Werder (Havel), Deutschland

Gedenktafel für Werderaner Jugendliche

 
In der Havelstadt entstand zum Beginn der fünfziger Jahre neben Werdau und Altenburg eine der größten Widerstandsgruppen dieser Zeit in der DDR. Eine Gruppe von etwa 20 bis 30 jungen Menschen fand sich zusammen, um gegen die Vormachtstellung der SED und der sowjetischen Besatzungsmacht in der DDR zu opponieren. Sieben Jugendliche bezahlten dies mit ihrem Leben. Aus einem zunächst spontanen Widerstand gegen die Einsetzung linientreuer Lehrer entwickelten sich geplante Aktionen. Die Jugendlichen weigerten sich, an FDJ-Aufmärschen teilzunehmen und verteilten Flugblätter gegen die Volkskammerwahlen. Zwei Jugendliche gingen nach West-Berlin und organisierten von dort aus Aktionen, darunter auch Spionageaufträge. Bereits im Oktober 1950 kam es zu einer ersten Verhaftungsaktion. Am 10. Juni 1951 wurden weitere 17 Jugendliche in Werder und Umgebung verhaftet. Weitere Verhaftungen folgten in den nächsten Tagen und Wochen. Insgesamt wurden 24 junge Männer und Frauen verhaftet, die alle zu den beiden nach West-Berlin gegangenen Jugendlichen Kontakt hatten. Ein Teil der Verhafteten blieb bei der Staatssicherheit in Haft, ein Teil kam in das Potsdamer NKWD-Gefängnis in der Lindenstraße. Das sowjetische Militärtribunal verhängte im Januar 1952 acht Todesurteile, von denen sieben vollstreckt wurden. 17 Jugendliche wurden zu Arbeitslager-Strafen von zehn bis 25 Jahren verurteilt, kamen aber meist 1953 oder 1955 wieder frei. Am 17. März 1952 wurden sechs weitere Jugendliche aus Werder und Umgebung vom Landgericht Potsdam zu Haftstrafen zwischen 1,5 und sechs Jahren verurteilt. 1997 bzw. 1999 rehabilitierte die russische Militärstaatsanwaltschaft die Verurteilten. Am 13. Mai 2004 wurde an der Carl-von-Ossietzky-Realschule ein von Frank W. Weber gestaltetes Bronzerelief zur Erinnerung an sieben hingerichtete ehemalige Schüler eingeweiht. Die Tafel trägt eine Inschrift, deren Inhalt jedoch nicht korrekt ist. Denn die Jugendlichen wurden nicht in der Lubjanka sondern im berüchtigten Butyrka-Gefängnis in Moskau erschossen.

Inschriften

Inschrift der Gedenktafel
(an der Carl-von-Ossietzky-Realschule)
Wir können stets fühlen, was recht, / aber nicht wissen, was möglich ist. / John Ruskin // Johanna Kuhfuß / Alter 23 – hingerichtet 10.04.1952 / Karl-Heinz Kuhfuß / Alter 21 – hingerichtet 10.04.1952 / Günther Nawrocki / Alter 22 – hingerichtet 13.08.1952 / Wilhelm Schwarz / Alter 46 – hingerichtet 10.04.1952 / Joachim Trübe / Alter 22 – hingerichtet 10.04.1952 / Heinz Unger / Alter 21 – hingerichtet 03.04.1954 / Inge Wolff / Alter 25 – hingerichtet 03.04.1954 // Sie wurden 1952 vom sowjetischen Militärtribunal in Potsdam zum Tode verurteilt / und in der Moskauer Lubjanka erschossen. Vielen Ungenannten wurden wertvolle / Jahre ihres Lebens durch Zwangsarbeit und Zuchthausstrafe genommen
Sprache: Deutsch, Schrift: Lateinisch

Ereignisse

13. Mai 2004 - Einweihung
Einweihung des Bronzereliefs für die Werderaner Jugendlichen

Literatur

  • Spiegel, Anja: Die Stasi kam im Morgengrauen. Jugendlicher Widerstand in Werder (Havel) 1950 bis 1953, Werder (Havel) 2002
  • „Erschossen in Moskau …“. Totenbuch für die deutschen Opfer des Stalinismus auf dem Friedhof Donskoje 1950–1953. Hrsg. von Facts & Files (Berlin), Memorial (Moskau) und der Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur (Berlin), Berlin 2005

Publikationen der Bundesstiftung

  • Kaminsky, Anna (Hrsg.): Orte des Erinnerns. Gedenkzeichen, Gedenkstätten und Museen zur Diktatur in SBZ und DDR, 3. Aufl., Berlin 2016