Greifswald, Deutschland
Gedenktafel für den Medizinerstreik 1955
Nach dem Übergang von der verdeckten Aufrüstung zum Aufbau der NVA in der DDR beschloss das Politbüro der SED Anfang März 1955, die Ausbildung von Militärärzten an der Universität Greifswald zu konzentrieren. Dieser Beschluss löste unter Studenten und Dozenten der Universität eine für die Machthaber überraschende Protestbewegung aus. Versuche, die Studenten zu beruhigen, scheiterten, da die Verantwortlichen vor Ort weder über das Zustandekommen noch über die genauen Konsequenzen des Beschlusses Auskunft geben konnten. Eine Sorge der Studierenden war, dass das Medizinstudium an der Universität Greifswald künftig mit dem Eintritt in die Kasernierte Volkspolizei verbunden sein würde.
Entsprechende Gerüchte hatten bereits seit dem 24. März 1955 für beträchtliche Unruhe gesorgt, auf welche die Sicherheitsorgane mit massiver Überwachung reagierten. Am 30. März schloss sich die Mehrheit der Studenten der Medizinischen Fakultät einem spontanen Vorlesungsstreik an. Am Abend sollte in der Aula eine Veranstaltung stattfinden, von der sie sich Auskunft über die Zukunft ihres Studiums erwarteten. Als die Hochschullehrer wegen der parallel tagenden Fakultätssitzung nicht erschienen und klar wurde, dass es sich vielmehr um eine Versammlung von FDJ und SED mit dem Bezirkssekretär Karl Mewis handelte, verließen viele Studierenden den Saal. Den dabei entstehenden Tumult nutzten die Einsatzkräfte der Polizei, um die „Rädelsführer“ zu verhaften. Über 200 Personen wurden an diesem Abend festgenommen, die jedoch fast alle nach 24 Stunden wieder entlassen wurden. Selbst führende SED-Funktionäre bezeichneten die Massenverhaftung als nicht gerechtfertigt. Zwölf Medizinstudenten blieben jedoch mehrere Wochen in Untersuchungshaft. Sechs von ihnen wurden – unabhängig vom Studentenstreik – wegen angeblicher Zusammenarbeit mit westlichen Geheimdiensten bzw. wegen ihrer Kontakte zu Personen, die für diese Dienste tätig sein sollten, zu langen Haftstrafen verurteilt.
Aufgrund des Ausmaßes der Verhaftungen nimmt der Greifswalder Vorlesungsstreik einen besonderen Platz unter den Protesten gegen die Hochschulpolitik der SED ein. Dieser massive Widerstand gegen staatliche Willkür trug zur Kompromissfindung zwischen der Universität und dem Staatssekretariat für Hochschulwesen bei. Zwar wurde die Ausbildung von Militärmedizinern dennoch in Greifswald konzentriert, aber die Medizinische Fakultät blieb als Bestandteil der Universität erhalten, so dass bis zum Ende der DDR sowohl zivile als auch Militärmediziner dort ihre Ausbildung erhielten.
Am 24. Mai 2000 wurde auf einer Gedenkveranstaltung anlässlich des 45. Jahrestages der Greifswalder Ereignisse eine Gedenktafel im Treppenaufgang des Hörsaalgebäudes enthüllt.
Inschriften
Inschrift der Gedenktafel
(im Treppenaufgang des Hörsaalgebäudes)
Im März 1955 protestierten / hunderte Studentinnen / und Studenten gegen / die Umwandlung der / medizinischen Fakultät / in eine militärmedizinische / Akademie. / Ihr Mut setzte ein Zeichen / für die akademische / Freiheit der Universität. / Sie verdienen / lebendige Erinnerung
Sprache: Deutsch, Schrift: Lateinisch
Literatur
- Schmiedebach, Heinz-Peter/Spiess, Karl-Heinz (Hrsg.): Studentisches Aufbegehren in der frühen DDR. Der Widerstand gegen die Umwandlung der Greifswalder Medizinischen Fakultät in eine militärmedizinische Ausbildungsstätte im Jahr 1955, Stuttgart 2001
Publikationen der Bundesstiftung
- Kaminsky, Anna (Hrsg.): Orte des Erinnerns. Gedenkzeichen, Gedenkstätten und Museen zur Diktatur in SBZ und DDR, 3. Aufl., Berlin 2016
- Kategorie: Gedenkort
- Historisch: Ja
- Standort: Hörsaalgebäude der Universität Greifswald, Rubenowstraße 11
- Stadt: Greifswald
- Gebiet: Mecklenburg-Vorpommern
- Land: Deutschland
