Berlin, Deutschland
Gedenktafel „Wir sind das Volk“
Am Morgen des 4. November 1989 zogen etwa 500 000 Demonstranten durch die Ost-Berliner Innenstadt, vorbei an der Volkskammer und am Staatsratsgebäude. Anschließend versammelten sie sich zu einer Kundgebung auf dem Alexanderplatz. Diese Aktion war ein Höhepunkt der Demokratiebewegung im Herbst 1989 in der DDR. Die Idee dazu entstand im Oppositionsbündnis Neues Forum; die Trägerschaft und Organisation übernahmen Berliner Kulturschaffende. Von den Organisatoren war die Veranstaltung offiziell angemeldet worden, um die in der Verfassung der DDR zwar verankerten, aber von der Staatsmacht nie gewährten Grundrechte auf Versammlungs-, Meinungs- und Pressefreiheit einzuklagen. Mit der Polizei, die kaum in Erscheinung trat, war eine Sicherheitspartnerschaft vereinbart worden, Schauspieler mit grüngelben Schärpen mit der Aufschrift „Keine Gewalt“ wirkten als Ordner.
Noch nie hatte Berlin so viel gemeinschaftliche Entschlossenheit, spontanen Einfallsreichtum und bei aller Radikalität auch Besonnenheit erlebt. Viele Demonstranten äußerten ihren Unmut und ihre Forderungen auf originellen Transparenten. Der Schriftsteller Stefan Heym brachte in seiner Ansprache die ergreifende Stimmung zum Ausdruck: „Es ist, als habe einer die Fenster aufgestoßen nach all den Jahren der Stagnation, der geistigen, wirtschaftlichen, politischen, den Jahren von Dumpfheit und Mief, von Phrasengedresch und bürokratischer Willkür, von amtlicher Blindheit und Taubheit. (…) Wir haben in diesen letzten Wochen unsere Sprachlosigkeit überwunden und sind jetzt dabei, den aufrechten Gang zu erlernen.“ Radikale Reformen wurden gefordert.
Es kamen auch die Vertreter der alten Staatsmacht der DDR zu Wort, was lautstarken Protest hervorrief. Henning Schaller, einer der Organisatoren, erinnerte sich später: „Schon im Voraus hatte es handfeste Diskussionen und Unstimmigkeiten dazu gegeben, wen man (…) reden lassen soll. Redner wie Markus Wolf, Günter Schabowski und Manfred Gerlach wurden von vielen kritisiert. Ich aber war der Meinung, dass das Rednerspektrum so breit gefächert sein sollte wie das, das die gesamte zu Ende gehende DDR zu bieten hatte (…). Immer wieder mussten wir dann aber die bei den Hardlinern aufbrausende Menschenmenge auffordern, sie reden zu lassen und genau zuzuhören, denn oft genug entlarvten sich diese Redner selbst.“
Erstmals wurde eine Demonstration der Bürgerrechtsbewegung vom Fernsehen der DDR live übertragen. Der Kommentator konstatierte: „Das Volk hat seine Sprachlosigkeit überwunden.“
Elf Jahre nach der Kundgebung auf dem Alexanderplatz, am 4. November 2000, wurde eine Gedenktafel in das Pflaster auf dem Platz nahe der Straßenbahnhaltestelle eingelassen. Die Initiative dazu ging von der Gedenktafelkommission des Berliner Bezirkes Mitte aus. Bei der feierlichen Enthüllung sprachen unter anderem einige der damaligen 23 Redner. Gegenwärtig ist die Tafel fast nicht mehr sichtbar. Ihr Standort befand sich unmittelbar neben der einstigen Treppe zum geschlossenen Fußgängertunnel.
Inschriften
Inschrift der Gedenktafel
(eingelassen in das Pflaster auf dem Alexanderplatz nahe der Straßenbahnhaltestelle)
Wir sind das Volk / Hier auf dem Alexanderplatz versammelten sich am / 4. November 1989 / viele hunderttausend Menschen, um gegen Machtmissbrauch / und Verfassungsbruch zu protestieren und / für Recht und Gerechtigkeit einzustehen. / Die Demonstration trug dazu bei, die Demokratie in der DDR / auf friedlichem Wege durchzusetzen. / Die Demokratie braucht auch in Zukunft unseren öffentlich bekundeten Willen. / Bezirk Mitte von Berlin im Jahre 2000
Sprache: Deutsch, Schrift: Lateinisch
Ereignisse
4. November 2004 - Einweihung
Einweihung der Gedenktafel „Wir sind das Volk“
4. November 1989 - Historie
Massendemonstration auf dem Alexanderplatz gegen Machtmissbrauch und Verfassungsbruch des SED-Regimes
Literatur
- Bahrmann, Hannes/Links, Christoph: Bilderchronik der Wende. Erlebnisse aus der Zeit des Umbruchs 1989/90, Berlin 1999
Publikationen der Bundesstiftung
- Kaminsky, Anna (Hrsg.): Orte des Erinnerns. Gedenkzeichen, Gedenkstätten und Museen zur Diktatur in SBZ und DDR, 3. Aufl., Berlin 2016
- Kategorie: Gedenkort
- Historisch: Ja
- Standort: Alexanderplatz
- Stadt: Berlin
- Ortsteil: Mitte
- Gebiet: Berlin
- Land: Deutschland
