Rothenburg, Deutschland
Gedenkstein für Hermann Schnabel und Horst Köhler
Anfang der 1950er Jahre wurde in Rothenburg mit dem Bau eines Militärflughafens begonnen. Für die anfallenden Erdarbeiten setzte man Häftlinge aus dem Gefängnis Bautzen ein, so dass hier seit Frühjahr 1953 etwa 200 bis 300 Verurteilte mit Haftstrafen unter fünf Jahren in Zelten untergebracht waren.
Hermann Schnabel (1904–1953) und Horst Köhler (1927–1953) waren zu dieser Zeit als politische Gefangene in Bautzen gefangen. Hermann Schnabel, 1904 als Sohn eines Missionars der Herrnhuter Brüdergemeine in Indien geboren, folgte dem Beruf seines Vaters und ging 1932 als Missionar nach Tansania. Dort war er bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkrieges für die Verwaltung der Missionsschulen zuständig. 1934 heiratete er Käthe Prellwitz, ebenfalls Tochter eines Herrnhuter Missionars. Mit Kriegsausbruch von den Briten interniert, kehrte er kurz darauf nach Deutschland zurück. Ein Jahr später wurde er in die Wehrmacht eingezogen. Nach Kriegsende übernahm er die Leitung der Brüder-Unität in Niesky. Nach Differenzen mit der Brüdergemeine trat er 1947 aus der Glaubensgemeinschaft aus und wurde später Mitglied der SED. Seine freiheitlichen Überzeugungen ließen ihn jedoch sehr schnell in Konflikt mit der offiziellen Parteilinie geraten. Ab 1949 verfasste er Briefe und Anklageschriften, die sich gegen Enteignung, Bodenreform und die zunehmende Sowjetisierung der DDR wandten. Unter dem Pseudonym „Rübezahl“ schrieb er sogar an Konrad Adenauer und den RIAS (Rundfunk im amerikanischen Sektor), um die Missstände auch außerhalb der DDR bekannt zu machen. Vor der Volkskammerwahl 1950 beantragte er die Zulassung der von ihm gegründeten „Ostdeutschen Bewegung“, die sich dem Paneuropa-Gedanken der frühen 1950er Jahre verpflichtet fühlte. Sein Engagement für diese Einigungsbewegung wurde ihm jedoch zum Verhängnis. Als er am 17. Juli 1951 auf einer Versammlung der Nationalen Front in Niesky offen für diese Idee warb, wurde er vom Rednerpult weg verhaftet und nach Bautzen II gebracht. Er zu vier Jahren Zuchthaus wegen „staatsfeindlicher Propaganda und Gefährdung des Friedens“ verurteilt. 1993 wurde Hermann Schnabel rehabilitiert.
Über Horst Köhler ist wenig bekannt. Geboren 1927 in Kamenz in Sachsen, arbeitete er zuletzt als Schauspieler am Theater in Gera. Vermutlich wurde er dort Anfang der 1950er Jahre verhaftet und gelangte nach seiner Verurteilung nach Bautzen. Mit Gründung des Haftarbeitslagers lernen sich Schnabel und Köhler beim Bau des Flughafens in Rothenburg kennen. Die Kunde vom Volksaufstand des 17. Juni 1953 drang auch zu den Häftlingen durch, die anfänglich noch Hoffnung auf ihre Entlassung hegten. Doch das Lager wurde am 17. Juni nur für einige Tage geschlossen und die Insassen wurden nach Bautzen zurückgebracht bis sie Ende Juni die Bauarbeiten wieder aufnehmen mussten.
Von dort versuchten Horst Köhler, Hermann Schnabel und andere Häftlinge zu fliehen. Doch der Plan wurde verraten. Die alamierten Wachmannschaften eröffneten sofort das Feuer. Horst Köhler wurde erschossen, Hermann Schnabel erlag seinen tödlichen Verletzungen kurze Zeit später. Seine Angehörigen erfuhren durch ein Telegramm, dass er bei einem Fluchtversuch erschossen worden sei. Die übrigen Häftlinge wurden gestellt und zurück nach Bautzen gebracht. Die Leichen von Hermann Schnabel und Horst Köhler äscherte man heimlich im Zittauer Krematorium ein. Ihre und weitere 87 Urnen, die die sterblichen Überreste von Häftlingen enthielten, die zwischen 1951 und 1956 in Bautzen zu Tode gekommen waren, wurden zunächst auf einem Dachboden gelagert. Erst im August 1957 wurden sie anonym im Urnenhain des Zittauer Friedhof beigesetzt, der 1977 jedoch eingeebnet wurde.
Auf dem Friedhof von Rothenburg wurde aus Anlass des 50. Jahrestages der Flucht am 3. Juli 2003 ein Gedenkstein eingeweiht, der an das tragische Schicksal von Hermann Schnabel und Horst Köhler erinnert. Die Errichtung geht auf den DSU-Kreisrat Christfried Wiedemuth, den Landkreis Niederschlesischer Oberlausitzkreis sowie ehemalige Häftlinge und die evangelische Kirche zurück. Der Stein trägt eine Inschrift.
Inschriften
Inschrift des Gedenksteins
(auf dem Gemeindefriedhof)
Ich glaube an die Unantastbarkeit / und an die Würde jedes einzelnen Menschen, / Ich glaube, dass allen Menschen von Gott / das gleiche Recht auf Freiheit gegeben wurde. / Ich verspreche, jedem Angriff auf die Freiheit / und der Tyrannei Widerstand zu leisten, / wo auch immer sie auftreten mögen. / Hermann Schnabel / geb. am 6.6.1904 in Poo, Indien / Horst Köhler / geb. am 3.1.1927 in Kamenz / Sie waren politische Gefangene in Bautzen / und wurden am 3. Juli 1953 / auf dem Flugplatz Rothenburg / bei einem Fluchtversuch erschossen.
Sprache: Deutsch, Schrift: Lateinisch
Literatur
- Sächsische Zeitung
Publikationen der Bundesstiftung
- Kaminsky, Anna (Hrsg.): Orte des Erinnerns. Gedenkzeichen, Gedenkstätten und Museen zur Diktatur in SBZ und DDR, 3. Aufl., Berlin 2016
- Kategorie: Gedenkort
- Historisch: Unbekannt
- Standort: Evangelischer Gemeindefriedhof
- Stadt: Rothenburg
- Gebiet: Sachsen
- Land: Deutschland
