Boltenhagen, Deutschland

Gedenkstein für die Opfer der DDR-Seegrenze

 
Auch an der scharf bewachten Seegrenze der DDR starben Menschen beim Versuch aus der DDR zu flüchten. Ähnlich wie die Landgrenze wurde die Seegrenze durch ein gestaffeltes System der Überwachung abgeschirmt, das eine Flucht unmöglich machen sollte. Der westlichste, etwa 15 Kilometer lange Küstenabschnitt zwischen der Halbinsel Priwall und dem Dorf Brook war sogar hermetisch mit einer Mauer abgeriegelt und öffentlich nicht zugänglich. Deshalb war Boltenhagen für Urlauber und Einheimische das am weitesten westlich gelegene, noch allgemein zugängliche Seebad der DDR. Die Seegrenze wurde sowohl von Land als auch von See aus bewacht. Das „landseitige System der Grenzsicherung“ bestand aus Polizeieinheiten, freiwilligen Grenzhelfern, dem Spitzelsystem der Staatssicherheit und Einheiten der Grenzkompanien. Den Angehörigen der Grenzkompanien oblag die Beobachtung der Küstenlinie. Dazu wurden in den 1970er Jahren 38 Beobachtungstürme entlang der Küste errichtet, die auch mit Suchscheinwerfern ausgerüstet waren. An besonderen Küstenabschnitten patrouillierten bewaffnete Posten. Dieses ausgeklügelte Sicherheitssystem verhinderte die meisten Fluchten, noch bevor die Flüchtenden das Wasser der Ostsee erreicht hatten. Das „seeseitige System der Grenzsicherung“ bestand aus den Booten der Grenzbrigade Küste, einer zur DDR-Volksmarine gehörenden Einheit. Trotz dieser umfangreichen Sicherungssysteme versuchten DDR-Bürger seit 1961 immer wieder über die Ostsee zu flüchten. Da die Ostseeküste bis auf den kleinen Abschnitt im äußersten Westen frei zugänglich war, sahen viele Flüchtende hier ihre größten Chancen. Besonders aussichtsreich erschienen Fluchtversuche über die Lübecker Bucht nach Schleswig-Holstein, vom Fischland/Darß zum internationalen Schifffahrtsweg und von Hiddensee oder Rügen zur dänischen Insel Mön. Mehrere Tausend Menschen wagten trotz der großen Unwägbarkeiten mit z. T. abenteuerlichen Fluchtfahrzeugen und Hilfsmitteln die Flucht über die Ostsee. Die meisten von ihnen wurden gefasst und eingesperrt. Mindestens 174 Menschen kamen bei der Flucht ums Leben. Noch im Mai 1989 ertrank Jörg Martelok beim Versuch, über die Lübecker Bucht zu schwimmen. Er war vermutlich das letzte Opfer des DDR-Grenzregimes an der Ostsee. Inzwischen sind nahezu alle Überreste der Überwachungsanlagen entlang der Küste Mecklenburg-Vorpommerns abgebaut. Der Verein „Über die Ostsee in die Freiheit“ hat sich der Erinnerung an das Grenzregime an der Ostseeküste verschrieben und dazu eine ausleihbare Wanderausstellung erarbeitet. Der Verein und Privatpersonen initiierten in Boltenhagen und in Dahme die Setzung von Gedenksteinen an, die an den Fluchtweg über die Lübecker Bucht und an die Schicksale der Küstenbewohner in Ost und West erinnern sollen. Der Boltenhagener Gedenkstein befindet sich unmittelbar neben der Seebrücke und wurde am 14. Oktober 2000 in Anwesenheit mehrerer Ostsee-Flüchtlinge und ihrer Angehörigen enthüllt.

Inschriften

Inschrift des Gedenksteins
(an der Seebrücke)
Über der Ostsee / leuchtete für uns / das Licht der Freiheit. // Den DDR-Flüchtlingen 1949–1989
Sprache: Deutsch, Schrift: Lateinisch

Ereignisse

14. Oktober 2000 - Einweihung
Einweihung des Gedenksteins für die Opfer der DDR-Seegrenze

Literatur

  • Müller, Christine/Müller, Bodo: Über die Ostsee in die Freiheit. Dramatische Fluchtgeschichten, Bielefeld 1992

Publikationen der Bundesstiftung

  • Kaminsky, Anna (Hrsg.): Orte des Erinnerns. Gedenkzeichen, Gedenkstätten und Museen zur Diktatur in SBZ und DDR, 3. Aufl., Berlin 2016
 
  • Kategorie: Gedenkort
  • Historisch: Nein
  • Standort: Seebrücke
  • Stadt: Boltenhagen
  • Gebiet: Mecklenburg-Vorpommern
  • Land: Deutschland