Schlagsdorf, Deutschland
Grenzhus Schlagsdorf - Informationszentrum zur innerdeutschen Grenze
Das Dorf liegt nahe des Ratzeburger Sees und befand sich bis 1990 unmittelbar an der innerdeutschen Grenze. Durch das Barber-Lyaschenko-Abkommen vom 13. November 1945 über eine Grenzbereinigung in der Region geriet das Dorf an die Demarkationslinie zwischen der britischen und Sowjetischen Besatzungszone. Die Gemeinde Schlagsdorf blieb in der SBZ. 1946 begannen die ostdeutschen Länder mit dem Aufbau einer Grenzpolizei, die gemeinsam mit den Besatzungstruppen die Kontrolle der Demarkationslinie übernahm. Schlagsdorf war Sitz einer Grenzkommandantur.
Mit der Gründung der beiden deutschen Staaten wandelte sich die Demarkationslinie zur Grenze, an der die Regierung der DDR 1952 eine Fünf-Kilometer-Sperrzone einrichtete. Jeder Aufenthalt war hier genehmigungspflichtig und „verdächtige“ Personen wurden von den Sicherheitsorganen zwangsweise ausgesiedelt.
Der Mauerbau 1961 führte zur Verschärfung der Kontrollen und zum Ausbau der Grenzsperranlagen. Im Rahmen der Aktion „Kornblume“ wurden erneut Zwangsaussiedlungen im Grenzsperrgebiet vorgenommen. In den 1970er Jahren wurden die Anlagen zur Sicherung der Grenze weiter ausgebaut, Signal- und Sperrzäune sowie Beobachtungstürme errichtet, Minenfelder angelegt, Selbstschussanlagen angebracht und Kasernen für die Grenztruppen erbaut. Die Kontrolle des Gebietes wurde durch zivile Grenzhelfer und Inoffizielle Mitarbeiter (IM) der Staatssicherheit verstärkt. Kontrollpunkte, Ausgangssperren und die allgegenwärtigen Grenzsicherungsanlagen gehörten zum überwachten Alltag. Nach der Grenzöffnung am 9. November 1989 wurden die Sperranlagen fast vollständig abgebaut.
Das historische Wohngebäude des Domänenpächters wurde 1998/99 zu einem Informationszentrum und Museum ausgebaut. Am 11. November 1999, anlässlich des 10. Jahrestages des Mauerfalls, eröffneten die Landtagspräsidenten von Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein im Grenzhus die Ausstellung über Geschichte und Gegenwart des Grenzraumes im heutigen Landkreis Nordwestmecklenburg. Bereits 1997 hatte der Landkreis Nordwestmecklenburg eine kleine Ausstellung zur Geschichte der Grenze präsentiert, die als Grundlage für die gegenwärtige Exposition war. Das Gebäude beherbergt im unteren Bereich die Touristeninformation, eine Gaststätte und einen Medienraum. In der ersten Etage befinden sich Exponate zur Alltagsgeschichte in Schlagsdorf und eine Ausstellung zur regionalen Geschichte der innerdeutschen Grenze zwischen 1945 und 1989. Themen wie der Grenzverlauf und sein sicherheitstechnischer Ausbau, Zwangsaussiedlungen und geschleifte Dörfer, Ausrüstungen der Grenzeinheiten, Fluchtversuche und Grenzzwischenfälle sowie der Fall der Mauer werden behandelt. Dokumente und Sachzeugnisse sowie Filmberichte mit Ausschnitten aus Zeitzeugengesprächen geben Einblicke in das Leben und Arbeiten an der Grenze. Im Dachgeschoss informiert ein weiterer Ausstellungsabschnitt über die naturräumlichen Besonderheiten der Grenzregion. Seit März 2001 ist auf einem Freigelände unweit des Museums eine Rekonstruktion der Grenzanlagen aus den achtziger Jahren zugänglich. Unter Verwendung von Originalteilen wurden Elemente der Sperranlagen maßstabsgerecht rekonstruiert, z.B. der Grenzsperr- und Signalzaun, die Hundelaufanlage und ein Betonbeobachtungsturm.
Im Jahr 2012 wurde der 3,5 Kilometer lange Grenzparcours „Grenzwege Schlagsdorf. Lesezeichen in der Natur zur deutschen Teilung“ im Außengelände des Schlagsdorfer Grenzhuses eröffnet. Er wurde von der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur gefördert. Auf dem Grenzparcours befinden sich insgesamt 14 verschiedene Stationen, die sich mit den früheren und restaurierten Grenzanlagen, den historischen Begebenheiten und der Landschaft um den Mechower See befassen. Der Weg ist permanent zugänglich, im Grenzhus kann man einen Übersichtsplan und weitere Veröffentlichungen zum Parcours erhalten.
Das Grenzhuus versteht sich als Bildungsstätte und bietet unterschiedliche Formen der Beschäftigung mit der Regionalgeschichte an. Die Mitarbeiterinnen organisieren Diskussionsrunden, Führungen, Lesungen und Projekttage, bieten aber auch touristische Angebote wie Radtouren und Wanderungen im ehemaligen Grenzgebiet.
Kontakt
Grenzhus Schlagsdorf - Informationszentrum zur innerdeutschen Grenze
Neubauernweg 1
19217 Schlagsdorf
Homepage: https://www.grenzhus.de/
Literatur
- Bennewitz, Inge/Potratz, Rainer: Zwangsaussiedlungen an der innerdeutschen Grenze, Berlin 1994 (= Forschungen zur DDR-Geschichte, Bd. 4)
- Molkenthin, Karl-Heinz: Das „Grenzhuus“ in Schlagsdorf – eine verschenkte Chance?, in: Zeitgeschichte Regional 2000, H. 2, S. 54
- Piehl, Ramona: Geschichte und Geschichten entlang der innerdeutschen Grenze in Nordwestmecklenburg, hrsg. vom Kulturamt des Landkreises Nordwestmecklenburg, Grevesmühlen o. J.
- Ullrich, Maren: Geteilte Ansichten. Erinnerungslandschaft deutsch-deutsche Grenze, Berlin 2006
Publikationen der Bundesstiftung
- Kaminsky, Anna (Hrsg.): Orte des Erinnerns. Gedenkzeichen, Gedenkstätten und Museen zur Diktatur in SBZ und DDR, 3. Aufl., Berlin 2016
- Kategorie: Museale Anlage
- Historisch: Ja
- Standort: Neubauernweg 1
- Stadt: Schlagsdorf
- Gebiet: Mecklenburg-Vorpommern
- Land: Deutschland




