Jessen, Deutschland
Gedenktafel zum 17. Juni 1953
Die damalige Kreisstadt Jessen war 1953 ein Zentrum des bäuerlichen Widerstandes gegen die repressive SED-Landwirtschaftspolitik. Im Mittelpunkt der Proteste stand die Forderung, die Politik der Zwangskollektivierung zu stoppen und den privaten Bauern gleiche Chancen bei der Zuteilung von Saatgut, Maschinen und Geräten zu gewähren. In Jessen gingen rund 1 500 Bauern aus den umliegenden Gemeinden auf die Straße. Dem Demonstrationszug schlossen sich zahlreiche Bürgerinnen und Bürger der Stadt an. Der zum Sprecher gewählte Rudolf Hildebrand forderte die Freilassung unschuldig inhaftierter Bauern und die Reduzierung des Abgabensolls um 40 Prozent. Die Forderungen der Bauern nach Rücknahme der Abgaben wurden erfüllt und die Bauern, die zuvor wegen „Wirtschaftsvergehen“ eingesperrt worden waren, kamen frei. Ein Kraftwagen brachte sie aus dem Gefängnis Liebenwerda nach Jessen, wo sie von den Protestierenden auf dem Marktplatz mit großem Beifall empfangen wurden. Doch auch in Jessen und Umgebung währte der Moment der Freiheit nur kurz. Sowjetische Panzer fuhren auf, der Ausnahmezustand wurde verhängt und die Demonstration aufgelöst.
46 Jahre später, am 17. Juni 1999, gründete sich unter der Leitung von Rudolf Hildebrand und Hans-Dieter Heinze der Arbeitskreis 17. Juni Jessen. Sein Anliegen ist es, die Ereignisse des Volksaufstandes in Jessen wissenschaftlich aufzuarbeiten. Am 9. November 1999 enthüllten der Bürgermeister von Jessen, Dietmar Brettschneider, und Rudolf Hildebrand im Innenhof des Jessener Schlosses, dem heutigen Sitz der Stadtverwaltung, eine Gedenktafel zur Erinnerung an die Ereignisse vom 17. Juni 1953.
Inschriften
Inschrift der Gedenktafel
(im Innenhof des Jessener Schlosses)
Man muss begreifen, dass die Freiheit mehr wert ist, / als das eigene Leben. / Solschenitzyn / Am 17. Juni 1953 erhoben sich an dieser historischen Stätte / 1.500 Bauern aus den Dörfern des Kreises Jessen / gegen die Diktatur der SED und die Wirtschaftspolitik / des ,Arbeiter- und Bauernstaates‘ unter der Regierung W. Ulbrichts. / Viele Arbeiter und Einwohner der Stadt Jessen schlossen sich / dem Demonstrationszug der Bauern an und forderten: / sofortige freie geheime Wahlen für alle Deutschen / Absetzung der SED-Kreisverwaltung / Freilassung aller politischen Gefangenen / Abschaffung der soz. Planwirtschaft. / Wir gedenken der vielen Menschen, die in der Folge umgekommen, / verfolgt und zu langen Haftstrafen verurteilt wurden. / Wir gedenken derer, denen die Freiheit mehr wert war, / als das eigene Leben. / Wir gedenken auch derer, die nicht mehr unter uns sind
Sprache: Deutsch, Schrift: Lateinisch
Literatur
- Rupieper, Hermann-Josef (Hrsg.): „….und das Wichtigste ist doch die Einheit.“ Der 17. Juni 1953 in den Bezirken Halle und Magdeburg, Münster 2003
- Mitteldeutsche Zeitung
- Amtsblatt des Landkreises Wittenberg
Publikationen der Bundesstiftung
- Kaminsky, Anna (Hrsg.): Orte des Erinnerns. Gedenkzeichen, Gedenkstätten und Museen zur Diktatur in SBZ und DDR, 3. Aufl., Berlin 2016
- Kategorie: Gedenkort
- Historisch: Nein
- Standort: Schlossstrasse 11
- Stadt: Jessen
- Gebiet: Sachsen-Anhalt
- Land: Deutschland

