Suhl, Deutschland

Gedenktafel zur Erinnerung an die Friedliche Revolution 1989

 
Zum 20. Jubiläum der ersten freien und geheimen Wahlen in der ehemaligen DDR wurde am 18. März 2009 an der Hauptkirche in Suhl eine Gedenktafel zur Erinnerung an die Friedliche Revolution 1989 enthüllt. Initiiert wurde die Tafel von den Freien Wählern in Suhl. Die Finanzierung konnte durch eine Spendensammlung des Kirchenkreises „Henneberger Land“ gewährleistet werden. Suhl, der kleinste Bezirk der DDR, galt aus Sicht der SED bis zur Friedlichen Revolution hinsichtlich oppositioneller Bewegungen als verhältnismäßig ruhig. In der historischen Nachbetrachtung scheint es, als sei der Wille zur Veränderung wohl unterschätzt worden. Erste Anzeichen für Unzufriedenheit zeigten sich bereits während der Kommunalwahlen im Mai 1989, als die Nationale Front erstmals weniger als 99 Prozent Ja-Stimmen erhielt. Die Erneuerungsbewegungen speisten sich aus zwei unterschiedlichen Milieus: dem christlich-ökologischen in den Kirchen des Bezirks und dem der Künstler und Kulturschaffenden in Suhl und Meiningen. Der Kirchenkreis „Hennerberger Land“ tat sich als erstes hervor, als er auf einer Tagung des evangelischen Pfarrkonvents die Arbeitsgruppe „Gesellschaftliche Erneuerung“ ins Leben rief. Es wurden kritische Gottesdienste veranstaltet und der Aufruf „Aufbruch ´89“ des Neuen Forums verbreitet. Am 15. Oktober 1989 versammelten sich zu einem Gottesdienst des Pfarrers Bernd Winkelmann unter dem Titel „40 Jahre DDR“ tausende Bürger in der Suhler Hauptkirche, um Kritik an der Staatsführung zu üben. Zu erneuten Zusammenkünften in den beiden Suhler Kirchen kam es am 18. Oktober 1989, in deren Folge auf Initiative Winkelmanns ein Arbeitskatalog für künftige „Aktions- und Initiativgruppen“ ausgearbeitet wurde. Am 9. November 1989 fand in Suhl die erste Großkundgebung des Neuen Forums statt. Mehr als 20 000 Bürger aus Suhl und umliegenden Orten versammelten sich nach dem Gottesdienst und zogen in einem Demonstrationszug vom Steinweg zum Ernst-Thälmann-Platz. Weitere Großdemonstrationen folgten. Am Abend des 4. Dezembers 1989 kamen auf Einladung des Neuen Forums wieder 2 000 bis 3 000 Menschen vor der Stadthalle Suhl zusammen. Da ein erstes Gespräch mit dem Stasi-Generalmajor Gerhard Lange über die Zukunft der Unterlagen und Räumlichkeiten des MfS fehlschlug, begab sich der aufgebrachte Protestzug zur MfS-Bezirksverwaltung. 4 000 bis 5 000 Menschen drängten am Eingangstor auf Einlass. Erst nach zähen Verhandlungen wurde einem ausgewählten Bürgerkomitee Zutritt gewährt. Auf seinem Rundgang versiegelte das Komitee Räume und Innenschränke, während der Generalmajor versuchte, das Vorgehen zu verzögern. Später stellte sich jedoch heraus, dass noch während des nächtlichen Rundgangs Unterlagen aus dem Nebenausgang weggebracht wurden. Am Folgetag sollte das gesamte Gelände versiegelt werden. Ein Großteil der MfS-Akten konnte von couragierten Bürgern gesichert werden. Im Dezember 1989 wurde schließlich das Bezirksamt der Stasi aufgelöst und die MfS-Untersuchungshaftanstalt Suhl geschlossen. Der damalige Bezirksstaatsanwalt Dr. Klaus Schulze forderte in einem Gespräch mit Pfarrer Bernd Winkelmann und dem Suhler Superintendenten Erhard Kretschmann die Kirche dazu auf, einen „Runden Tisch des Bezirkes“ einzuberufen, um die Ordnung wiederherzustellen. Dieser trat erstmals am 13. Dezember 1989 im Gemeindehaus Suhl zusammen und tat dies in der Folge regelmäßig bis zum April 1990.

Inschriften

Inschrift der Gedenktafel
(an der Hauptkirche St. Marien)
Friedliche Revolution 1989 // Wir sind das Volk / 15. Oktober 1989 / Friedensgebet in der Hauptkirche Suhl / mit 2.000 Menschen // Ohne Gewalt / 4. November 1989 / Demonstration von 20.000 Menschen / von den Kirchen zum Thälmannplatz / (Platz der Deutschen Einheit) // Wir sind ein Volk / 9. November 1989 / Grenzöffnung und Mauerfall // Wir wollen frei sein / 4. Dezember 1989 / Entmachtung der Staatssicherheit / Sicherung der Unterlagen durch Bürgerkomitee // Wir fordern / freie und geheime Wahlen / 13. Dezember 1989 / 1. Sitzung / Runder Tisch des Bezirkes / 18. März 1990 / Volkskammer wird erstmals frei gewählt.
Sprache: Deutsch, Schrift: Lateinisch

Ereignisse

18. März 2009 - Einweihung
Gedenktafel zur Erinnerung an die Friedliche Revolution 1989

Literatur

  • Mittelsdorf, Harald: Die „Runden Tische“ der Bezirke Erfurt, Gera und Suhl als vorparlamentarische Gremien im Prozess der Friedlichen Revolution 1889/90, hrsg. vom Thüringer Landtag, Weimar 2009.
  • Winkelmann, Bernd: Friedliche Revolution 1989/90 – Das Wirken christlicher Basisgruppen. Ein Erfahrungsbericht aus dem ehemaligen Bezirk Suhl, Leipzig 2009.

Publikationen der Bundesstiftung

  • Kaminsky, Anna (Hrsg.): Orte des Erinnerns. Gedenkzeichen, Gedenkstätten und Museen zur Diktatur in SBZ und DDR, 3. Aufl., Berlin 2016