolisches Trauerband mit der Aufschrift »Wir werden auferstehen« über dem Querbalken des Kreuzes sowie um die Namen der anderen inzwischen bekannt gewordenen Exekutionsstätten Charkiw, Mednoje und Twer (damals Kalinin) ergänzt. Eine im Jahr 2000 enthüllte zusätzliche Tafel informiert über die wechselvolle Geschichte dieses Denkmals, das damit seinen Platz schräg gegenüber dem überarbeiteten »offiziellen« Denkmal gefunden hatte.
Inschriften
Offizielles Denkmal von 1985, nach der Erneuerung 1989
(An der »Katyń-Senke«)
Katyń / 1940 / Kozielsk / Ostaszków / Starobielsk
Sprache: Polnisch, Schrift: Lateinisch
Wiedererrichtetes Denkmal des Bürgerkomitees 1995
(An der »Katyń-Senke«)
1940 / Zmartwychstaniemy / Starobielsk / Kozielsk / ostaszków / Katyń / Charków / Miednoje / Twer / WP
Deutsche Übersetzung:
1940. Wir werden auferstehen. Starobilsk, Koselsk, Ostaschkow, Katyń, Charkiw, Mednoje, Twer. WP [Polnische Armee]
1940. Wir werden auferstehen. Starobilsk, Koselsk, Ostaschkow, Katyń, Charkiw, Mednoje, Twer. WP [Polnische Armee]
Sprache: Polnisch, Schrift: Lateinisch
Erläuterungstafel von 1995
(An der »Katyń-Senke«)
Ten pomnik katyński jako pierwszy w Polsce został wzniesiony konspiracyjnie / staraniem Komitetu Katyńskiego i organizacji niepodległościowych w dniu /
31 lipca 1981 roku. Nocą z 31 lipca na 1 sierpnia 1981 roku pomnik został / zrabowany na polecenie władz komunistycznych PRL. Po ośmiu latach nocą / z 5 na 6 lipca 1989 roku elementy zrabowanego pomnika zostały podrzucone / przez Służbę Bezpieczeństwa w pobliżu cmentarza. / Po sześciu latach dramatycznych
działań Komitetu Katyńskiego, organizacji / niepodległościowych i mieszkańców stolicy pomnik ponownie usytuowano /
w Dolince Katyńskiej w dniu 8 września 1995 roku. /
Pomnik zaprojektowali / ks. Wacław Karłowicz / Arkadiusz Melak / Stanisław Soszyński /
W 60 rocznicę Zbrodni Katyńskiej tablicę odsłonili / Wojewoda Mazowiecki Antoni Pietkiewicz / Prezydent Warszawy Paweł Piskorski / Przewodniczący Komitety Katyńskiego Stefan Melak / poświęcił ks. pralat Wacław Karłowicz
Deutsche Übersetzung:
Dieses Katyń-Denkmal wurde als das erste in Polen am 31. Juli 1981 auf Initiative des Katyń-Komitees und patriotischer Organisationen heimlich errichtet. In der Nacht vom 31. Juli auf den 1. August 1981 wurde das Denkmal auf Anordnung des kommu- nistischen Regimes der Volksrepublik Polen geraubt. Nach acht Jahren, in der Nacht vom 5. auf den 6. Juli 1989, wurden die Teile des geraubten Denkmals vom Sicherheitsdienst in der Nähe des Friedhofs deponiert. Nach sechs Jahren intensiver Bemühungen des Katyń-Komitees, der patriotischen Organisationen und der Einwohner der Hauptstadt wurde das Denkmal am 8. September 1995 erneut in der Katyń-Senke aufgestellt. Das Denkmal wurde von Priester Wacław Karłowicz, Arkadiusz Melak und Stanisław Soszyński entworfen. Diese Tafel enthüllten am 60. Jahrestag des Verbrechens von Katyń der Wojewode von Masowien, Antoni Pietkiewicz, der Präsident von Warschau, Paweł Piskorski, und der Vorsitzende des Katyń-Komitees, Stefan Melak. Sie wurde geweiht von Prälat Wacław Karłowicz
Dieses Katyń-Denkmal wurde als das erste in Polen am 31. Juli 1981 auf Initiative des Katyń-Komitees und patriotischer Organisationen heimlich errichtet. In der Nacht vom 31. Juli auf den 1. August 1981 wurde das Denkmal auf Anordnung des kommu- nistischen Regimes der Volksrepublik Polen geraubt. Nach acht Jahren, in der Nacht vom 5. auf den 6. Juli 1989, wurden die Teile des geraubten Denkmals vom Sicherheitsdienst in der Nähe des Friedhofs deponiert. Nach sechs Jahren intensiver Bemühungen des Katyń-Komitees, der patriotischen Organisationen und der Einwohner der Hauptstadt wurde das Denkmal am 8. September 1995 erneut in der Katyń-Senke aufgestellt. Das Denkmal wurde von Priester Wacław Karłowicz, Arkadiusz Melak und Stanisław Soszyński entworfen. Diese Tafel enthüllten am 60. Jahrestag des Verbrechens von Katyń der Wojewode von Masowien, Antoni Pietkiewicz, der Präsident von Warschau, Paweł Piskorski, und der Vorsitzende des Katyń-Komitees, Stefan Melak. Sie wurde geweiht von Prälat Wacław Karłowicz
Sprache: Polnisch, Schrift: Lateinisch
Ereignisse
2000 - Einweihung
Einweihung der ergänzenden Erläuterungstafel
8. September 1995 - Wiedereröffnung
Wiedererrichtung des Bürgerdenkmals
30. März 1985 - Errichtung
Errichtung des geschichtsverfälschenden Granitkreuzes
31. Juli 1981 - Errichtung
Konspirative Errichtung eines ersten kleinen Mahnmals
Publikationen der Bundesstiftung
- Kaminsky, Anna (Hrsg.): Erinnerungsorte für die Opfer von Katyn, Leipzig 2013
- Kategorie: Gedenkort
- Historisch: Nein
- Standort: Abschnitt A-26 des ehemaligen militärischen Teils des Warschauer Powązki-Friedhofes (»Powązki Wojskowe«), ul. Powązkowska 43/ 45, Bezirk Żoliborz, Warschau
- Stadt: Warschau
- Gebiet: Woiwodschaft Masowien
- Land: Polen





