Jahrsau, Deutschland

Geschleiftes Dorf Jahrsau

 
Das ehemalige Rundlingsdorf Jahrsau, das im Jahr 1375 zum ersten Mal urkundlich erwähnt wurde, blieb aufgrund seiner Lage im so genannten „Jahrsauer Sack“ von kriegerischen Auseinandersetzungen, wie dem Dreißigjährigen Krieg, unberührt. Basierend auf der „Verordnung über Maßnahmen an der Demarkationslinie zwischen der DDR und den westlichen Besatzungszonen“ vom 26. Mai 1952 wurden an der deutsch-deutschen Grenze eine fünf Kilometer breite Sperrzone und ein zehn Kilometer breiter Kontrollstreifen eingerichtet sowie Zwangsumsiedlungen durchgeführt. In diesem Zusammenhang wurde Jahrsau seit 1952 systematisch entvölkert und zerstört. Der Ortsteil fiel in den 500-Meter-„Schutzstreifen“ und sollte deshalb von politisch „unzuverlässigen“ Personen „bereinigt” werden. Ziel war es, sich ein „freies Schussfeld an der Staatsgrenze West, nordöstlich von Salzwedel“ zu sichern und den unerlaubten Grenzverkehr zu unterbinden. Am Morgen des 6. Juni 1952 begannen die Zwangsumsiedlungen in dem 39 Einwohner zählenden Jahrsau. Ihnen wurde Delitzsch als neuer Wohnort zugewiesen. Das Schicksal der Zerstörung teilt Jahrsau u. a. mit den altmärkischen Orten Groß Grabenstedt westlich von Salzwedel und Stresow nahe Schnackenburg an der Elbe. 1970 wurden die Gebäude des Dorfes und die Kapelle von Jahrsau abgerissen. Die Glocke ist im Nachbardorf Jeebel erhalten. Im August 1993 wurde die „Wüstung Jahrsau“ einschließlich des 200 Meter entfernten Zaunabschnitts der ehemaligen innerdeutschen Grenze als eines der Zeugnisse der deutschen Teilung durch das Landesamt für Denkmalpflege in die Liste der Denkmale des Landes Sachsen-Anhalt aufgenommen. Eine Informationstafel dokumentiert die Geschichte des geschleiften Dorfes.

Literatur

  • Becker, Ingo: Ein Dorf verschwindet. Jahrsau. Handreichung zur Gestaltung eines Projektes zur Zeitgeschichte sowie zur Nutzung im Geschichtsunterricht, Halle 1997
  • Kürschner, Jörg: Drei knorrige alte Eichen und eine trügerische Stille: Jahrsau und das, was von ihm blieb, in: Altmark-Zeitung, Weihnachten 1991
  • Kürschner, Jörg: Wieder ist Weihnachten, und noch immer ist der „Fall Pagels“' aktuell, in: Altmark-Zeitung, Weihnachten 1992
  • Kürschner, Jörg: Zwangsausgesiedelt: was schert Bonner Bürokraten der Fall der Familie Pagels, in: Altmark-Zeitung, 27.12.1993

Publikationen der Bundesstiftung

  • Kaminsky, Anna (Hrsg.): Orte des Erinnerns. Gedenkzeichen, Gedenkstätten und Museen zur Diktatur in SBZ und DDR, 3. Aufl., Berlin 2016