Berlin, Deutschland

Gedenktafel Fluchttunnel

 
Nach dem Bau der Berliner Mauer am 13. August 1961 suchten Menschen aus der DDR neue Fluchtwege aus dem nun abgeriegelten SED-Staat. Eine Möglichkeit war der Bau von Fluchttunneln im Grenzgebiet zwischen West- und Ost-Berlin. Einer der Schwerpunkte war dabei das Gebiet zwischen Heidelberger Straße und Elsenstraße, also zwischen Treptow und Neukölln. Das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) hatte bis November 1962 Kenntnis von mindestens neun Fluchttunneln an dieser Stelle. Mehrere Tunnel wurden „liquidiert“, bevor sie genutzt werden konnten. Großer Erfolg erlangten westliche Fluchthelfer mit einem Tunnel von der Eckkneipe „Heidelberger Krug“ auf westlicher Seite zu dem Keller des Fotogeschäftes Boss in der Elsenstraße auf östlicher Seite führte. Einer der Tunnelbauer war Harry Seidel. Seidel war in der DDR ein gefeierter Radsportler gewesen, der sich allerdings gegen die politische Vereinnahmung des Sports wehrte. Kurz nach dem Mauerbau flüchtete Seidel nach West-Berlin und begann sich als Fluchthelfer zu engagieren. Am Pfingstwochenende 1962 grub Harry Seidel zusammen mit anderen den besagten Tunnel, durch den am 11. Juni 1962 etwa 55 Personen nach West-Berlin flohen. Kurze Zeit später wurde der 75 Meter lange Tunnel von der Staatssicherheit entdeckt und konnte für weitere Fluchten nicht mehr genutzt werden. Harry Seidel war an mehreren Tunnelbau-Projekten beteiligt. Am 14. November 1962 geriet er am Ende eines 70 Meter langen Tunnels, den er im Auftrag der West-Berliner CDU in Kleinmachnow mitgebaut hatte, in einen Hinterhalt des MfS. Seidel wurde in der DDR in einem Schauprozess zu lebenslanger Freiheitsstrafe verurteilt. Nachdem er vier Jahre in Haft verbüßt hatte, kaufte ihn die Bundesrepublik frei. Am 18. Oktober 2004 wurde bei Bauarbeiten in der Elsenstraße der Fluchttunnel wieder gefunden. Der nur 80 Zentimeter breite und 70 Zentimeter hohe Tunnel wurde freigelegt und dokumentiert. Auf Initiative des Bezirksamtes Treptow-Köpenick wurde am 11. August 2006 anlässlich des 45. Jahrestages des Mauerbaus im Beisein des Tunnelbauers Harry Seidel eine Gedenkplatte im Gehweg am entdeckten Fluchttunnel eingeweiht.

Inschriften

Inschrift der Gedenktafel
(am ehemaligen Fluchttunnel in der Elsenstraße, in den Boden eingelassen)
Fluchttunnel / Unter dieser Straße gruben / Fluchthelfer aus West-Berlin / nach dem Mauerbau einen Tunnel. / Am 11. Juni 1962 gelang auf diesem Wege / 55 Ostberlinern die Flucht in den / freien Teil der Stadt
Sprache: Deutsch, Schrift: Lateinisch

Ereignisse

11. August 2006 - Einweihung
Einweihung der Gedenktafel
11. Juni 1962 - Historie
55 Personen fliehen nach West-Berlin durch den von Harry Seidel in der Elsenstraße angelegeten Tunnel

Literatur

  • Detjen, Marion: Ein Loch in der Mauer. Die Geschichte der Fluchthilfe im geteilten Deutschland 1961–1989, München 2005
  • Drescher, Ralf: Durch den Tunnel in die Freiheit, in: Berliner Woche, Köpenick, 27.10.2004

Publikationen der Bundesstiftung

  • Kaminsky, Anna (Hrsg.): Orte des Erinnerns. Gedenkzeichen, Gedenkstätten und Museen zur Diktatur in SBZ und DDR, 3. Aufl., Berlin 2016
 
  • Kategorie: Gedenkort
  • Historisch: Ja
  • Standort: Elsenstraße 40
  • Stadt: Berlin
  • Ortsteil: Treptow-Köpenick
  • Gebiet: Berlin
  • Land: Deutschland