Malchow, Deutschland
Gedenktafel zur Erinnerung an den 27. Oktober 1989
Seit dem 27. Oktober 2019 erinnert vor der Marienkirche der mecklenburgischen Inselstadt eine Gedenktafel an das erste Friedensgebet im Herbst 1989. Die feierliche Enthüllungszeremonie fand im Anschluss an einen Gedenkgottesdienst und in Anwesenheit des Pfarrers Wolf Beckmann und der Pastorin Irmgard Ehlers statt. Beide waren während der Friedlichen Revolution in Malchow aktiv.
Im September und Oktober 1989 spitzte sich der Unmut der Bevölkerung gegen die erstarrten Verhältnisse in der DDR weiter zu. Die Reformunwilligkeit der SED-Führung machte sich nicht nur darin bemerkbar, dass Tausende Bürger über die bundesdeutschen Vertretungen in Warschau, Prag und Budapest ihre Ausreise aus der DDR zu erzwingen versuchten. Zugleich verstärkten sich die Protestaktionen im Land und das nicht nur in Leipzig, Dresden oder Berlin. Insbesondere in den Tagen nach den Feierlichkeiten zum 40. Jahrestag der DDR, die in großem Kontrast zur Stimmung im Land standen, gingen die Menschen in vielen Orten wie Plauen, Jena, Karl-Marx-Stadt, Magdeburg und Potsdam für Reformen auf die Straßen. In zahlreichen weiteren Städten und Gemeinden in der gesamten DDR gab es Demonstrationen, Fürbittgottesdienste und Friedensandachten. Bürgerbewegungen wie das Neue Forum, Demokratischer Aufbruch oder Demokratie Jetzt entstanden, die Sozialdemokratische Partei (SDP) gründete sich in Schwante. Nachdem Erich Honecker am 18. Oktober 1989 als Generalsekretär des Zentralkomitees der SED zurücktreten musste und Egon Krenz „einmütig“ als Nachfolger im Amt berufen wurde, demonstrierten am 24. Oktober Tausende Menschen in Ost-Berlin gegen diese „Wahl“.
In Malchow führte Pfarrer Beckmann am 27. Oktober 1989, in Abstimmung mit dem Kirchengemeinderat, das erste Friedensgebet durch. An dem Gottesdienst – der „Gebetsandacht für den Dialog in unserem Land“, wie der Abend offiziell genannt wurde – nahmen etwa 450 Menschen teil. Begleitet vom Glockengeläut der Marienkirche, das die Pastorin Irmgard Ehlers gemeinsam mit einer Helferin anschlug, zog die Versammlung anschließend in einem Kerzen-Marsch die Güstrower Straße entlang bis hin zum einstigen „Klubhaus der Werktätigen“, der heutigen „Villa Auguste“. Am 6. November organisierte sich nach der Friedensandacht erneut ein Demonstrationszug mit etwa 200 Teilnehmern, diesmal in Richtung des Neuen Marktes, wo die Anwesenden ihre Kerzen symbolisch aufstellten.
Inschriften
Inschrift der Gedenktafel
(vor der Stadtkirche)
1989: Friedliche / Revolution // Inselstadt Malchow. // Nachdem zwei mutige Malchower Ende Oktober 1989 mit bewunderns- / werter Entschlossenheit für politische Veränderungen in Malchow ein- / traten und Mitstreiter suchten, fanden sie bei Pastor W. Beckmann und / dem Kirchgemeinderat die nötige Unterstützung. Mündlich wurden die / Malchower über ein Bittgottesdienst in der Stadtkirche informiert / und am // Freitag dem 27. Oktober 1989 // fanden hier, an diesem Ort, erstmals die friedlichen Demonstrationen der bürgerlichen Ungehorsams statt. // Vor 450 Menschen wurden Bitten nach politischen Veränderungen, / Reisefreiheit, Pressefreiheit, Abschaffung der Vormachtstellung der / SED und nach freie Wahlen formuliert. Im Anschluss an den Bitt- / gottesdienst formierten sich die Teilnehmer zu einer Demonstration / mit Kerzen in der Hand und gingen durch die Güstrower Straße. / Von hier aus begann maßgeblich der politische Dialog. Einwohnerver- / sammlungen, weitere fünf Bittgottesdienste, Demonstrationszüge zum / neuen Markt, zum Polizeierholungsheim und dem Alten Markt folgten / dieser ersten Bekundung in der Stadtkirche nach politischen Veränderun- / gen. Mit Karten wurde gegen die staatliche Meinung, dass es den Malchowern nur um Republikflucht ginge, ein Zeichen gesetzt und versucht, / sich gegen einen weiteren Exodus in Richtung Westen zu positionieren. / Mit dem Lied „Kein schöner Land in dieser Zeit“ machten sich die De- / monstranten gegenseitig Mut und wiesen gleichzeitig auf die Schönheit / unserer einmaligen Umgebung hin. / Zum 30. Wiederkehr dieser bewegenden Ereignisse soll an dieser Stelle des / Mutes und der Entschlossenheit vieler Malchower gedacht werden. Mit / dem Wahlspruch „Wir sind das Volk“ wurde die erste friedliche Revolu- / tion in der deutschen Geschichte verwirklicht und nach 40 Jahren Tren- / nnung, die deutsche Wiedervereinigung besiegelt.
Sprache: Deutsch, Schrift: Lateinisch
Ereignisse
27. Oktober 2019 - Einweihung
Einweihung der Gedenktafel zur Erinnerung an den 27. Oktober 1989
Literatur
- Langer, Kai: „Ihr sollt wissen, daß der Norden nicht schläft ...“. Zur Geschichte der „Wende“ in den drei Nordbezirken der DDR, Bremen: Ed. Temmen, 1999
- Ismail, Ernst-Alexander et al: Die Ereignisse zur Wende in Malchow und Umgebung, in: Heft 16. Zur Geschichte der Inselstadt Malchow, hrsg. von der Inselstadt Malchow, 2019
Publikationen der Bundesstiftung
- Kaminsky, Anna (Hrsg.): Orte des Erinnerns an die Friedliche Revolution, Berlin 2024
- Kategorie: Gedenkort
- Historisch: Ja
- Standort: vor der Stadtkirche, Kirchstraße
- Stadt: Malchow
- Gebiet: Mecklenburg-Vorpommern
- Land: Deutschland
