Penzlin, Deutschland

Gedenkstein für die Opfer stalinistischer und kommunistischer Willkür aus Penzlin

 
Am 9. Dezember 1945 wurden vier Jugendliche – und wenige Tage später fünf weitere – aus dem mecklenburgischen Penzlin während einer Tanzveranstaltung von einer Operativgruppe der sowjetischen Geheimpolizei NKWD verhaftet. Ihnen wurde vorgeworfen, einer „Werwolf“-Gruppe angehört zu haben, die den Kampf gegen die Alliierten fortführen sollte. Die Jungen wurden in das ehemalige Landratsamt nach Waren an der Müritz gebracht, wo bereits 34 Jugendliche aus Malchow von der sowjetischen Geheimpolizei verhört und gefoltert worden waren. Auf Grundlage erzwungener Geständnisse wurden die Penzliner Jungen am 30. März 1946 von einem Sowjetischen Militärtribunal (SMT) in Güstrow wegen „antisowjetischer“ Einstellung und „Propaganda“sowie Mitgliedschaft in einer „Werwolf“-Gruppe gegen die Alliierten verurteilt; zwei der Jugendlichen zum Tode durch Erschießen, die anderen sieben zu Haftstrafen zwischen zehn und 25 Jahren. Sie wurden nach Alt-Strelitz, Sachsenhausen, Bautzen, Untermaßfeld und in die Sowjetunion nach Workuta gebracht. Der letzte Überlebende kam 1954 aus Bautzen frei. Alle Jugendlichen wurden 1995 von der Militärstaatsanwaltschaft der Russischen Föderation rehabilitiert. Eines der Opfer, Karl-Friedrich Wendt, starb 1950 in Untermaßfeld. Sein Vater organisierte in Penzlin ein öffentliches Begräbnis, an dem mehr als 300 Penzliner teilnahmen, darunter auch Vertreter der FDJ und Mitarbeiter des Bürgermeisters. Die Trauerfeier wurde zu einer Demonstration gegen die DDR. Aufgrund dieses Vorfalles wurden die Leiter der Strafanstalten in der DDR angewiesen, ab sofort verstorbene Gefangene am Gefängnis-Ort zu bestatten. Den Angehörigen sollte der genaue Ort nicht mitgeteilt werden. Horst Vau, der Bruder eines der Opfer, versuchte das Schicksal von Karl-Heinz Vau und den anderen zu recherchieren und regte schließlich auch die Errichtung einer Gedenktafel an. Am 2. Juli 2002 beschlossen die Stadtvertreter von Penzlin, auf dem Friedhof einen Gedenkstein mit einer Tafel zur Erinnerung an die „Penzliner Jungen“ zu errichten. Am Volkstrauertag 2003 wurde die durch Spenden finanzierte Tafel eingeweiht. Wenige Tage zuvor war in der Stadtverwaltung eine Ausstellung über sowjetische Militärtribunale in Mecklenburg-Vorpommern eröffnet worden, in der auch die Schicksale der „Penzliner Jungen“ dokumentiert sind. Anlässlich des 10. Jahrestages der Gedenksteinsetzung wurde am 7. Juli 2012 eine Gedenkveranstaltung abgehalten. Initiator war der Penzliner Bürgermeister. Organisiert wurde die Veranstaltung von Horst Vau, Mitglied der AG Lager Sachsenhausen 1945–1950 e.V. In ganz Ostdeutschland wurden 1945/46 etliche junge Menschen durch den sowjetischen Geheimdienst verhaftet. Laut Bestätigungen der Moskauer Militärstaatsanwaltschaft nach 1990 wurden fast alle zu Unrecht verurteilt. Etwa 95 Prozent der gestellten Rehabilitierungsanträge wurde stattgegeben.

Inschriften

Inschrift des Gedenksteins
(auf dem Friedhof)
Zum Gedenken an / die Opfer stalinistischer und / kommunistischer Willkür / aus Penzlin. // Zu den Opfern gehörten 9 Jugendliche. / 5 von ihnen überlebten nicht. // Adolf Jenewsky geb. am 17.3.1928 / in Güstrow am 18.7.1946 erschossen / Willi Kodera geb. am 7.5.1928 / in Güstrow am 18.7.1946 erschossen / Karl-Heinz Vau geb. am 19.11.1929 / verstorben am 14.3.1948 in Sachsenhausen / Erwin Wendt geb. am 10.12.1929 / verstorben am 2.10.1947 in Sachsenhausen / Karl-Friedr. Wendt geb. am 21.7.1927 / verstorben am 1.6.1950 in Untermaßfeld/Thür. // Die 9 Jugendlichen wurden am 2. Februar / 1995 vom Hauptmilitärstaatsanwalt der / Russischen Föderation rehabilitiert.
Sprache: Deutsch, Schrift: Lateinisch

Ereignisse

16. November 2003 - Einweihung
Einweihung des Gedenksteins mit Gedenktafel für die Opfer stalinistischer und kommunistischer Willkür aus Penzlin

Literatur

  • Prieß, Benno: Erschossen im Morgengrauen. 2. erw. Aufl., Calw 2002

Publikationen der Bundesstiftung

  • Kaminsky, Anna (Hrsg.): Orte des Erinnerns. Gedenkzeichen, Gedenkstätten und Museen zur Diktatur in SBZ und DDR, 3. Aufl., Berlin 2016
 
  • Kategorie: Gedenkort
  • Historisch: Nein
  • Standort: Friedhof
  • Stadt: Penzlin
  • Gebiet: Mecklenburg-Vorpommern
  • Land: Deutschland