Stendal, Deutschland
Gedenktafel zur Erinnerung an die Initiatoren der Bürgerbewegung „Neues Forum Stendal“
Anlässlich des 25. Jahrestages der Friedlichen Revolution wurde im November 2014 am Rathaus der Hansestadt eine Gedenktafel zur Erinnerung an die Ärztin Dr. Erika Drees sowie den Blaudrucker Hans-Peter Schmidt enthüllt. Für die Ehrung der beiden Initiatoren des Neuen Forum in Stendal engagierte sich das Ehepaar Emmi und Werner Schulz, die im Herbst 1989 zu den Gründungsmitgliedern der örtlichen Bürgerbewegung gehörten. Die Gestaltung des Erinnerungszeichens übernahm der Künstler Rüdiger Laleike. Die Finanzierung wurde von der H. und H. Kaschade-Stiftung getragen.
Im Sommer 1989 war die Zeit reif. Angesichts der gravierenden Umweltzerstörung, der maroden Wirtschaft, der zunehmenden Widersprüche, in die sich das SED-System verwickelte und der Reformunwilligkeit der politischen Führung war der gesellschaftspolitische Aufbruch nicht mehr aufzuhalten. Eine der wichtigsten oppositionellen Stimmen in Stendal war die Ärztin Erika Drees. Während ihres Medizinstudiums in Kiel und West-Berlin engagierte sie sich in der Evangelischen Studentengemeinde. Bereits Ende der 1950er Jahre geriet sie aufgrund ihrer Verbindungen zu Kommilitonen in Ostdeutschland ins Visier des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS). Bei einem DDR-Aufenthalt im Sommer 1958 verhaftete sie das MfS und warf ihr „staatsgefährdende Hetze und Propaganda“ vor. Drees hatte Freunden Bücher mitgebracht und sich kritisch mit der DDR auseinandergesetzt. Bevor das Ermittlungsverfahren gegen sie aufgrund mangelnder Beweise fallen gelassen wurde, verbrachte Erika Drees neun Monate in der berüchtigten Haftanstalt „Roter Ochse“ in Halle (Saale). Nichtsdestotrotz siedelte sie 1960 in die DDR über, um am Aufbau „einer gerechteren, nichtkapitalistischen Gesellschaftsordnung“ mitwirken zu können und ließ sich ab 1975 gemeinsam mit ihrer Familie in Stendal nieder. Hier schloss sie sich Ende der 1970er Jahre im kirchlichen Umfeld verschiedenen Widerstandsgruppen wie „Frauen für den Frieden“ oder „Frieden konkret“ an. Als im Frühjahr 1989 bekannt wurde, dass die Ergebnisse der Kommunalwahlen gefälscht waren, sowie insbesondere nachdem die SED-Führung die blutige Niederschlagung der chinesischen Demokratiebewegung auf dem Platz des Himmlischen Friedens ausdrücklich rechtfertigte, regte Erika Drees gemeinsam mit weiteren Mitstreiterinnen die Durchführung von Friedensgebeten in der Stendaler St. Petrikirche an. Ab dem 20. Juli fanden diese regelmäßig an jedem dritten Donnerstag im Monat, später wöchentlich, statt.
Beim Gründungstreffen des Neuen Forum in Grünheide am 9. September zählte sie zu den Erstunterzeichnern des Aufrufs „Aufbruch 89“. Diesen nahm sie mit nach Stendal und warb dort für Unterschriften. Gemeinsam mit Pastor Hans-Jochen Tschiche meldete sie die Bürgerinitiative am 19. September beim Stellvertretenden Vorsitzenden für Inneres im Rat des Bezirkes Magdeburg offiziell an. Wie überall wurde die Anmeldung verweigert. Dress’ Anschrift galt als Kontaktadresse des Neuen Forum. In dieser Zeit fanden zunehmend mehr Menschen zum Friedensgebet. Am 21. September erschienen etwa 100 Personen in der St. Petrikirche, wöchentlich schlossen sich weitere Stendaler an. Am 26. Oktober beteiligten sich rund 3000 Stendaler. Ihre Transparente trugen Losungen wie „Offene Grenzen“, „Neues Forum zulassen“ oder „Wir fordern endlich demokratische Wahlen“. Wenige Tage später diskutierten im Rathaus am 31. Oktober staatliche Funktionäre mit Vertretern des Neuen Forum, darunter auch Erika Drees. Die Aktivisten der Bürgerbewegung forderten die offizielle Zulassung des Forums, adressierten die manipulierten Kommunalwahlen im Mai und verlangten die Aufgabe des Alleinvertretungsanspruchs der SED. Im Anschluss an die Veranstaltung rief Hans-Peter Schmidt, der Mitbegründer des Neuen Forum Stendal und ein Bekannter von Erika Drees, die anwesende Öffentlichkeit für den 2. November nach dem Friedensgebet zum Demonstrationszug Richtung Marktplatz auf.
An diesem Tag erschienen so viele Menschen zum Gottesdienst, dass das Friedensgebet zum ersten Mal von der St. Petrikirche in den Stendaler Dom verlegt werden musste. Im Verlauf des anschließenden Protestmarsches erklang vor der MfS-Kreisdienststelle die Losung „Stasi in die Volkswirtschaft“. In die Fenster der Pass- und Meldebehörde stellten Demonstranten brennende Kerzen. Auf dem Marktplatz fanden sich schließlich bis zu 5000 Menschen zusammen. Vier Tage später, am 6. November, fand erneut eine Demonstration statt. Erika Drees und Hans-Peter Schmidt traten vor tausenden Anwesenden mit Redebeiträgen auf. Sie forderten freie Wahlen, Presse- und Meinungsfreiheit. Am 9. November gab in Berlin der Sekretär des Zentralkomitees der SED und Politbüromitglied, Günter Schabowski, zum Ende einer Pressekonferenz das Inkrafttreten einer neuen Reiseregelung für DDR-Bürger bekannt. Am selben Abend war das Friedensgebet im Stendaler Dom übervoll, die Nachrichten aus der Hauptstadt bestimmten das Gespräch. Die Menschen realisierten, dass die Mauer endlich gefallen war.
Inschriften
Inschrift der Gedenktafel
(am Rathaus)
Dr. Erika Drees / 1935-2009 // Hans-Peter Schmidt / 1941-2002 //Neues Forum // Zur Erinnerung / an die Initiatoren der Bürgerbewegung / Neues Forum in Stendal / und Hauptredner der ersten freien / Großkundgebung / auf dem Stendaler Marktplatz / am 6. November 1989
Sprache: Deutsch, Schrift: Lateinisch
Ereignisse
November 2014 - Einweihung
Enthüllung der Gedenktafel zur Erinnerung an die Initiatoren der Bürgerbewegung „Neues Forum Stendal“
Publikationen der Bundesstiftung
- Kaminsky, Anna (Hrsg.): Orte des Erinnerns an die Friedliche Revolution, Berlin 2024
- Kategorie: Gedenkort
- Historisch: Nein
- Standort: am Rathaus, neben der Gerichtslaube
- Stadt: Stendal
- Gebiet: Sachsen-Anhalt
- Land: Deutschland
