Leipzig, Deutschland

Gedenkstätte Museum in der „Runden Ecke“

 
Am 31. August 1990 eröffnete das Bürgerkomitee Leipzig in den original erhaltenen Räumen im Gebäude der ehemaligen Bezirksverwaltung für Staatssicherheit die Gedenkstätte Museum in der „Runden Ecke“. Nachdem amerikanische Truppen Leipzig am 18. und 19. April 1945 besetzt hatten, war in dem Gebäude anfänglich die amerikanische Zivilverwaltung untergebracht. Später nutzten Einheiten der US-Armee die „Runde Ecke“ bis zu ihrem Abzug am 1. Juli 1945 als Corps-Hauptquartier. Nach der Übernahme der Stadt durch die sowjetische Armee am 2. Juli 1945 fungierte das Haus als Dienstsitz verschiedener Institutionen der sowjetischen Militäradministration in Deutschland. Ab 1950 übernahm das neu gegründete Ministerium für Staatssicherheit (MfS) das Gebäude. Mit der 1952 erfolgten Auflösung der Länder wurden auch die Strukturen des MfS in Bezirksverwaltungen überführt. Die „Runde Ecke“ wurde zum Dienstsitz der Bezirksverwaltung für Staatssicherheit Leipzig und so zum Symbol für die systematische Unterdrückung der Gesellschaft durch die SED. Im Dezember 1989 beschäftigte die Leipziger Bezirksverwaltung rund 2400 hauptamtliche und etwa 10 000 inoffizielle Mitarbeiter. Allein in der „Runden Ecke“ gingen täglich rund 800 hauptamtliche Mitarbeiter ein und aus. Wie in anderen Bezirksstädten der DDR besetzten Bürger am 4. Dezember 1989 auch in Leipzig im Anschluss an die Montagsdemonstration gewaltlos die Zentrale der Staatssicherheit und stoppten die seit Tagen laufende Aktenvernichtung. So gelang es erstmals, die Zerstörungsarbeit eines Geheimdienstes zu beenden und offen zu legen. Mehr als zehn Kilometer Akten wurden auf diese Weise sichergestellt. Anlässlich der ersten Kontrollen in den Dienstgebäuden des MfS bildete sich in der Nacht nach der Besetzung das Bürgerkomitee Leipzig für die Auflösung der Staatssicherheit. Es entstand aus dem losen Verbund engagierter Bürger, die Tag und Nacht in der „Runden Ecke“ über die Akten wachten. In den ersten Wochen nach der Besetzung der MfS-Dienststellen wurden viele Gegenstände, die der Überwachung und Repression dienten, vernichtet. Erst langsam setzte sich die Erkenntnis durch, dass neben der Sicherung der Akten auch die Arbeitsgeräte der MfS-Offiziere bewahrt werden mussten, um über die Funktionsweise des Repressionsapparates aufzuklären. Abhörgeräte, Ausrüstungen für das Öffnen, Kopieren und Verschließen von Briefen sowie Geruchskonserven wurden ebenso gesammelt wie eine Maskierungswerkstatt, Abhörwanzen und konspirative Fototechnik. Mit diesen Objekten und Dokumenten aus den Archiven sowie den Erkenntnissen aus Befragungen der MfS-Offiziere wurde am 10. Juni 1990 die Ausstellung „Stasi – Macht und Banalität“ eröffnet. Seitdem informiert die Ausstellung über Geschichte, Struktur und Arbeitsweise des MfS und widmet sich in einem gesonderten Teil der Todesstrafe in der DDR. Die Sonderausstellung „Leipzig auf dem Weg zur Friedlichen Revolution“ erinnert an die zahlreichen Aktionen der Leipziger Opposition, die Demonstrationen im Herbst 1989, an den Sturz der SED-Diktatur sowie den Aufbau demokratischer Strukturen und den Weg zur deutschen Einheit. Zur Gedenkstätte gehört außerdem das Museum im Stasi-Bunker, welches sich in der ehemaligen Ausweichführungsstelle des Leiters der Leipziger Bezirksverwaltung für Staatssicherheit bei Machern befindet. Auch die ehemalige Zentrale Hinrichtungsstätte der DDR in der Leipziger Südvorstadt und die Stelenausstellung „Orte der Friedlichen Revolution“ werden vom Bürgerkomitee betreut. Am 9. Oktober 1999 enthüllte Bundestagspräsident Wolfgang Thierse am Haupteingang der ehemaligen Bezirksverwaltung für Staatssicherheit, der heutigen Gedenkstätte Museum in der „Runden Ecke“, eine Gedenktafel zur Kennzeichnung des historischen Ortes und zur Erinnerung an die Friedliche Revolution vom Herbst 1989.

Verwandte Gedenkorte

Kontakt

Gedenkstätte Museum in der „Runden Ecke“
Dittrichring 24
04109 Leipzig

Inschriften

Inschrift der Gedenktafel
(am Eingang der Gedenkstätte)
Hier befand sich / von 1950–1989 die / Bezirksverwaltung / für / Staatssicherheit / Leipzig. / Bürger besetzten sie / während der / Montagsdemonstration / am 4. Dezember 1989
Sprache: Deutsch, Schrift: Lateinisch

Ereignisse

9. Oktober 1999 - Einweihung
Ethüllung der Gedenktafel am Eingang der Gedenkstätte Museum in der „Runden Ecke“
31. August 1990 - Eröffnung
Eröffnung der Gedenkstätte Museum in der „Runden Ecke“
1950 bis 1989 - Historie
Nutzung des Gebäudes durch die Bezirksverwaltung des Ministeriums für Staatssicherheit Leipzig

Literatur

  • Stasi intern. Macht und Banalität, hrsg. vom Bürgerkomitee Leipzig, Leipzig 1998
  • Hollitzer, Tobias (Hrsg.): Einblick in das Herrschaftswissen einer Diktatur. Chance oder Fluch?, Opladen 1996
  • Hollitzer, Tobias/Bohse, Reinhard (Hrsg.): Heute vor 10 Jahren. Leipzig auf dem Weg zur friedlichen Revolution, Leipzig 2000
  • Hollitzer,Tobias: Wir leben jedenfalls von Montag zu Montag, Berlin 1999 (= Reihe B der BStU)
  • Hollitzer,Tobias: Der Rollen- und Funktionswandel von Aufarbeitungsinitiativen seit der friedlichen Revolution 1989/90 am Beispiel des Bürgerkomitees Leipzig. In: Materialien 2 Bd. VII, S. 228–687
  • Materialien der Enquete-Kommission „Überwindung der Folgen der SED-Diktatur im Prozeß der deutschen Einheit“ (13. Wahlperiode des Deutschen Bundestages) Hrsg. v. Dt. Bundestag. Acht Bände in 14 Teilbänden. Baden-Baden u.a. 1999 [zit. als Materialien 2]
  • Hollitzer,Tobias: Die Staatssicherheit im Museum, in: Deutschland Archiv 30 (1997), H. 2

Publikationen der Bundesstiftung

  • Kaminsky, Anna (Hrsg.): Orte des Erinnerns. Gedenkzeichen, Gedenkstätten und Museen zur Diktatur in SBZ und DDR, 3. Aufl., Berlin 2016
 
  • Kategorie: Gedenkort
  • Historisch: Ja
  • Standort: Dittrichring 24
  • Stadt: Leipzig
  • Gebiet: Sachsen
  • Land: Deutschland