Anklam, Deutschland

Gedenktafel zur Erinnerung an den „Schwarzen Mittwoch“

 
Als „Schwarzer Mittwoch“ ging der 20. September 1961 in die Geschichte ein. An der damaligen „Geschwister Scholl-Schule“ wurden Anfang September den männlichen Schülern anlässlich der staatlich verordneten Kampagne „Das Vaterland ruft – Schützt die sozialistische Republik“ aufgefordert, sich „freiwillig“ zum zweijährigen Dienst in der Nationalen Volksarmee zu verpflichten. Die Mädchen sollten an Zivilschutzlehrgängen teilnehmen. Die Anklamer Schüler der damaligen 12. Klassen protestierten dagegen, indem sie am 19. September beim Fahnenappell das Mitsingen verweigerten und zu Boden blickten. Am 20.September erschienen alle Schüler der Klasse 12b schwarz gekleidet zum Unterricht. Mit dieser gemeinschaftlichen Trauer wollten sie demonstrativ ihre Zukunft zu Grabe tragen. Zudem legen sie im Staatsbürgerkunde-Unterricht eine Trauerschleife und ein rotes Bonbon als Anspielung auf die ironische Bezeichnung von SED-Abzeichen auf den Lehrertisch. Der damalige Bezirksschulinspektor Buß meldete das „Vorkommnis“ nach Berlin. Als Reaktion darauf werden der als „Rädelsführer“ bezeichnete Schüler Rainer Penzel sowie drei seiner Mitschüler von Mitarbeitern des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) am 21. September festgenommen. Insgesamt 27 Schüler wurden von der Schule relegiert und damit vom Abitur und späteren Studienmöglichkeiten ausgeschlossen. Zudem wurden vier Lehrer strafversetzt und fünf Lehrer aus dem Schuldienst fristlos entlassen. Werner Neugebauer, damals verantwortlich für Volksbildung im ZK der SED, appellierte am 26. September 1961 an die Genossen Hager, Ulbricht und Honecker, dass die Anklamer Schule von „konterrevolutionären Elementen“ zu säubern sei. Im Januar 1962 wurde den inhaftierten Schülern der Prozess gemacht. Rainer Penzel erhielt wegen „staatsgefährdender Propaganda und Hetze“ eine fünfjährige Zuchthausstrafe. Seine Mitschüler Peter Glausa und Gerhard Tietgen wurden zu jeweils dreieinhalb Jahre Zuchthaus verurteilt. Als konkrete Tatbestände wurden das Nicht-Mitsingen und das Erscheinen zum Unterricht in schwarzer Oberbekleidung angeführt. Im Gebäude des früheren Anklamer Gymnasiums erinnert seit Juni 2010 eine Gedenktafel an die Ereignisse vom September 1961. Rainer Penzel war bei der feierlichen Enthüllung der Tafel anwesend. Er bemerkte, dass sich der DDR-Staat durch das absurde Verhalten nur Staatsfeinde geschaffen habe. Zugleich erinnerte er an die Unterstützung durch viele Lehrer. Sechs der betroffenen Schüler hätten später in Greifswald das Abitur ablegen können. Penzel selbst wurde Lehrer und Schulrat.

Inschriften

Inschrift der Gedenktafel
(im Gebäude des früheren Anklamer Gymnasiums)
Der ‚Schwarze Mittwoch‘ 1961 – / ein unrühmliches Kapitel / in der Geschichte unserer Schule. // Am 20. September 1961 protes- / tierten Schüler der Klasse 12 B / gegen die erpresserischen Methoden / des Ulbricht-Regimes bei der Werbung / für die Armee der DDR. Auf Weisung / der Partei- und Staatsführung wurden / daraufhin 27 Schüler relegiert, drei von / ihnen als angebliche Rädelsführer / zu mehrjährigen Zuchthausstrafen / verurteilt. Der amtierende Direktor / sowie drei Lehrer und zwei Erzie- / herinnen wurden fristlos aus dem / Schuldienst entlassen.
Sprache: Deutsch, Schrift: Lateinisch

Ereignisse

Juni 2010 - Einweihung
Einweihung der Gedenktafel zur Erinnerung an den „Schwarzen Mittwoch“

Publikationen der Bundesstiftung

  • Kaminsky, Anna (Hrsg.): Orte des Erinnerns. Gedenkzeichen, Gedenkstätten und Museen zur Diktatur in SBZ und DDR, 3. Aufl., Berlin 2016
 
  • Kategorie: Gedenkort
  • Historisch: Ja
  • Standort: Leipziger-Allee 22-25
  • Stadt: Anklam
  • Gebiet: Mecklenburg-Vorpommern
  • Land: Deutschland