Erfurt, Deutschland
Gedenktafel „Geburtsort der Friedensgebete“
Anlässlich des 30. Jahrestages des Falles der Berliner Mauer wurde am 9. November 2019 eine Gedenktafel an der Fassade der St. Lorenzkirche feierlich eingeweiht. Sie erinnert an die seit dem 7. Dezember 1978 bis heute wöchentlich an diesem Ort stattfindenden ökumenischen Friedensgebete. An der Enthüllungszeremonie nahm die ökumenische Vorbereitungsgruppe gemeinsam mit der Europaabgeordneten Marion Walsmann als Stifterin der Gedenktafel teil. Anwesend waren ebenfalls der ehemalige Erfurter Oberbürgermeister Manfred Ruge und der erste Thüringer Regierungssprecher Michael Meinung. Vier Jahre später, am 19. Dezember 2023, übergab Walsmann gemeinsam mit Mitgliedern der DDRBürgerbewegung den ersten Entwurf der Kupfertafel an das Stadtmuseum Erfurt. Mit dem Aufruf zur Gewaltfreiheit und dem Symbol der brennenden Kerzen stellten Friedensgebete einen wichtigen Bestandteil der Friedlichen Revolution dar und wurden zu deren Symbol. Während im kollektiven Gedächtnis zumeist die Friedensgebete in der Leipziger Nikolaikirche mit den anschließenden Montagsdemonstrationen im Herbst 1989 verankert sind, gab es die ersten Zusammenkünfte dieser Art in der DDR bereits 1978 in Erfurt. Vor dem Hintergrund der Einführung des obligatorischen Wehrkundeunterrichts für Schülerinnen und Schüler der 9. und 10. Klasse, beschlossen betroffene Mütter – inspiriert durch eine Gedichtzeile des Schriftstellers Reinhold Schneiders „Allein den Betern kann es noch gelingen, das Schwert ob unsern Häuptern aufzuhalten“ – einen Kreis „Frauen beten für den Frieden“ zu gründen. Der damalige Pfarrer der katholischen Lorenzkirche stellte das zentral gelegene Gotteshaus für die Treffen zur Verfügung. Auf Vorschlag Dieter Oberländers vom Evangelischen Jungmännerwerk gab sich die Gebetsinitiative offiziell die Bezeichnung „Friedensgebet“. Damit etablierte sich ab dem ersten Treffen am 7. Dezember 1978 der ökumenische Charakter der Zusammenkünfte. Der liturgische Ablauf umfasste zumeist einige Lieder, das Vaterunser, das franziskanische Gebet „Herr, mach mich zum Werkzeug deines Friedens“ sowie Fürbitten und Angaben zu aktuellen Ereignissen. Waren die Treffen zunächst eine Reaktion auf die Einführung des Wehrkundeunterrichtes, so weiteten sich die Themen bald auch auf Möglichkeiten der Wehrdienstverweigerung, die Zuspitzung des Kalten Krieges, die Stationierung von Mittelstreckenraketen in beiden Teilen Deutschlands sowie gewaltsame Konflikte in anderen Regionen der Welt aus.
Im Herbst 1989 weitete sich der gesellschaftliche Unmut über die stagnierenden Verhältnisse in der DDR und die Reformunwilligkeit der SED-Führung aus. In ökumenischer Tradition der Erfurter Friedensgebete kündigten ein evangelischer und ein katholischer Theologiestudent im Jungmännerwerk gemeinsam an, nach dem kommenden Friedensgebet am 15. Oktober einen Gang der Betroffenheit zur Andreaskirche zu organisieren. In unmittelbarer Nähe befand sich die Erfurter Bezirksverwaltung des Ministeriums für Staatssicherheit. Dem Aufruf zum Demonstrationszug folgten schließlich etwa 200 Personen. In den darauffolgenden Wochen luden zugleich in vier innerstädtischen Kirchen – die Lorenz-, Kaufmanns-, Prediger- und Wigbertkirche – zu Friedensgebeten ein. Unter der Losung „Keine Gewalt“ versammelten sich die Teilnehmer mit brennenden Kerzen anschließend zu einem weiteren Demonstrationszug Richtung Domplatz.
Inschriften
Inschrift der Gedenktafel
(an der St. Lorenzkirche)
Geburtsort der Friedensgebete // Hier in St. Lorenz fanden im Herbst 1978 die / ersten ökumenischen Friedensgebete der DDR / statt. Seitdem wird in diesem Gotteshaus an jedem / Donnerstag für den Frieden der Welt gebetet. / Auslöser dieser Gemeinschaftsaktion beider großen / Kirchen war die Einführung des schulischen Wehrunterrichts / durch die damalige SED-Diktatur. // Zur Erinnerung angebracht am 9. November 2019 / anlässlich des 30. Jahrestages der friedlichen Revolution // Evangelische und katholische Christen der Stadt sowie Bürger Erfurts
Sprache: Deutsch, Schrift: Lateinisch
Ereignisse
November 2019 - Einweihung
Einweihung der Gedenktafel „Geburtsort der Friedensgebete“
Publikationen der Bundesstiftung
- Kaminsky, Anna (Hrsg.): Orte des Erinnerns an die Friedliche Revolution, Berlin 2024
- Kategorie: Gedenkort
- Historisch: Ja
- Standort: an der St. Lorenzkirche, Pilse 30
- Stadt: Erfurt
- Gebiet: Thüringen
- Land: Deutschland
