Rüterberg, Deutschland

Gedenkstein für die Zwangsausgesiedelten

 
Nach der Teilung Deutschlands verlief die Demarkationslinie zwischen der östlichen und den westlichen Besatzungszonen in unmittelbarer Nähe der westlich von Dömitz am Elbbogen gelegenen Gemeinde Rüterberg. Seit 1952 gehörte das Dorf zum Sperrgebiet der DDR. Von 1967 bis 1989 lebten die Dorfbewohner in einem hermetisch abgeriegelten Areal, vollständig eingezäunt und rund um die Uhr bewacht. Nach einer Idee von Hans Rasenberger erklärten sich die Dorfbewohner am 9. November 1989 zur unabhängigen Dorfrepublik, um an die Jahre der vollständigen Isolation zu erinnern. Diese Aktion erregte bundesweit und international Aufmerksamkeit. Heute ist das Dorf zu einem Zeugnis für das Leben im Sperrgebiet geworden. Hans Rasenberger, der seit 1946 in Rüterberg wohnt, trug zahlreiche Zeugnisse und Informationen zur Geschichte des Dorfes und der Grenze zusammen. Von den Grenzsicherungsanlagen ist noch der Beobachtungsturm erhalten. Zum 10. Jahrestag der Verkündung der „Dorfrepublik“ entstand 1999 ein Heimatmuseum in der Gemeinde, das die lokale Vergangenheit vorstellt. Die Gemeinde Rüterberg umfasste 1938 die Dörfer Wendisch-Wehningen und Broda-Sandwerder. Durch die Lage an der Elbe und die erschlossenen Rohstoffe waren bereits um die Jahrhundertwende ein Klinkerwerk und eine Ziegelei entstanden, später kam ein Sägewerk hinzu. Im April 1945 besetzten zunächst amerikanische Truppen das Dorf. Im Juli 1945 übernahm die Rote Armee Westmecklenburg, und eine gewählte Gemeindeverwaltung begann mit der Arbeit. Am 2. September 1945 erfasste man die Einwohner: 497 Menschen lebten in der Gemeinde Rüterberg. Als im Mai 1952 der Beschluss des Ministerrates der DDR das Grenzregime wesentlich verschärfte, begannen auch in Rüterberg Reglementierungen den Alltag zu beherrschen. In der Aktion „Ungeziefer“ siedelten Sicherheitsorgane mehrere Familien aus. Die verbleibenden Dorfbewohner wurden der Passierscheinpflicht unterworfen. Mit den Grenzsicherungsmaßnahmen im August 1961 verschlechterte sich das Leben in Rüterberg weiter. Erneut wurden vor allem alteingesessene Bauernfamilien in der Aktion „Kornblume“ zwangsweise ausgesiedelt. 1966 kam es auf der Elbe bei Rüterberg zu Auseinandersetzungen um die Festlegung des Grenzverlaufs auf dem Fluss. Als die Gemeinde 1967 durch einen Metallgitterzaun eingeschlossen wurde, begannen die Jahre der Isolation. Es gab nur noch einen Zugang von der B 195 zum Dorf, der durch ein Eisentor abgeriegelt und ständig bewacht wurde. Nachdem alles Gewerbe im ehemaligen Industriedorf beseitigt war, gab es in Rüterberg keine Arbeitsplätze mehr. Die Einwohnerzahl verminderte sich drastisch. 1971 riss man das Klinkerwerk ab, den Blick auf die Elbe versperrte nun ein drei Meter hoher, undurchsichtiger Streckmetallgitterzaun. Zehn Jahre später stand im Ortsteil Broda nur noch ein Haus. Bis 1989 sank die Einwohnerzahl auf 150. Die Abriegelung der innerdeutschen Grenze hatte fast zum Ende der Gemeinde geführt. Doch die Friedliche Revolution im Herbst 1989 befreite auch Rüterberg. Am 10. November 1989 zog man die Posten vom Eingangstor nach Rüterberg ab und die 22-jährige Abschottung fand ihr Ende. Heute erinnert neben den wenigen Überresten und der Heimatstube eine kleine Gedenkstätte an das Grenzregime. An der Elbe, auf der ehemaligen Grenze, wurde ein Zaunteilstück mit einem Grenztor aufgestellt. Zur Erinnerung an die Zwangsausgesiedelten und die Jahre der vollständigen Isolation wurde 1995 ein Gedenkstein mit einer Inschrift errichtet. Das Heimatmuseum befindet sich im ehemaligen Schulgebäude, dem heutigen Gemeindehaus mit der Gaststätte „Elbklause“. Rüterberg trägt den amtlichen Namen Dorfrepublik Rüterberg. Erklärungen hierzu sind an verschiedenen Gedenktafeln in Rüterberg direkt an den Radwegen und in der Heimatstube zu finden.

Inschriften

Inschrift des Gedenksteins
Für die Opfer der Unmenschlichkeit
Sprache: Deutsch, Schrift: Lateinisch

Literatur

  • Bennewitz, Inge/Potratz, Rainer: Zwangsaussiedlungen an der innerdeutschen Grenze, Berlin 1994 (= Forschungen zur DDR-Geschichte, Bd. 4)
  • Rasenberger, Hans: Die Dorfrepublik Rüterberg, Rüterberg 1995

Publikationen der Bundesstiftung

  • Kaminsky, Anna (Hrsg.): Orte des Erinnerns. Gedenkzeichen, Gedenkstätten und Museen zur Diktatur in SBZ und DDR, 3. Aufl., Berlin 2016