Amt Neuhaus, Deutschland
Grenzgänge: Rundweg mit Ausstellungsscheune
Das Gebiet um das heutige Amt Neuhaus mit dem Dorf Konau gehörte bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges zur Provinz Hannover, ab 1945 zur Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) und später zur DDR. Nach den freien Wahlen in der DDR im Mai 1990 beschlossen die acht Gemeinderäte des Gebiets jeweils einstimmig die Umgliederung der Gemeinden aus Mecklenburg-Vorpommern nach Niedersachsen und besiegelten dies durch einen Staatsvertrag zwischen den beiden Ländern. Das Gebiet des ehemaligen Amtes Neuhaus mit einer Fläche von 240 Quadratkilometern und etwa 5 000 Einwohnern ist seit 30. Juni 1993 Teil des Landes Niedersachsen. Durch die dortige Gebiets- und Verwaltungsreform wurden die vormals acht selbstständigen Gemeinden am 1. Oktober 1993 auf eigenen Wunsch zur heutigen Einheitsgemeinde Amt Neuhaus zusammengeschlossen.
Das denkmalgeschützte Dorf Konau an der Elbe ist ein in der Grundstruktur seit Jahrhunderten erhalten gebliebenes Marschhufendorf. Die niederdeutschen Hallenhäuser liegen in einer Reihe am Deich, die Wirtschaftsflächen der Höfe, Hufe genannt, sind wegen der Kosten der Deicherhaltung schmal und lang. Die Elbranddörfer im Amt Neuhaus, Konau, Popelau und Darchau, lagen in dem 1952 durch die DDR-Regierung verordneten Sperrgebiet an der innerdeutschen Grenze. Der Alltag der Bewohner war bestimmt durch die für den 500 Meter breiten Schutzstreifen an der Westgrenze der DDR erlassenen Sonderverordnungen. Die Dorfbewohner wurden registriert und Besucher durften das Schutzgebiet nur mit besonderer Genehmigung betreten. Alle Gaststätten waren geschlossen und der nächtliche Aufenthalt im Freien nicht mehr gestattet. Die sieben im Deichvorgelände gelegenen Höfe von Konau und Popelau sowie die ehemalige Ziegelei in Popelau wurden zur Grenzsicherung abgerissen. Nach 1961 wurden die Grenzbefestigungen verstärkt sowie Wachtürme, ein Kolonnenweg und ein 3,20 Meter hoher Metallgitterzaun gebaut. Der Zaun befand sich zunächst im Deichvorland, musste aber später wegen eines Hochwassers auf die Deichkrone verlegt werden, was seinen bedrohlichen Charakter noch verstärkte. Der freie Blick auf die Elbe war den Bewohnern von Konau fortan versperrt. Nach 1961 gelang es nur wenigen Menschen, über die Elbe in den Westen zu flüchten. Die genaue Zahl der Fluchtversuche ist unbekannt. Für 1961 ist der Fall eines Jugendlichen dokumentiert, der bei seinem Fluchtversuch bei Darchau erschossen wurde. Nach Öffnung der Grenze im November 1989 konnte nach 44 Jahren die Fährverbindung zum westlichen Elbufer nach Neu-Darchau wiederaufgenommen werden.
Im August 1995 gründete sich der Förderverein Konau e. V., um das Ortsbild der Dörfer Konau, Popelau und Darchau aus denkmalpflegerischen Gesichtspunkten zu rekonstruieren, zu erhalten und für den Tourismus zu erschließen.
Der historische Rundweg „Grenzgänge – Leben an der Elbe“ gehört zu dem Expo-2000-Projekt „Fluss, Landschaft, Elbe – Wendepunkte Lüneburg“. Die Route führt am ehemaligen Kolonnenweg und am Wachturm entlang. Insgesamt sind neun Schautafeln an einzelnen Punkten angebracht. Die Text-Bild-Tafeln werfen Schlaglichter auf die Erfahrungen der Bewohner Konaus mit der Grenze und den Sperrgebietsverordnungen. Sie behandeln u.a. die Bedeutung der Fährverbindung zum westlichen Elbufer, die von 1945 bis 1989 unterbrochen war, die Zwangsaussiedlungen, das System der DDR-Grenzsicherung und die Ökologie im Grenzgebiet. Anfangs- und Endpunkt des Rundwegs ist die Ausstellung „Wendepunkte“, die in einer historischen Durchfahrtsscheune in Konau untergebracht ist. Besucher können hier u.a. über Hörstationen Ausschnitte aus Erinnerungsberichten von Bewohnern Konaus anhören.
Literatur
- Hüls, Werner: Das Elbdorf Konau, Lüneburg 1998
Publikationen der Bundesstiftung
- Kaminsky, Anna (Hrsg.): Orte des Erinnerns. Gedenkzeichen, Gedenkstätten und Museen zur Diktatur in SBZ und DDR, 3. Aufl., Berlin 2016
- Kategorie: Museale Anlage
- Historisch: Ja
- Standort: Elbstraße 11
- Stadt: Amt Neuhaus
- Gebiet: Niedersachsen
- Land: Deutschland
