Berlin, Deutschland
Gedenktafel „Tunnel 57“
Da nach dem Bau der Mauer das Überschreiten der Sektorengrenzen nach West-Berlin nicht mehr möglich war, suchten Menschen, die die DDR verlassen wollten, neue Fluchtmöglichkeiten. Aus dem Westen wurden sie dabei Fluchthelfer unterstützt, die über verschiedene Wege, wie z. B. Verstecke in Autos und Tunnel, Menschen aus der DDR in die Bundesrepublik Deutschland schleusten. Eine der spektakulärsten Tunnelfluchten gelang 1964 durch den sogenannten „Tunnel 57“. Mehr als sechs Monate lang gruben dafür 35 Studenten um den damals 25-jährigen Organisator Wolfgang Fuchs eine etwa 145 Meter lange Strecke zwischen der Bäckerei in der Bernauer Straße 97 im Wedding und der Strelitzer Straße 55 in Mitte. In den beiden Nächten zwischen dem 3. und 5. Oktober wurden hier 57 Menschen durchgeschleust. Es war das erfolgreichste Tunnel-Fluchtprojekt.
In der Nacht des 5. Oktober wurde der Tunnel von der Staatssicherheit entdeckt. Es kam zum Schusswechsel zwischen Fluchthelfern und Grenzsoldaten, bei dem der DDR-Unteroffizier Egon Schultz versehentlich durch Schüsse aus der Maschinenpistole eines anderen Grenzsoldaten getötet wurde. Die SED-Führung startete eine Propagandakampagne, mit der Schultz zum Helden stilisiert wurde und die Verantwortung für seinen Tod den westlichen Fluchthelfern zugeschoben wurde. Schulen, Schiffe, Erholungsheime, Kasernen erhielten seinen Namen, ebenso der Ost-Berliner Teil der Strelitzer Straße.
1994 konnten die tatsächlichen Ereignisse aus Akten des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) rekonstruiert und veröffentlicht werden. Auf Initiative der beiden früheren Fluchthelfer Peter Schulenburg und Klaus von Keussler wurde anlässlich des 40. Jahrestages der Tunnelflucht am 4. Oktober 2004 am Haus Nr. 55 in der inzwischen wieder vereinten Strelitzer Straße eine Gedenktafel eingeweiht.
Inschriften
Inschrift der Gedenktafel
(an der Strelitzer Straße)
Im Hof dieses Hauses endete ein von / West-Berlin aus gegrabener 145m langer Tunnel, durch den 57 Männern, Frauen und Kindern / in den Nächten des 3. und 4. Oktober 1964 / die Flucht in den Westen gelang. Nach Verrat / der Fluchtaktion an das Ministerium für / Staatssicherheit der DDR kam es auf dem Hof / zu einem Schusswechsel zwischen / Grenzsoldaten und Fluchthelfern. Dabei kam der / Unteroffizier der Grenztruppen der / Nationalen Volksarmee / Egon Schultz / *4. Januar 1943 in Groß-Jestin (Kr. Kolberg) / am 5. Oktober ums Leben. Egon Schultz / wurde in der DDR als Held idealisiert; die / Fluchthelfer galten als Agenten und Mörder. / Erst nach dem Fall der Mauer stellte sich heraus, / dass die tödlichen Schüsse aus der Waffe / eines Kameraden abgegeben wurden. Dieser / Sachverhalt war den DDR-Verantwortlichen / von Anfang an bekannt.
Sprache: Deutsch, Schrift: Lateinisch
Ereignisse
4. Oktober 2004 - Einweihung
Einweihung der Gedenktafel zur Erinnerung an den "Tunnel 57"
5. Oktober 1964 - Historie
Nach Verrat der Fluchttunnels kommt der Unteroffizier der Grenztruppen der NVA, Egon Schultz, bei einem Schusswechsel am Fluchttunnel ums Leben
4. Oktober 1964 - Historie
Erfolgreiche Flucht von 57 Menschen durch den Tunnel in der Strelitzer Straße 55
Literatur
- Detjen, Marion: Ein Loch in der Mauer. Die Geschichte der Fluchthilfe im geteilten Deutschland 1961–1989, München 2005
- Müller, Bodo: Faszination Freiheit. Die spektakulärsten Fluchtgeschichten, 2. Aufl., Berlin 2000
- Barthelme, Cornelie: Wie aus einer Lüge endlich Wahrheit werden soll, in: Freies Wort, 2.10.2004, S. 5
- Aulich, Uwe: „Wir hatten wohl eine Armada von Schutzengeln“, in: Berliner Zeitung, 5.10.2004, S. 20
Publikationen der Bundesstiftung
- Kaminsky, Anna (Hrsg.): Orte des Erinnerns. Gedenkzeichen, Gedenkstätten und Museen zur Diktatur in SBZ und DDR, 3. Aufl., Berlin 2016
- Kategorie: Gedenkort
- Historisch: Ja
- Standort: Strelitzer Straße 55
- Stadt: Berlin
- Ortsteil: Mitte
- Gebiet: Berlin
- Land: Deutschland



