Gießen, Deutschland

Lern- und Erinnerungsort Notaufnahmelager Gießen

 
Die Stadt Gießen wurde während des Zweiten Weltkrieges schwer bombardiert und war bei Kriegsende im innerstädtischen Kern weitgehend zerstört. Doch für die vielen tausenden Flüchtlinge in der Stadt mussten provisorische Quartiere geschaffen werden, unter anderem auf dem ehemaligen Viehmarkt der Stadt am Bahnhof, wo bereits im Oktober 1945 zwei ehemalige Wehrmachtsbaracken aufgestellt wurden. Im Februar 1946 ließ die amerikanische Besatzungsmacht dann eine Lagerstruktur für Heimatvertriebene aus den sogenannten Ostgebieten errichten. Bis Ende des Jahres durchliefen mehr als 26.000 Heimatvertriebene aus dem Sudetenland das zunächst provisorisch angelegte Durchgangslager. Dessen Unterkünfte verteilten sich anfangs auf mehrere Gebäude in der Stadt. Die Baracken wurden im Sommer 1949 am Standort des späteren Notaufnahmelagers am Bahnhof zusammengelegt. Bereits seit 1947 hatte die Zuwanderung von Menschen aus der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) immer stärkere Bedeutung in der Flüchtlingsstadt Gießen erlangt. Das zentralisierte Lager am Bahnhof mit 14 Holzbaracken für bis zu 750 „Sowjetzonenflüchtlinge“ wurde mit der Aufgabe befasst, die in der amerikanischen Zone Ankommenden, im damaligen Sprachgebracht als „illegale Grenzgänger“ bezeichneten Menschen, zu überprüfen und gegebenenfalls zurückzuschicken. Obwohl nur politisch Verfolgte mit einer Gefahr „für Leib und Leben“ aufgenommen werden sollten, riss der Andrang der Schutzsuchenden nicht ab. Allein im Jahr 1949/50 erreichten schätzungsweise 150.000 Menschen aus der neu gegründeten DDR das Aufnahmelager in Gießen. Mit Verabschiedung des „Gesetzes über die Notaufnahme von Deutschen in das Bundesgebiet“ im August 1950 erhielt der Standort die Funktion eines Bundesnotaufnahmelagers (NAL) für Geflüchtete und Übersiedler aus der SBZ/DDR. Zwei weitere dieser Lager befanden sich im niedersächsischen Uelzen und ab 1953 in West-Berlin, im Ortsteil Marienfelde. Aufgrund der hohen Auslastung des NAL Gießen und den damit einhergehenden Abnutzungserscheinungen baute das Land Hessen die Einrichtung zwischen 1955 und 1964 vollständig um: Anstelle der maroden Holzbaracken entstanden mehrstöckige Steingebäude mit Kindergarten, Kultursaal und Großküche. Nach dem Bau der Berliner Mauer im August 1961 sanken die Fluchtzahlen aus der DDR drastisch. Ab 1963 fungierte deshalb das aufwändig umgebaute Lager in Gießen – dessen plötzlich unausgelastete Räumlichkeiten zwischenzeitlich von einer Schwesternschule, einem Studentenwohnheim sowie einer Abteilung der Kriminalpolizei genutzt wurden – als zentrales Bundesnotaufnahmelager, Uelzen wurde ganz geschlossen und Marienfelde zurückgebaut und als Nebenlager von Gießen weiterbetrieben. Nachdem die Bundesrepublik im Verlauf des Jahres 1963 mit dem SED-Regime die Bedingungen für den streng geheimen Freikauf politischer Häftlinge aus der DDR ausgehandelt hatte, war das NAL Gießen über Jahre die erste Station im Westen für mehr als 27.000 der insgesamt 33.000 Freigekauften. Als die DDR 1984 plötzlich zehntausende offizielle Ausreiseanträge bewilligte, stieß das Notaufnahmelager Gießen durch die hohe Zahl an Übersiedlern erstmals an seine Belasstungsgrenzen. Nicht selten hatten diese Menschen aufgrund ihrer Ausreisegesuche schikanöse Behandlung, Diskriminierung oder Kriminalisierung durch das SED-Regime erfahren. Den Höhepunkt bildete die Öffnung des Eisernen Vorhangs mit dem Abbau des Grenzzauns an der österreichisch-ungarischen Grenze sowie schließlich der Fall der Berliner Mauer am 9. November 1989 – allein am darauffolgenden Tag meldeten sich in Gießen an der Pforte etwa 2.000 Personen, insgesamt waren es im Jahr 1989 mehr als 120.000. Mit Inkrafttreten der Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion am 1. Juli 1990 wurde das Notaufnahmeverfahren eingestellt. Das Hessische Ministerium für Jugend, Familie und Gesundheit gründete zum 1. April 1993 am ehemaligen Notaufnahmelager die Hessische Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge in Gießen. Die Einrichtung erhielt eine neue Funktion. Bis zu ihrer Schließung 2018 nahm die Dienststelle am Meisenbornweg Schutzsuchende aus aller Welt auf. Noch im selben Jahr beschloss die Hessische Landesregierung den Ort, der über 70 Jahre lang eine Anlaufstelle für Zugewanderte aus der DDR, Ostmitteleuropa und der ganzen Welt bot, in eine Gedenkstätte umzuwandeln. Am 17. Juni 2025, dem 72. Jahrestag des Volksaufstandes in der DDR vom 17. Juni 1953, eröffnete auf dem landeseigenen Gelände des einstigen Notaufnahmelagers der Lern- und Erinnerungsort Notaufnahmelager Gießen. Die Gedenkstätte befindet sich in Besitz des Landes Hessen. Im Fokus der Dauereinrichtung stehen die Erlebnisse der an diesem Ort Angekommenen sowie die Sensibilisierung für Themen wie Demokratie und Diktatur, Flucht und Freiheit, Integration und Menschenrechte, die durch eine Dauerausstellung sowie ein breites pädagogisches und digitales Angebot vermittelt werden. Durch Gruppenführungen, Workshops, Vorträge und Zeitzeugengespräche lädt der Lern- und Erinnerungsort dazu ein die Geschichte des Notaufnahmelagers Gießen kennenzulernen und tiefergehende Einblicke in die Erfahrung von Geflüchteten und ihre Integration in die Gesellschaft zu erhalten.

Ereignisse

17. Juni 2025 - Eröffnung
Eröffnung des Lern- und Erinnerungsortes Notaufnahmelager Gießen

Literatur

  • van Laak, Jeannette: Einrichten im Übergang. Das Aufnahmelager Gießen (1946-1990), Frankfurt/New York, 2017.
  • van Laak, Jeannette/Mück, Florentin (Hrsg.): Sehnsuchtsort Gießen? Erinnerungen an die DDR-Ausreise und den Neubeginn in Hessen, Gießen 2016.

Weitere Informationen

  • Schäfer, Marc: Gießener Notaufnahmelager für DDR-Bürger wird zur Gedenkstätte, in: Gießener Allgemeine, 23.05.2021, URL: https://www.giessener-allgemeine.de/giessen/in-giessen-lebt-die-vergangenheit-bald-neu-auf-90656635.html
 
  • Kategorie: Gedenkort
  • Historisch: Ja
  • Standort: Meisenbornweg 27
  • Stadt: Gießen
  • Gebiet: Hessen
  • Land: Deutschland