Altenburg, Deutschland
Gedenktafel und Gedenkstein für vom NKWD verfolgten Schüler und Lehrer
In den Jahren 1949/50 fanden sich im ostthüringischen Altenburg mehrere Lehrer und Schüler der Oberschule „Karl Marx“ sowie andere Jugendliche aus der Umgebung zu zwei losen Gruppen zusammen, die sich gegen die Etablierung der kommunistischen Diktatur im Osten Deutschlands einsetzten. Geprägt von den Erfahrungen des Kriegsendes und dem Ausmaß der Verbrechen des Nationalsozialismus traten die damals 14- bis 18-jährigen Schüler mit ihren Lehrern für demokratische Verhältnisse ein. Ihre Vorbilder fanden sie im Widerstand gegen das NS-Regime, insbesondere in der Widerstandsgruppe der „Weißen Rose“ um die Geschwister Scholl. Im kleinen Kreis tauschten sie sich angesichts neuerlicher Verhaftungen von Andersdenkenden über die Parallelen zwischen Vergangenheit und Gegenwart aus. Menschen, die sich dem neuen Diktat nicht fügen wollten, verschwanden spurlos. In kleineren Aktionen wie dem Erstellen und Verteilen von selbst gefertigten Flugblättern und Materialien, die sie aus West-Berlin von der Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit erhalten hatten, machten sie auf die neuen Formen des Unrechts aufmerksam. Sie druckten Handzettel mit dem Zeichen „F“ für Freiheit, die sie an deutlich sichtbare Stellen in Altenburg klebten, etwa an das Gebäude der SED-Kreisleitung, die Untersuchungshaftanstalt und an das Polizeigebäude. Mit Hilfe eines Störsenders gelang es ihnen, im Dezember 1949 eine Rundfunkrede des DDR-Präsidenten Wilhelm Pieck zu Ehren von Stalins 70. Geburtstag im Empfangsbereich Altenburg mit kritischen Kommentaren zu versehen. Die Aktionen wurden noch bis zum Frühjahr 1950 fortgesetzt. Mit einer großen Verhaftungswelle am 24. und 25. März 1950 setzten deutsche und sowjetische Sicherheitsbehörden den Aktivitäten ein Ende. Nur wenigen Schülern gelang die Flucht nach West-Berlin, darunter auch Ludwig Hayne, der von dort aus zunächst weitere Aktionen durchführte, dann aber am 20. Juli auf dem Potsdamer Platz durch das MfS verhaftet und in das Volkspolizei-Gefängnis Berlin-Alexanderplatz verbracht wurde. Nach der Überstellung nach Weimar verurteilte ihn am 21. Februar 1951 ein Sowjetisches Militärtribunal (SMT) wegen angeblicher Spionage zum Tod durch Erschießen. Das Todesurteil wurde am 28. April 1951 in Moskau vollstreckt. Gegen die übrigen Mitglieder der Gruppe wurde bereits am 15. September 1950 in Weimar verhandelt. Verteidiger waren nicht zugelassen. Wolfgang Ostermann und Siegfried Flack, beide Lehrer an der Altenburger Oberschule, sowie der Schüler Joachim Näther wurden wegen „Spionage“, „antisowjetischer Propaganda“ und Mitgliedschaft in einer „konterrevolutionären“ Organisation zum Tod verurteilt und in Moskau erschossen. Wolfgang Ostermann und Joachim Näther wurden am 12. Dezember hingerichtet; Siegfried Flack am 15. Dezember 1950. Die Gnadengesuche der drei Verurteilten lehnte das Präsidium des Obersten Sowjets ab.
Der Lehrer Maximilian Follwatschni wurde als Mitwisser zu fünf Jahren Arbeitslager verurteilt, weil er ein Flugblatt, das ihm in den Briefkasten gesteckt wurde, nicht abgegeben hatte. Elf Schüler, alle zwischen 17 und 18 Jahre alt, erhielten Haftstrafen von fünf bis 25 Jahren Arbeitslager. Alle Verurteilten wurden 1995 rehabilitiert.
Auf Initiative des Fördervereins der Ehemaligen und Freunde des Friedrichgymnasiums zu Altenburg e.V. erinnert seit 1995 eine Gedenktafel an die Schüler und Lehrer der Schule, die Opfer kommunistischen Terrors geworden sind. 53 Jahre nach der Verhaftung, am 24. März 2003, konnte ebenfalls auf Initiative des Fördervereins auf dem Altenburger Hospitalplatz ein Gedenkstein errichtet werden. Darauf sind auch die Namen der Verurteilten aus Altenburg und Umgebung genannt, die zu der Gruppe, aber nicht zum Altenburger Gymnasium gehörten.
Inschriften
Inschrift der Gedenktafel
(am Friedrichgymnasium in Altenburg in der Geraer Straße 33)
Zum Gedenken an die Opfer des Stalinismus. / Verurteilt wurden: / 1950 Joachim Näther Schüler zum Tode / 1950 Siegfried Flack Lehrer zum Tode / 1951 Ludwig Hayne Schüler im Gefängnis in Moskau umgekommen / 1950 Ulf Uhlig Schüler zu 25 Jahren Arbeitslager / 1950 Jörn-Ulrich Brödel Schüler zu 25 Jahren Arbeitslager / 1950 Gerhard Schmale Schüler zu 10 Jahren Arbeitslager / 1950 Rudi Edling Schüler zu 10 Jahren Arbeitslager / 1950 Maximilian Follwatschni Lehrer zu 5 Jahren Arbeitslager / 1950 Wolfgang Ostermann Lehrer zum Tode
Sprache: Deutsch, Schrift: Lateinisch
Inschrift auf dem Gedenkstein
(auf dem Altenburger Hospitalplatz)
Zum Gedenken / an die Gruppe junger Menschen aus / Altenburg, die bei ihrem gewaltlosen / Widerstand gegen den Stalinismus / im Jahre 1956 verhaftet und von der / sowjetischen / Militäradministration / in Weimar / verurteilt wurden / und alle, /die sich in die Freiheit retten konnten. / Zum Tode verurteilt und hingerichtet wurden: / Siegfried Flack Ludwig Hayne / Hans-Joachim Näther / Wolfgang Ostermann / Zu langjährigen Freiheitsstrafen verurteilt wurden: / J.-U. Brödel /M. Brödel / R.Edling / M. Follwatschni / A. Graupner / T. Hauschberger / R. Hauke / H. Krause / A. Raubold / G. Schmale / U. Uhlig / K.Winter / Alle Verurteilten wurden 1995 voll rehabilitiert. / Überlebende, Angehörige und Freunde / im Jahre 2003
Sprache: Deutsch, Schrift: Lateinisch
Ereignisse
24. März 2003 - Einweihung
Einweihung des Gedenksteins für die vom NKWD verfolgten Schüler und Lehrer am Hospitalplatz
1995 - Einweihung
Einweihung der Gedenktafel für die vom NKWD verfolgten Schüler und Lehrer am Friedrichgymnasium
Literatur
- Enke, Wolfgang: „Verfolgt, geflüchtet, verschollen. Vorgänge an der EOS „Karl Marx“ 1949/50“, in: Altenburger Geschichts- und Hauskalender 1993, S. 44–48
- Auf einen Blick. Leitfaden zur Geschichtsaufarbeitung nach 1945 in Thüringen, hrsg. von der Thüringischen Staatskanzlei und der Geschichtswerkstatt Jena, Weimar 2000
- Neudecker, Josef: Vom frühen Widerstand in Ostthüringen gegen die kommunistische Diktatur in der SBZ und DDR, Grevenbroich 2004
- „Erschossen in Moskau …“. Totenbuch für die deutschen Opfer des Stalinismus auf dem Friedhof Donskoje 1950–1953. Hrsg. von Facts & Files (Berlin), Memorial (Moskau) und der Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur (Berlin), Berlin 2005
- Heitzer, Enrico: „… die Masse soweit bringen, daß sie nachdenkt… Eine Widerstandsgruppe in Altenburg in der Zeit der SBZ und frühen DDR, in: Deutschland-Archiv 39 (2006), H. 2, S. 245–254
Publikationen der Bundesstiftung
- Kaminsky, Anna (Hrsg.): Orte des Erinnerns. Gedenkzeichen, Gedenkstätten und Museen zur Diktatur in SBZ und DDR, 3. Aufl., Berlin 2016
- Kategorie: Gedenkort
- Historisch: Ja
- Standort: Geraer Straße 33 und Hospitalplatz
- Stadt: Altenburg
- Gebiet: Thüringen
- Land: Deutschland
