Berlin, Deutschland
Gedenktafel für Uwe Johnson
Uwe Johnson (1934–1984) gilt als „Dichter der beiden Deutschland“. Am 20. Juli 1934 wurde er im pommerschen Cammin geboren. Sein Vater starb 1946 in einem sowjetischen Haftlager im ukrainischen Kowel. Ab 1952 studierte Uwe Johnson Germanistik in Rostock. Wegen seiner Kritik an der staatlichen Diffamierung der Jungen Gemeinde wurde Johnson exmatrikuliert. Er trat aus der FDJ aus. Im Zuge der parteistaatlichen Versuche der „Schadensbegrenzung“ nach dem Aufstand vom 17. Juni 1953 wurde er wieder zum Studium zugelassen. Er studierte in Leipzig weiter und legte sein Germanistik-Diplom bei Hans Mayer mit einer Arbeit über Ernst Barlachs „Der gestohlene Mond“ ab. Bereits während seines Studiums begann Johnson mit der Niederschrift seines ersten Romans „Ingrid Babendererde. Reifeprüfung 1953“. Dieser Roman blieb in beiden deutschen Staaten lange ungedruckt und wurde erst postum 1985 veröffentlicht. 1956 verließen Johnsons Mutter und seine Schwester die DDR. Er selbst ging nach mehreren Übersetzungsarbeiten 1959 nach West-Berlin und veröffentlichte dort seinen Roman „Mutmaßungen über Jakob“. 1961 erschien „Das dritte Buch über Achim“. In den beiden Romanen werden Ereignisse in der DDR und deren Auswirkungen auf einzelne Lebenswege dargestellt. Seit 1959 führte das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) Johnson als „republikflüchtig“. 1965 wurde gegen ihn „wegen seiner negativen Beeinflussung von DDR-Bürgern und seiner gegen die DDR gerichteten Tätigkeit“ eine Einreisesperre in die DDR verhängt. Von 1966 bis 1968 lebte Johnson mit seiner Familie in New York und kehrte danach wieder nach West-Berlin zurück. 1969 wurde er Mitglied im PEN-Zentrum der Bundesrepublik und der Akademie der Künste in West-Berlin. Zwei Jahre später erhielt er den Georg-Büchner-Preis, 1972 wurde er Vizepräsident der West-Berliner Akademie der Künste. 1974 zog er ins britische Sheerness on Sea, wo er am 23. Februar 1984 starb.
Am 9. Dezember 1994 enthüllte das Bezirksamt Schöneberg an einer Laterne vor seinem ehemaligen Wohnhaus eine Gedenktafel für Uwe Johnson. Die Besitzer des Hauses hatten sich geweigert, die Gedenktafel unmittelbar am Wohnhaus anbringen zu lassen. Der ehemalige Nachbar und Literatur-Nobelpreisträger, Günter Grass, hatte sich für die Tafel eingesetzt. Ein Jahr später wurde sie von Unbekannten entfernt. Erst am 30. Oktober 2002 wurde eine neue Gedenktafel enthüllt, die sowohl an Johnson erinnert als auch an den Maler Karl Schmidt-Rottluff. Dieser war Mitbegründer der Expressionistengruppe „Brücke“ und Initiator des „Brücke“-Museums in Berlin-Dahlem. Von 1911 bis 1933 arbeitete Rottluff in einem Atelier des Hauses. Johnson war 1959 in Schmidt-Rottluffs Räume eingezogen.
Inschriften
Inschrift der Gedenktafel
(am Wohnhaus von Uwe Johnson)
In diesem Haus lebten und arbeiteten / von 1911 bis 1933 / Karl Schmidt-Rottluff / Expressionistischer Maler und Grafiker /* 1.12.1884 † 10.8.1976 / Mitbegründer der Künstlergruppe „Brücke“ / Mitglied der Preußischen Akademie der Künste bis 1933 / Ehrenbürger Berlins und Initiator / des Brücke Museums Berlin / von 1959 bis 1968 / Uwe Johnson / Schriftsteller im geteilten Deutschland / * 20.7.1934 † 23.2.1984 / Vizepräsident der Akademie der Künste Berlin / von 1972 – 1974/“… Es gibt nicht: Berlin. / Es sind zwei Städte Berlin.“ / Uwe Johnson 1961
Sprache: Deutsch, Schrift: Lateinisch
Inschrift Vorderseite der verschwundenen Gedenktafel aus dem Jahr 1994
(an einer Laterne vor dem ehemaligen Wohnhaus von Uwe Johnson)
Im Hause Niedstraße 14 / wohnte und arbeitete / von 1959 bis 1968 / Uwe Johnson / 20.7.1934–23./24.2.1984 / 1959 nach West-Berlin übergesiedelt, beschrieb er die / Lebensverhältnisse in der DDR und die Folgen der deutschen Teilung / in literarischen und journalistischen Arbeiten
Sprache: Deutsch, Schrift: Lateinisch
Inschrift der Rückseite der verschwundenen Gedenktafel aus dem Jahr 1994
(an einer Laterne vor dem ehemaligen Wohnhaus von Uwe Johnson)
Die Grenze einer Stadt ist / einmalig, der unerhörte Anblick / verleitet dazu ihn hinzunehmen wie / etwas bereits Erklärtes. / Er zeigt / aber herrlich die gegenwärtige Phase / eines Zustandes, der veränderlich ist / und eine Geschichte von etwa zwölf / oder zweiundzwanzig Jahren hat; und / seine Bezeichnung ist irreführend. / Es gibt nicht: Berlin. Es sind zwei / Städte Berlin / Uwe Johnson ‚Berliner Stadtbahn‘, 1961
Sprache: Deutsch, Schrift: Lateinisch
Literatur
- Eltzel, Birgitt: Gedenktafel für Künstler, in: Berliner Zeitung, 28.10.2002
- Erinnerung an die Nachbarn, in: Der Tagesspiegel, 31.10.2002
- Hübner, Holger: Das Gedächtnis der Stadt. Gedenktafeln in Berlin, Berlin 1997
- Walberg, Ernst-Jürgen/Balzer, Thomas: Erinnerungen für die Zukunft. Geschichten und Geschichte aus dem Norden der DDR, Bonn 1999
Publikationen der Bundesstiftung
- Kaminsky, Anna (Hrsg.): Orte des Erinnerns. Gedenkzeichen, Gedenkstätten und Museen zur Diktatur in SBZ und DDR, 3. Aufl., Berlin 2016
- Kategorie: Gedenkort
- Historisch: Ja
- Standort: Niedstraße 14
- Stadt: Berlin
- Ortsteil: Tempelhof-Schöneberg
- Gebiet: Berlin
- Land: Deutschland

