Delitzsch, Deutschland
Gedenktafel zum 17. Juni 1953
Auch im Herzen des sächsischen Industriegebiets, in der Stadt Delitzsch, kam es im Frühsommer 1953 zu Massenprotesten. Dem Aufstand war die im Februar vom ZK der SED ausgelöste Kampagne „Feldzug für strenge Sparsamkeit – Der Kampf um fortschrittliche technische Normen“ vorausgegangen. Unter dem Schein der Freiwilligkeit dazu genötigt, verpflichteten sich auch die Arbeiter des Reichsbahnausbesserungswerkes (RAW) Delitzsch am 12. April 1953 zu höheren Arbeitsleistungen. Als zum 1. Juni 1953 die Arbeitsnormen ohne Einkommenszuwachs festgelegt werden, eskalierte der Unmut.
Am Morgen des 17. Juni, als tausende Delitzscher Arbeiter und Angestellte bei ihren Arbeitstellen in Bitterfeld, Wolfen, Leipzig und Halle eintrafen, standen viele vor verschlossenen Werkstoren, hinter denen die Nachtschicht streikte. Mittags kehrten die ersten Arbeiterzüge aus Bitterfeld mit hunderten Pendlern zurück, die sich zu einer Demonstration vor der SED-Kreisleitung formierten. In Sprechchören forderten sie die Funktionäre zum Gespräch. Als 300 Personen versuchten, in das Gebäude einzudringen, wurden sie von sowjetischen Soldaten zurückgedrängt. Der Protestmarsch zog zum Volkspolizeikreisamt (VPKA) in der Dübener Straße (heute Oscar-Reime-Gymnasium).
Dort forderten 500 Demonstranten: „Gebt die Gefangenen heraus“, und meinten damit auch die vor dem 17. Juni wegen Nichterfüllung des Ablieferungssolls verhafteten Bauern. Die Lage spitzte sich weiter zu, als neue Arbeiterzüge aus Bitterfeld und Leipzig in Delitzsch eintrafen. Nach einigen Warnschüssen wurden aus dem oberen Stockwerk des VPKA Schüsse in die Menschenmenge vor der Schokoladenfabrik Böhme abgefeuert. Zwei junge Männer, der Maurer Joachim Bauer und der Maschinenschlosser Gerhard Dubielzig, innerhalb dieses Protestzuges mehr Zuschauer als Handelnde, fanden den Tod. Zwei andere Personen wurden verwundet: ein 14-jähriger Junge mit einem Schulterdurchschuss sowie ein Mann, der nach seinem Krankenhausaufenthalt am 11. August verhaftet und verurteilt wurde. Bald fuhren vier sowjetische Panzer auf, und der Militärkommandant im Kreis Delitzsch verhängte den Ausnahmezustand. In der Nacht kam es zu weiteren Verhaftungen. Die Kollegen des erschossenen Gerhard Dubielzig im RAW Delitzsch sammelten am 18. Juni Geld für die Hinterbliebenen und legten den verwaisten Arbeitsplatz mit schwarzem Papier aus. Darauf stellten sie brennende Kerzen, Blumen und ein Bild des Toten. In der Nacht musste der Vertrauensmann der Gewerkschaft das gespendete Geld an die Sicherheitskräfte aushändigen; erst nach heftigen Protesten der Arbeitskollegen erreichte die Geldspende die Familie. Die Leiche von Gerhard Dubielzig wurde nach Leipzig überführt, ohne dass die Eltern ihren toten Sohn nochmals sehen konnten. Am 24. Juli fand die Urnenbeisetzung statt, an der die Arbeitskollegen nicht teilnehmen durften. Erst am 31. Juli konnte die Familie Dubielzig den Tod ihres 19-jährigen Sohnes in der Zeitung anzeigen. Ähnlich erging es der Familie Bauer in Brodau, die erst im August die stille Beisetzung des 20-jährigen Joachim in der Leipziger Volkszeitung bekannt geben und damit öffentlich den Kollegen des jungen Maurers in der Delitzscher Firma Martin Zschernitz sowie der Belegschaft des VEB Böhme für Geld- und Kranzspenden danken konnte. Im Juli 1953 verurteilte das Bezirksgericht Leipzig mehrere Bürger aus dem Kreis Delitzsch wegen „Boykotthetze“ und „Zusammenrottung“ zu einem Jahr bzw. wegen „Propaganda für den Nationalsozialismus“ zu sieben Jahren Zuchthaus. Der Generalstaatsanwalt in Berlin kessierte jedoch einige dieser Urteile und nach neuen Verhandlungen wurden höhere Zuchthausstrafen ausgesprochen. Insgesamt waren in Delitzsch und umliegenden Orten 28 Menschen unmittelbar von den Vorgängen am 17. Juni und den Folgen betroffen. 24 Personen wurden als „Konterrevolutionäre“ zu insgesamt 41 Jahren und sechs Monaten Zuchthaus bzw. 44 Jahren und drei Monaten Gefängnis verurteilt. Es handelte sich um einfache Arbeiter, drei Angestellte, zwei Minderjährige und zwei Frauen. Die damaligen Urteile wurden inzwischen von den Rehabilitierungsgerichten aufgehoben.
Am 17. Juni 1996, 43 Jahre nach dem Volksaufstand, wurde in Delitzsch eine Gedenktafel für die Opfer enthüllt. Die auf Beschluss des Stadtrates am Ort des Geschehens gegenüber dem ehemaligen VPKA am Gebäude der Schokoladenfabrik Böhme angebrachte Tafel soll zur moralischen und politischen Wiedergutmachung und zur öffentlichen Rehabilitierung der Opfer des 17. Juni in Delitzsch beitragen. Auf der Tafel ist eine Inschrift angebracht.
Inschriften
Inschrift auf der Gedenktafel
(gegenüber dem ehemaligen VPKA am Gebäude der Schokoladenfabrik Böhme)
Gegen das Vergessen / An dieser Stelle wurden / während des Volksaufstandes / am 17. Juni 1953 / Joachim Bauer * 04. Mai 1933 / Gerhard Dubielzig * 29. März 1934 / erschossen
Sprache: Deutsch, Schrift: Lateinisch
Literatur
- Gatow, Hannes-Heinz: Vertuschte SED-Verbrechen. Eine Spur von Blut und Tränen, Berg 1991
- Löser, Karl-Heinz/Leithold, Albert: Der Volksaufstand am 17. Juni 1953 im Kreis Delitzsch, hrsg. von Landratsamt und Stadtverwaltung Delitzsch, Delitzsch 1998 (= Veröffentlichungen zur Delitzscher Geschichte, Heft 14)
Publikationen der Bundesstiftung
- Kaminsky, Anna (Hrsg.): Orte des Erinnerns. Gedenkzeichen, Gedenkstätten und Museen zur Diktatur in SBZ und DDR, 3. Aufl., Berlin 2016
- Kategorie: Gedenkort
- Historisch: Ja
- Standort: Dübener Straße 33
- Stadt: Delitzsch
- Gebiet: Sachsen
- Land: Deutschland
