Johanngeorgenstadt, Deutschland
Gedenktafel zur Erinnerung und Mahnung
Als 1946 die Sowjetische Aktiengesellschaft (SAG) Wismut begann, im Stadtzentrum Uranerze abzubauen, blickte Johanngeorgenstadt bereits auf eine fast 300-jährige Geschichte des Bergbaus zurück. Mehrere sächsische Bergbauunternehmen wurden nach dem Zweiten Weltkrieg zu sowjetischem Eigentum erklärt und der deutschen Zweigstelle der SAG Wismut in Aue unterstellt. Das verarbeitete Uran wurde als Reparationsleistung in die Sowjetunion transportiert und sicherte dort die Rohstoffbasis der sowjetischen Atomindustrie. 1954 wurde die SAG in Sowjetisch-Deutsche Aktiengesellschaft (SDAG) umbenannt und war bis 1990 einer der größten Uran-Produzenten weltweit. In Folge des Abbaus von Uranerzen kam es in den 1950er Jahren zu Bodensenkungen in Johanngeorgenstadt. Auf Druck der Sowjetunion beschloss die DDR-Regierung 1951, das historische Zentrum der Stadt abzureißen. Die Bevölkerung von Johanngeorgenstadt wurde allerdings erst im Mai 1953 darüber in Kenntnis gesetzt. Um ihrer Empörung Ausdruck zu verleihen, versammelten sich am 15. Juni 1953 hunderte Bürger auf dem Marktplatz vor dem Rathaus; jedoch erfolglos. Zudem wurde jede weitere Demonstration von den Sicherheitsorganen unterbunden. Anfang 1954 begann der Abriss der Nordseite des Marktplatzes. Ein Jahr darauf fiel auch das Rathaus dem Abriss zum Opfer. Insgesamt wurden zwischen Bahnhof und Kirche 319 von 440 Häusern dem Erdboden gleichgemacht. Die meisten Handwerker und Gewerbetreibenden mussten ihre Betriebe aufgeben oder wurden zwangsausgesiedelt. 1958 zog sich die SDAG Wismut allerdings wieder aus Johanngeorgenstadt zurück und hinterließ eine völlig zerstörte städtische Infrastruktur.
In Erinnerung an die mutigen Bürger, die im Sommer 1953 versuchten, sich gegen den drohenden Abriss ihrer Heimatstadt zu wehren, wurde am 15. Juni 2013, anlässlich des 60. Jahrestages der Demonstration, eine Gedenktafel enthüllt. Gestiftet wurde die am ehemaligen Standort des alten Rathauses vor der Stadtkirche aufgestellte Tafel von Siegfried Ott. Sie trägt neben vier historischen Fotografien der Jahre 1930, 1932, 1955 und 1960 sowie einem längeren Erläuterungstext auch eine Inschrift.
Inschriften
Inschrift der Gedenktafel
(am Markt)
„ERINNERUNG / an die Teilnehmer der Demonstration / vom 15. Juni 1953, die sich dem / willkürlichen Abriss der historischen / Stadt mutig entgegenstellten // MAHNUNG / im Gedenken an damaliges Leid der / Johanngeorgenstädter vor dem Hintergrund / abermals drohenden Identitätsverlustes unserer Bergstadt“ // Man kann Menschen umsiedeln, ihre Häuser abreissen / und Hilfe verwehren, aber den Stolz der Menschen / und die Liebe zu ihrer Stadt kann man nicht brechen!“
Sprache: Deutsch, Schrift: Lateinisch
Ereignisse
15. Juni 2013 - Einweihung
Einweihung der Gedenktafel zur Erinnerung und Mahnung
15. Juni 1953 - Historie
Demonstration hunderter Bürger gegen die Zerstörung des historischen Zentrums von Johanngeorgenstadt
Publikationen der Bundesstiftung
- Kaminsky, Anna (Hrsg.): Orte des Erinnerns. Gedenkzeichen, Gedenkstätten und Museen zur Diktatur in SBZ und DDR, 3. Aufl., Berlin 2016
- Kategorie: Gedenkort
- Historisch: Ja
- Standort: Markt, gegenüber der Stadtkirche
- Stadt: Johanngeorgenstadt
- Gebiet: Sachsen
- Land: Deutschland
