Güstrow, Deutschland

Gedenkstein für die Opfer der sowjetischen Geheimpolizei

 
Bis zum Frühjahr 1992 befand sich gegenüber dem Güstrower Schloss das Untersuchungsgefängnis der Stadt Güstrow, das bereits Ende des 19. Jahrhunderts hier eingerichtet worden war. Nach der Besetzung Güstrows durch die Rote Armee am 2. Mai 1945 nutzte die sowjetische Geheimpolizei das Gefängnis als Verhör- und Haftstätte. Wie an vielen anderen Orten ging die sowjetische Besatzungsmacht unter dem Vorwand der Entnazifizierung mit großer Willkür auch gegen Unschuldige und Gegner der politischen Verhältnisse in der SBZ vor. Die Operativgefängnisse des NKWD waren für viele Verhaftete die erste Station auf ihrem Leidensweg durch die sowjetischen Speziallager. Auch in Güstrow und Umgebung verhaftete die sowjetische Geheimpolizei mit Unterstützung deutscher Behörden willkürlich Personen und sperrte sie bis 1949 in das Gefängnis am Schlossberg ein. Zu ihnen gehörte eine Gruppe junger Männer und Jugendlicher zwischen 15 und 23 Jahren, die als Mitglieder der freiwilligen Feuerwehr unter „Werwolf“-Verdacht geraten waren und während einer Verhaftungswelle im Mai 1946 festgenommen wurden. Sowjetische NKWD-Angehörige verhörten sie mit großer Brutalität und erpressten Aussagen. Von einem SMT „als Feinde der Roten Armee“ verurteilt, kamen sie in das Speziallager nach Sachsenhausen, das viele von ihnen nicht überlebten. In das Güstrower Gefängnis wurden auch aus anderen mecklenburgischen Städten Häftlinge verbracht. Einer von ihnen war Benno Prieß. Er wurde kurz vor seinem 17. Geburtstag am 4. Mai 1946 in Bützow verhaftet und in das NKWD-Gefängnis nach Güstrow gebracht. Man warf ihm vor, als Mitglied des „Werwolf“ gegen die sowjetische Armee kämpfen zu wollen. Das unter Folter erpresste Geständnis wurde zur Anklageerhebung verwendet. Im August 1946 verurteilte ihn das SMT zu zehn Jahren Arbeitslager, die er in sowjetischen Lagern in der SBZ und in DDR-Gefängnissen verbrachte. Anfang 1954 entließen die DDR-Behörden Benno Prieß aus der Strafanstalt Waldheim. Das SMT in Güstrow sprach auch Todesurteile aus. Die Erinnerungen ehemaliger Häftlinge weisen darauf hin, dass in Güstrow Gefangene durch das NKWD auch hingerichtet worden sind. Ungeklärt ist bisher allerdings, wo die Leichen verscharrt wurden. Ende der 1940er Jahre übergab die sowjetische Besatzungsmacht das Gefängnis den deutschen Behörden. Nach dem Zusammenbruch der DDR hat man das Gefängnis wegen seines schlechten baulichen Zustands und mangelnder Sicherheit geschlossen. Mitte der 1990er Jahre wurden Pläne bekannt, nach denen das Gefängnis zu einem Hotel umgebaut werden sollte. Überlebende forderten jedoch, ein Erinnerungszeichen für die Opfer stalinistischer Willkür an diesem Gebäude anzubringen. Als im Oktober 1996 das Hotel eröffnet wurde, stellte man an der Straße Schlossberg einen kleinen Stein mit einer Gedenktafel auf. Unter der Kastanie vor dem ehemaligen Untersuchungsgefängnis am Schlossberg erinnert nun ein schlichter Findling an die Opfer. Bereits 1991 veröffentlichte die Schweriner Volkszeitung auf der Lokalseite Güstrow mehrere Artikel zur Tätigkeit des NKWD in Güstrow. Anstoß waren die Recherchen von Rudolf Radtke, der im Mai 1946 verhaftet worden war, im Güstrower NKWD-Gefängnis einsaß und von einem SMT zu zehn Jahren Arbeitslager verurteilt worden war. Viele weitere Schicksale sind dokumentiert, wie beispielsweise die der Schüler Klaus Frehse (1927–1952), Karl-Heinz Köhn (1928– unbekannt in Aue verschollen), Manfred Kofahl (1928–1952), Ohland Ohde (1927–1949), Fritz Reppin (1928–1948), Günter Biel (1929–1948) und Joachim Rebs. Sie alle waren Mitglieder der Freiwilligen Feuerwehr in Güstrow und wurden in der Nacht vom 20. zum 21. Mai 1946 im Spritzenhaus in der Baustraße von einem sowjetischen Militärkommando verhaftet. Zuvor waren bereits Karl Garbe (1924–1948) und Werner Waßmann (1928–1950) verhaftet worden. Die genannten wurden gemeinsam mit Willy Mense (1925–1948) am 11. September 1946 von einem Militärtribunal im Namen der Sowjetunion wegen „illegaler Gruppenbildung“ zu langen Haftstrafen verurteilt. Joachim Rebs überlebte als einziger, er wurde am 31. März 1995 vom Obersten Militärstaatsanwalt in Moskau rehabilitiert. Der Schüler Winfried Werwath wurde am 13. Dezember 1951 vom Landgericht Güstrow „im Namen des Volkes“ wegen Verstoßes gegen Art. 6 der Verfassung, d.h. wegen „Boykotthetze“, zu zehn Jahren Haft verurteilt.

Inschriften

Inschrift des Gedenksteins
(unter der Kastanie vor dem ehemaligen Untersuchungsgefängnis am Schlossberg)
Den Opfern / stalinistischer / Willkür
Sprache: Deutsch, Schrift: Lateinisch

Ereignisse

Oktober 1996 - Einweihung
Einweihung des Gedenksteins für die Opfer der sowjetischen Geheimpolizei

Literatur

  • Prieß, Benno: Unschuldig in den Todeslagern des NKWD 1946–1954, Calw 1995

Publikationen der Bundesstiftung

  • Kaminsky, Anna (Hrsg.): Orte des Erinnerns. Gedenkzeichen, Gedenkstätten und Museen zur Diktatur in SBZ und DDR, 3. Aufl., Berlin 2016
 
  • Kategorie: Gedenkort
  • Historisch: Ja
  • Standort: Schlossberg
  • Stadt: Güstrow
  • Gebiet: Mecklenburg-Vorpommern
  • Land: Deutschland