Dummerstorf, Deutschland
Gedenkstein zur Erinnerung an die Kessiner Friedensseminare
Anlässlich des 30. Jahrestages der Friedlichen Revolution weihte die Evangelisch-Lutherische Kirchengemeinde St. Godehard auf dem Pfarrhof am 16. Juni 2019 einen Gedenkstein zur Erinnerung an die Kessiner Friedensseminare ein.
Noch bevor sich im Herbst 1989 Bürgerrechtsbewegungen wie das Neue Forum, Demokratie Jetzt oder Demokratischer Aufbruch gründeten, fanden in kirchlichen Bildungsstätten oder Pfarrhäusern bereits Menschenrechts-, Friedens- oder Umweltgruppen zusammen. Gemeinsam planten sie Aktionen, pflegten den offenen Gedankenaustausch und legten damit die Grundsteine für die Friedliche Revolution. Eine solche Friedensgruppe – die Kessiner Friedensseminare – entstand bereits Ende der 1970er Jahre rund um die beiden Pastoren Heiko Lietz und Dieter Nath.
Nachdem 1978 der Wehrunterricht für alle Schülerinnen und Schüler der 9. und 10. Klassen eingeführt worden war und damit eine weitere Militarisierung der Gesellschaft anstand, beschlossen die beiden Pastoren, einen Friedenskreis ins Leben zu rufen, um ihrem Protest öffentlich Ausdruck zu verleihen. Die Zusammenkünfte fanden zunächst in Güstrow statt, mussten jedoch mit dem Ausscheiden von Heiko Lietz aus dem kirchlichen Dienst nach Kessin verlegt werden, wo sich die Mitglieder ab 1981 trafen. Dieter Nath übernahm, in Absprache mit dem Kirchengemeinderat, die Verantwortung für weitere Treffen.
So kam es vom 11. bis zum 13. Juni 1982 zum ersten Friedensseminar unter dem Motto „Unterwegs auf der Suche nach Frieden“. Dabei ging es um die mit dem Wehrkundeunterricht und der vormilitärischen Ausbildung verbundenen Konflikte sowie mögliche Konsequenzen für das schulische, universitäre und berufliche Fortkommen junger Menschen. Von Anfang an war geplant, mit Repräsentanten der FDJ und des Friedensrates ins Gespräch zu kommen. Die eingeladenen Vertreter sahen dies als Anmaßung und forderten Disziplinarmaßnahmen gegenüber den Verantwortlichen. Davon unbeirrt setzten sich die Kessiner Friedensseminare sowohl im Mai 1983 als auch im Juni 1984 fort. Etwa 100 Interessierte nahmen jeweils an den Zusammenkünften teil. Vertreter des SED-Staates blieben den Einladungen fern. Als ein Mitarbeiter des Rates des Bezirkes Rostock Pfarrer Nath schließlich darauf hinwies, dass die Seminare nicht angemeldete Veranstaltungen darstellten und als ein Affront gegen die SED ausgelegt werden könnten, wurde deutlich, dass die Bemühungen für einen Dialog mit der Staatsmacht fruchtlos waren.
Am 7. Oktober 1984 trafen sich einige Teilnehmer des Friedenskreises bei Pfarrer Markus Meckel in Vipperow. Sie werteten die Seminare aus und diskutierten über Möglichkeiten, wie die bisherigen Bemühungen für zukünftige gesellschaftspolitische Veränderungen genutzt werden können. In seinem Bericht zum Treffen in Vipperow vermerkte ein inoffizieller Mitarbeiter der Stasi, dass „das einheitliche Ziel aller Anwesenden benannt wurde: es geht um die Planung und Durchführung einer Revolution in der DDR“. Nur wenige Jahre später kulminierte das demokratische Aufbegehren der Menschen in der DDR in der Friedlichen Revolution des Herbstes 1989.
Inschriften
Inschrift des Gedenksteins
(vor der Evangelisch-Lutherischen Kirchengemeinde St. Godehard)
Kessiner / Friedensseminare / 1982 – 1984. // Sie waren Bausteine der / Friedlichen Revolution / 1989
Sprache: Deutsch, Schrift: Lateinisch
Ereignisse
16. Juni 2019 - Einweihung
Einweihung des Gedenksteins zur Erinnerung an die Kessiner Friedensseminare
Publikationen der Bundesstiftung
- Kaminsky, Anna (Hrsg.): Orte des Erinnerns an die Friedliche Revolution, Berlin 2024
- Kategorie: Gedenkort
- Historisch: Ja
- Standort: Neubrandenburgerstraße 5, vor der Evangelisch-Lutherischen Kirchengemeinde St. Godehard
- Stadt: Dummerstorf
- Ortsteil: Kessin
- Gebiet: Mecklenburg-Vorpommern
- Land: Deutschland
