Stralsund, Deutschland

Gedenktafel für drei Schüler der Hansa-Oberschule

 
Auch an der Stralsunder Hansa-Oberschule waren in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg Schüler kritisch gegenüber den neuen Machthabern aufgetreten. Auf die Vereinigung von KPD und SPD reagierten sie distanziert, von den Angriffen der Kommunisten bzw. SED-Führer auf Christdemokraten und Liberaldemokraten waren sie abgestoßen. Zu Auseinandersetzungen der Schülerschaft mit der FDJ kam es durch die Gründung der Schülerzeitung „Vox discipulorum – Das freie Diskussionsblatt der Schülerschaft“ im November 1947. Es wollte sich geistigen wie auch kulturellen Fragen widmen. In der ersten Ausgabe wurde das Programm der Zeitung dargelegt: „Wir, die Herausgeber, werden eifersüchtig darauf achten, daß das neue Schülerblatt in keiner Weise parteipolitisch gefärbt wirkt und sich nur mit Schulangelegenheiten befaßt, damit wir den gewählten Untertitel ,Das freie Diskussionsblatt' auch wirklich rechtfertigen können. Es liegt somit an Euch allen, liebe Schüler, wirklich freie Diskussion zu pflegen!“ Im März 1948 erschien die letzte Ausgabe der Zeitung. Sie enthielt unter dem Titelkopf nur noch einen einzigen Satz: „Die Vox discipulorum stellt ab sofort ihr Erscheinen ein.“ Zum Verhängnis wurde der Schülerzeitung vermutlich ihre wiederholte Kritik an der FDJ. Eine Begründung für das Verbot wurde nicht gegeben. Am 23. September 1948 tauchten in der Schule die ersten anonymen Flugblätter gegen die Einflussnahme der FDJ und gegen das Verbot der Schülerzeitung auf. Die Kriminalpolizei und der sowjetische Geheimdienst begannen daraufhin zu ermitteln. Die Urheber der Flugblätter konnten jedoch nicht gefunden werden. Am Abend des 5. November 1948 wurde eine weitere Flugblattaktion gestartet. In den Schultoiletten wurden Flugblätter gegen die Politik von SED und sowjetischer Besatzungsmacht ausgelegt. Am 19. November wurden die drei Schüler Wolfgang Wober, Klaus Schikore und Jürgen Handschuk aus dem Unterricht heraus verhaftet. Ein sowjetisches Militärtribunal (SMT) verurteilte Klaus Schikore am 9. Februar 1949 zum Tode. Die Strafe wurde in 25 Jahre Zwangsarbeiterlager umgewandelt. Aufgrund einer Amnestie wurde er 1954 aus der Haftanstalt Bautzen entlassen. Wolfgang Wober und Jürgen Handschuk wurden zu zehn Jahren Zwangsarbeiterlager verurteilt und kamen ins sowjetische Speziallager Sachsenhausen. Handschuk wurde 1950 verlegt und starb in Waldheim. Wober kam nach Untermaßfeld. Am 20. Januar 2000 wurde auf Initiative des Vereins der Freunde und Förderer des Hansa-Gymnasiums im Schulgebäude eine Gedenktafel zur Erinnerung an die drei Schüler enthüllt.

Inschriften

Inschrift der Gedenktafel
(im Schulgebäude des Hansa-Gymnasiums)
Am 19.11.1948 wurden in der Hansa-Schule / Jürgen Handschuk (10 A) Klaus Schikore (12 Ag) Wolfgang Wober (10 B) / aus dem Unterricht verhaftet, weil sie in der Schule / Flugblätter gegen die Willkür von Besatzungsmacht und SED verteilten. / Ein sowjetisches Militärtribunal verurteilte K. Schikore in Abänderung der / Todesstrafe zu 25 Jahren Zuchthaus, J. Handschuk und W. Wober zu / zehn Jahren Zwangsarbeiterlager. / Schikore und Wober wurden 1954 entlassen. / Handschuk kam in Waldheim ums Leben.
Sprache: Deutsch, Schrift: Lateinisch

Ereignisse

20. Januar 2000 - Einweihung
Einweihung der Gedenktafel für drei Schüler der Hansa-Oberschule

Literatur

  • Walther, M.: Gedenktafel im Gymnasium, in: Ostsee-Zeitung/Stralsunder Zeitung, 21.1.2000, S. 11
  • Schikore, Klaus: Kennungen. Landmarken einer Wandlung, 2. Aufl., Aachen 1994

Publikationen der Bundesstiftung

  • Kaminsky, Anna (Hrsg.): Orte des Erinnerns. Gedenkzeichen, Gedenkstätten und Museen zur Diktatur in SBZ und DDR, 3. Aufl., Berlin 2016