Pirna, Deutschland
Gedenktafel zur Erinnerung an die Friedliche Revolution
Vor der Hospitalkirche erinnert seit dem 3. Oktober 2020 eine Gedenktafel an die Ereignisse der Friedlichen Revolution. An der Enthüllungszeremonie nahmen der Mitbegründer des Neuen Forum in Pirna Matthias Piel, der Oberbürgermeister Klaus-Peter Hanke sowie der Stadtrat Sebastian Gilbert teil.
Die Bedrohung durch das atomare Wettrüsten, das Waldsterben im Erzgebirge, die gravierende Luft- und Wasserverschmutzung in der Region, der Verfall der historischen Altstadt sowie die tabuisierte Geschichte der NS-Tötungsanstalt auf dem Sonnenberg – in den Jahren 1940 / 1941 ermordeten die Nationalsozialisten an diesem Ort über 13 000 zumeist psychisch kranke und geistig behinderte Menschen – mobilisierten Ende der 1980er Jahre in Pirna immer mehr Menschen. Drei Gruppen waren dabei besonders aktiv: Die Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges, der Ökumenische Umweltkreis beim Evangelisch-Lutherischen Kirchenbezirk Pirna sowie die Evangelisch-Lutherische Kirchengemeinde St. Marien. Letztere ging bereits 1983 aus dem konziliaren Prozess hervor, einer weltweiten christlichen Bewegung für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung. Ihre Mitglieder trafen sich zunächst noch im Verborgenen, im Schutz des kirchlichen und privaten Raums. Ab dem Frühjahr 1989 suchte die Gruppe jedoch verstärkt die Öffentlichkeit. Ab April 1989 kündigte sie ihre jeden Donnerstagabend stattfindenden Zusammenkünfte mit einem an der Hospitalkirche angebrachten Banner an: „Zusammensetzen – Auseinandersetzen. Die Friedensgruppe St. Marien lädt herzlich ein“. Die Treffen dienten dem freien Gedankenaustausch und der Diskussion aktueller Ereignisse, so auch der kritischen Auseinandersetzung mit den manipulierten Kommunalwahlen vom 7. Mai 1989. Im selben Monat intensivierte sich das Bestreben der Friedensgruppe sich mit anderen oppositionellen Bewegungen zusammenzuschließen. Die „Initiative zur demokratischen Erneuerung der Gesellschaft“ (DI) rund um den Medizinstudenten und Bürgerrechtler Michael Arnd in Leipzig bot hierfür eine Gelegenheit, sodass im Juni 1989 mit der Sammlung von Unterstützerunterschriften begonnen wurde. Als sich am 24. September 1989 in der Leipziger Markusgemeinde die neu gegründeten Bürgerbewegungen – allen voran das Neue Forum, zu dessen Gunsten sich das DI in Leipzig auflöste, aber auch Gruppierungen wie Demokratie Jetzt und die Vereinigte Linke – für Austausch, Vernetzung und Koordinierung ihrer Initiativen trafen, waren auch Vertreter der Friedensgruppe St. Marien anwesend. Sie knüpften Kontakte zum Neuen Forum und vereinbarten, als dessen Ansprechpartner in der Region unmittelbar hinter Dresden zu fungieren.
Aus den Donnerstagstreffen in der Hospitalkirche, welche die Friedensgruppe im Frühjahr für alle Interessierten öffnete, erwuchsen im Herbst wöchentliche Friedensgebete. Waren Anfang des Jahres jeweils etwa ein Dutzend Menschen zu den Zusammenkünften erschienen, versammelten sich zum Ende des Jahres jede Woche bis zu 200 Pirnaer zum gemeinsamen Gebet. Als am 4. Oktober 1989 Sonderzüge mit DDR-Flüchtlingen aus der Prager Botschaft auf ihrem Weg durch die DDR Pirna passierten, wurde beschlossen, ein ökumenisches Friedensgebet in der katholischen Klosterkirche abzuhalten. Nach dem Gottesdienst, an dem über 1000 Menschen teilnahmen, kam es jenseits der Unterschriftensammlung für das noch verbotene Neue Forum, erstmals zur Gründung thematischer Arbeitsgruppen in Pirna.
Am 8. November 1989 ließ das Innenministerium der DDR die Bürgerbewegung offiziell als Vereinigung zu. Am 9. November fiel die Berliner Mauer. Am 10. November erhielt das Volkspolizeikreisamt in Pirna die erste Anmeldung für eine Demonstration, an der am 19. November etwa 8000 Menschen teilnahmen. Mit Losungen wie „Die Stasi soll die Straße fegen, statt dicke Akten anzulegen“ und „Neues Forum für neue Wahlen“ konnten die Pirnaer für freie Wahlen, Umweltschutz und die Erhaltung der mittelalterlichen Altstadt offen auf die Straße gehen.
Inschriften
Inschrift der Gedenktafel
(an der Hospitalkirche)
Historischer Ort der friedlichen / Revolution 1989 // In der Plauener Hospitalkirche traf sich seit dem Frühjahr 1989 wöchentlich die / Friedensgruppe St. Marien. Unter dem Motto „Zusammensetzen – Auseinan- / dersetzen“ wurde öffentlich zu Vorträgen, Gesprächen und Ausstellungen / eingeladen. Anliegen war die Überwindung der Kommunikationsstörung zwi- / schen Staat und Gesellschaft. Im Herbst 1989 folgten immer mehr Menschen / dieser Einladung, was zu den wöchentlichen Friedensgebeten in der Hospital- / kirche führte. Ein besonders brisanter Abend war am 4. Oktober 1989, weil die / Züge mit den DDR-Flüchtlingen aus der Prager Botschaft Pirna passierten. An / diesem Abend fand das Friedensgebet in ökumenischer Form in der Kloster- / kirche statt. Aus den Aktivitäten der Friedensgruppe St. Marien entstand das / NEUE FORUM der Region Pirna. Aus einer kirchlichen Gruppe bildete sich eine / gesellschaftspolitische Plattform.
Sprache: Deutsch, Schrift: Lateinisch
Ereignisse
Oktober 2020 - Einweihung
Einweihung der Gedenktafel zur Erinnerung an die Friedliche Revolution
Publikationen der Bundesstiftung
- Kaminsky, Anna (Hrsg.): Orte des Erinnerns an die Friedliche Revolution, Berlin 2024
- Kategorie: Gedenkort
- Historisch: Ja
- Standort: Siegfried-Rädel-Straße 11, vor der Hospitalkirche
- Stadt: Pirna
- Gebiet: Sachsen
- Land: Deutschland
