Erfurt, Deutschland
Gedenktafel für die verfolgten Politiker des Landes Thüringen 1945–1952
Mindestens 38 thüringische Landespolitiker wurden in den ersten Nachkriegsjahren Opfer politischer Repressalien. Diese reichten von Denunzierungen und Festnahmen über erzwungene Mandatsniederlegungen und Berufsverbote bis hin zu Folter, langjährigen Gefängnisstrafen und Zwangsarbeit in Sibirien. Betroffen waren mehrheitlich Politiker der LDP und der CDU, aber auch SPD-Mitglieder, die sich gegen die Zwangsvereinigung der Sozialdemokratischen und der Kommunistischen Partei zur SED im Jahr 1946 ausgesprochen hatten. Wer sich nicht durch Flucht in den West retten konnte, wurde mundtot gemacht. Die freie parlamentarische Arbeit wurde auf diese Weise zunehmend erschwert, bis schließlich 1947 sämtliche Parteien gleichgeschaltet wurden.
Stellvertretend für die große Zahl der Verfolgten sind auf der Gedenktafel im Thüringer Landtag die Konterfeis der drei Politiker Hermann Becker (LDP), Hermann Brill (SPD) und Hugo Dornhofer (CDU) abgebildet.
Hermann Becker (1905–1981) gehörte vor 1933 der Deutschen Demokratischen Partei (DDP) an und machte sich nach dem Zweiten Weltkrieg als Mitbegründer der LDP Thüringens sowie als Gründer der „Thüringischen Landeszeitung“ verdient. In den Jahren 1946 bis 1948 war er Fraktionsvorsitzender der Partei im Thüringer Landtag. Sowohl als Politiker als auch Publizist übte er offen Kritik an den politischen Positionen der SED und ihrem Führungsanspruch. Er forderte Rechtsstaatlichkeit, Rechtssicherheit und eine stärkere Privatwirtschaft. Zudem kritisierte er die Bevormundung der Landtagsabgeordneten durch die Einheitspartei. Selbst massive Einschüchterungsversuche hielten Hermann Becker nicht von seinem couragierten Einsatz für die Demokratie ab. Am 23. Juli 1948 wurde er während einer Sitzung des Thüringer Landtages von der sowjetischen Geheimpolizei NKWD festgenommen und in Berlin-Hohenschönhausen inhaftiert. Dort wurde er verhört, gefoltert und schließlich 1950 per Fernurteil zu 25 Jahren Zwangsarbeit verurteilt. Fünf Jahre verbrachte er im sibirischen Lager „Workuta“, bis er auf Betreiben Konrad Adenauers frei kam und nach West-Berlin entlassen wurde. Auf Initiative seiner Familie, der FDP-Fraktion des Thüringer Landtages und des damaligen Bundesministers des Auswärtigen, Klaus Kinkel, wurde Becker 1993 von der russischen Generalstaatsanwaltschaft rehabilitiert. Seit Juli 2013 trägt der Sitzungssaal der FDP im Thüringer Landtag den Namen des berühmten LDP-Abgeordneten.
Der Sozialdemokrat Hermann Louis Brill (1895–1959), der nach seiner Zeit als Abgeordneter des Thüringer Landtages von 1920 bis 1933 bereits wegen seines Engagements gegen die Nationalsozialisten in Buchenwald interniert war, wurde von den Amerikanern als vorläufiger Regierungspräsident Thüringens eingesetzt. Kurz nach Einmarsch der Roten Armee wurde er jedoch auf Anweisung Walter Ulbrichts seines Postens enthoben, weil seine Vorstellungen von einem Neubeginn der deutschen Arbeiterbewegung mit denen der sowjetischen Besatzungsmacht kollidierten. Hermann Brill ließ sich jedoch nicht abschrecken. Ende Oktober 1945 trat er den Vorsitz der SPD in Thüringen an. Erst als der Druck auf ihn 1946 zu groß wurde, verließ er Thüringen. Durch eine Flucht nach West-Berlin gelang es ihm, der drohenden Inhaftierung zu entgehen. In Erfurt, Frankfurt am Main und Wiesbaden tragen heute Straßen seinen Namen. In Weimar gibt es einen Hermann-Brill-Platz und in Erfurt ist das Haus der Friedrich-Ebert-Stiftung nach ihm benannt. Seit April 2013 trägt auch der SPD-Sitzungssaal im Thüringer Landtag seinen Namen.
Hugo Dornhofer (1896–1977) war Mitbegründer der CDU im Eichsfeld, ab 1945 war er Kreisvorsitzender und ein Jahr darauf stellvertretender Landesvorsitzender der CDU in Thüringen. Von 1946 bis 1950 vertrat er seine Partei im Thüringer Landtag. Die CDU im Eichsfeld avancierte unter seiner Leitung zur stärksten politischen Kraft. Nach der durch die Sowjets erzwungenen Entlassung Jakob Kaisers stieg Dornhofer zum amtierenden Landesvorsitzenden der CDU auf. Aufgrund seines Demokratieverständnisses übte Dornhofer immer wieder offen Kritik an der SED. Bereits im November 1947 trat er auf Druck der SMAD wieder zurück. Kurze Zeit später musste er auch seine anderen Ämter und Mandate niederlegen. Im Juli 1952 wurde Hugo Dornhofer bei einem Kirchgang verhaftet. In einem Schauprozess wurde er wegen seiner Kontakte zum Ost-Büro der westdeutschen CDU und seiner öffentlichen Fürsprache für Jakob Kaiser zu zwölf Jahren Zuchthaushaft verurteilt. Nach vier Jahren wurde Dornhofer entlassen, blieb aber politisch und wirtschaftlich isoliert. Erst 1993 wurde er posthum durch das Erfurter Bezirksgericht rehabilitiert.
Die Gedenktafel aus schwarzem Marmor im Foyer des Thüringer Landtages trägt die Inschrift.
Inschriften
Inschrift der Gedenktafel
(an der Jürgen-Fuchs-Straße 1)
Der Thüringer Landtag gedenkt / aller verfolgten Politiker des Landes Thüringen“ sowie die bronzenen Konterfeis der drei o. g. Politiker mit den Daten: „Hermann Becker / LDP / 1905–1981“, „Hermann Brill / SPD / 1895–1959“ und „Hugo Dornhofer / CDU / 1896–1977
Sprache: Deutsch, Schrift: Lateinisch
Publikationen der Bundesstiftung
- Kaminsky, Anna (Hrsg.): Orte des Erinnerns. Gedenkzeichen, Gedenkstätten und Museen zur Diktatur in SBZ und DDR, 3. Aufl., Berlin 2016
- Kategorie: Gedenkort
- Historisch: Ja
- Standort: Jürgen-Fuchs-Straße 1
- Stadt: Erfurt
- Gebiet: Thüringen
- Land: Deutschland
