Föritztal, Deutschland
Gedenkstein für das geschleifte Dorf Liebau
Im Zuge der „Aktion Ungeziefer“ mussten auch im thüringischen Dorf Liebau am 5. Juni 1952 insgesamt 70 Menschen über Nacht ihre Heimat verlassen. Liebau mit seinen zwölf Wohnhäusern sowie Ställen und Scheunen befand sich nicht nur in Grenznähe, sondern hatte zudem eine außergewöhnliche Lage: Der thüringische Zipfel südlich von Sonneberg war von drei Seiten von Bayern umgeben. Da das Gebiet an engen Stellen lediglich 200 Meter breit war, beschlossen die DDR-Behörden, alle Bewohner Liebaus auszusiedeln. Verhandlungen über eine Eingliederung des Ortes nach Bayern waren gescheitert. Die damalige Landrätin Olga Brückner warnte den Bürgermeister von Liebau, Edwin Beyer, jedoch vor der bevorstehenden Evakuierung, so dass die Bewohner noch nach Bayern flüchten konnten. Nur drei ältere Bewohner blieben. Nach der Flucht wurde ihre zurückgelassene Habe geplündert und das Dorf verfiel. Das letzte Haus wurde 1975 abgerissen. Heute sind von Liebau nur ein Schutthaufen und eine überwachsene Straße übriggeblieben.
Zum 40. Jahrestag der Zwangsaussiedlung 1992 wurde in der einstigen Dorfmitte eine Linde gepflanzt und ein Denkmal errichtet. Eine Tafel auf dem Denkmal trägt eine Inschrift.
Zum 50. Jahrestag der Flucht der Liebauer Einwohner wurde im Juni 2002 die Gedenkanlage auf Initiative des Architekten Heinz Liebermann neu gestaltet und im Beisein von Edwin Beyer, der 1952 Bürgermeister von Liebau war, eingeweiht. Neben dem Gedenkstein wird auf einer Edelstahltafel an das frühere Erscheinungsbild Liebaus erinnert. Von zwei Sitzbänken aus kann man nach Thüringen und Bayern blicken. Zudem erinnert im Ortsteil Fürth der bayerischen Stadt Neustadt bei Coburg ein Straßenname an Liebau.
Inschriften
Inschrift des Gedenksteins
(an der Dorfstelle Liebau)
Hier stand das Dorf / LIEBAU/ Erstmalig erwähnt 1317 / 1952 Flucht aller / Dorfbewohner / 1975 Abriß des Dorfes / auf Anordnung/ des SED-Regimes / Mupperg, 1992
Sprache: Deutsch, Schrift: Lateinisch
Ereignisse
2002 - Einweihung
Einweihung der Gedenkanlage zur Erinnerung an das geschelifte Dorf Liebau
1992 - Einweihung
Einweihung des Denkmals und Pflanzung einer Linde in der ehemaligen Dorfmitte
1975 - Historie
Das letzte Gebäude des einstigen Dorfes Liebau wird geschleift
5. Juni 1972 - Historie
Im Zuge der "Aktion Ungeziefer" werden 70 Menschen über Nacht aus Liebau zwangsausgesiedelt
Literatur
- Ullrich, Maren: Geteilte Ansichten. Erinnerungslandschaft deutsch-deutsche Grenze, Berlin 2006
- Mahnung für Politiker, in: Neue Presse Coburg, 4.6.2002
- Friedrich, Walter: Ein Ort, ausradiert aus den Landkarten unseres Landkreises, in: Freies Wort, 17.9.1992
- Präcklein, Manfred: Von der Ortschaft Liebau ist nichts mehr übrig, in: Neue Presse, 6.8.1985
Publikationen der Bundesstiftung
- Kaminsky, Anna (Hrsg.): Orte des Erinnerns. Gedenkzeichen, Gedenkstätten und Museen zur Diktatur in SBZ und DDR, 3. Aufl., Berlin 2016
- Kategorie: Gedenkort
- Historisch: Ja
- Standort: Dorfstelle Liebau bei Föritz
- Stadt: Föritztal
- Ortsteil: Föritz
- Gebiet: Thüringen
- Land: Deutschland
