Dresden, Deutschland
Gedenkstätte Münchner Platz Dresden
Der Münchner Platz in Dresden ist einer der wichtigsten Orte der sächsischen Justizgeschichte des 20. Jahrhunderts. Das Landgericht am Münchner Platz diente seit seiner Eröffnung im Jahr 1907 als Gerichtsort, Haftanstalt und Hinrichtungsstätte. Während der nationalsozialistischen Diktatur führten sächsische Sondergerichte und der Volksgerichtshof hier einen Teil ihrer Prozesse durch. Zudem wurden am Münchner Platz insbesondere nach Kriegsbeginn 1939 zahlreiche Menschen hingerichtet, die zum Tode verurteilt worden waren.
Nach der Einführung der deutschen Gerichtsbarkeit im „Protektorat Böhmen und Mähren“ wurden Todesurteile des Sondergerichts Prag, des Oberlandesgerichts Dresden und des Volksgerichtshofs am Münchner Platz vollstreckt. Tschechinnen und Tschechen, die sich der deutschen Fremdherrschaft widersetzt hatten, waren mit über zwei Dritteln die mit Abstand größte Gruppe der rund 1 400 während der nationalsozialistischen Diktatur am Münchner Platz Hingerichteten. Deutsche und polnische Widerstandskämpfer, Deserteure der Wehrmacht, Opfer der drakonischen Sondergerichtsbarkeit und Angehörige der Zeugen Jehovas starben ebenfalls unter der Guillotine im Hof des Landgerichts.
Nach dem Zweiten Weltkrieg setzte sich der Missbrauch der Justiz zu politischen Zwecken am Münchner Platz fort. Sowjetische Sicherheitsorgane nutzten den Ort bis 1950 als Sammel- und Durchgangsgefängnis. Einem Teil der Verhafteten wurde gar kein Prozess gemacht, andere verurteilten Sowjetischer Militärtribunale (SMT) am Münchener Platz zu zehn bis 25 Jahren Arbeitslager oder zum Tode. Von Dresden aus wurden die Häftlinge in eines der zehn Speziallager in der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ), insbesondere nach Mühlberg und Bautzen, oder in die UdSSR deportiert. Unter den Verurteilten und Internierten befanden sich Anhänger und Funktionsträger der NSDAP, die zum Teil grausame Verbrechen begangen hatten, aber auch politische Gegner der sowjetischen Besatzungsmacht, willkürlich Verhaftete und Unschuldige, die Denunziationen zum Opfer gefallen waren. Ob die Todesurteile der Militärtribunale am Münchner Platz oder andernorts in Dresden vollstreckt wurden, ist ebenso unbekannt wie die genaue Zahl der von sowjetischen Sicherheitsorganen Erschossenen.
Nach Kriegsende nutzte auch die deutsche Justiz den Ort. Hier führte das Landgericht vorwiegend Prozesse wegen nationalsozialistischer Tötungsverbrechen durch. Dazu gehörte das Verfahren gegen Verantwortliche und Beteiligte an der massenhaften Ermordung psychisch Kranker und geistig Behinderter auf dem Sonnenstein in Pirna, gegen Richter und Staatsanwälte am Oberlandesgericht Dresden und gegen Angehörige der SA-Wachmannschaften des Schutzhaftlagers Hohnstein. Mit der zunehmenden Sowjetisierung Ostdeutschlands wurden seit Ende der 1940er Jahre auch immer mehr vermeintliche und tatsächliche Regimegegner juristisch verfolgt.
Mit der Auflösung der Länder 1952 wurde der Münchner Platz zur zentralen Hinrichtungsstätte der DDR-Justiz. Bis Juni 1956 wurden hier 66 Menschen hingerichtet. Darunter befanden sich Abtrünnige des Ministeriums für Staatssicherheit, Teilnehmer des Volksaufstandes vom 17. Juni 1953, wie Ernst Jennrich, aber auch Personen, die für westliche Geheimdienste gearbeitet haben sollen.
1957 übernahm die Technische Hochschule Dresden den Komplex und ließ ihn zu einem Lehr- und Verwaltungsgebäude umbauen. 1959 wurden der ehemaligen Hinrichtungshof und die einstigen Todeszellen als „Mahn- und Gedenkstätte“ eingeweiht und 1986 um ein „Museum des antifaschistischen Widerstandes“ erweitert. Die Opfer der sowjetischen Besatzung und der jungen DDR-Justiz blieben jedoch ein Tabu.
1992 initierten Bürgerinnen und Bürger, unter ihnen auch ehemalige Häftlinge, die Gründung des Münchner-Platz-Komitees e. V., das vorübergehend auch als Trägerverein für die Gedenkstätte Münchner Platz Dresden fungierte. 1994 übernahm die Stiftung Sächsische Gedenkstätten zur Erinnerung an die Opfer politischer Gewaltherrschaft die Gedenkstätte Münchner Platz Dresden in ihre Trägerschaft. Am 7. November 1995 wurde im Nordosthof die Plastik des Bildhauers Wieland Förster „Namenlos – ohne Gesicht“ (nach einer Gedichtzeile Anna Achmatowas) eingeweiht, um nun auch der „zu Unrecht Verfolgten nach 1945“ zu gedenken. Für einen Teil der in Dresden bis 1956 hingerichteten Personen wurde zudem im Juni 1998 auf dem Urnenhain in Dresden-Tolkewitz eine Grabanlage geschaffen.
Seit Dezember 2012 bietet die Gedenkstätte eine Dauerausstellung unter dem Titel „Verurteilt. Inhaftiert. Hingerichtet. Politische Strafjustiz in Dresden 1933–1945 || 1945 – 1957“, die täglich für Besucher geöffnet ist. Im Zentrum dieser Ausstellung stehen Einzelschicksale ausgewählter Menschen, die in Dresden der Strafjustiz des Nationalsozialismus, der SBZ oder der frühen DDR zum Opfer gefallen sind.
Kontakt
Gedenkstätte Münchner Platz Dresden
Münchner Platz 3
01187 Dresden
Inschriften
Gedenktafel neben der Plastik
NAMENLOS / OHNE / GESICHT // A. Achmatova // Den zu Unrecht Ver-/ folgten nach 1945
Sprache: Deutsch, Schrift: Lateinisch
Literatur
- Haase, Norbert/Sack, Birgit (Hrsg.): Münchner Platz, Dresden. Die Strafjustiz der Diktaturen und der historische Ort, Dresden 2001 (= Schriftenreihe der Stiftung Sächsische Gedenkstätten zur Erinnerung an die Opfer politischer Gewaltherrschaft, Bd. 7)
- Sack, Birgit: Verurteilt. Inhaftiert. Hingerichtet. Politische Justiz in Dresden 1933–1945, 1945–1957. Gedenkstätte Münchner Platz Dresden, Dresden 2016.
- Fricke, Karl Wilhelm/Engelmann Roger: Konzentrierte Schläge. Staatssicherheitsaktionen und politische Prozesse in der DDR 1953–1956, Berlin 1998
- Gursky, André: Erna Dorn „… zum Tode verurteilt ...“ am 22. Juni 1953 in Halle (Saale), Magdeburg 1996 (= Schriftenreihe Sachbeiträge der LStU Sachsen-Anhalt)
- Sälter, Gerd: Interne Repression. Die Verfolgung übergelaufener MfS-Offiziere durch das MfS und die DDR-Justiz (1954–1966), Dresden 2002 (= Schriftenreihe des Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung Bd. 21)
Publikationen der Bundesstiftung
- Kaminsky, Anna (Hrsg.): Orte des Erinnerns. Gedenkzeichen, Gedenkstätten und Museen zur Diktatur in SBZ und DDR, 3. Aufl., Berlin 2016
- Kategorie: Gedenkort
- Historisch: Ja
- Standort: Georg-Schumann-Bau der TU Dresden, Münchner Platz 3
- Stadt: Dresden
- Gebiet: Sachsen
- Land: Deutschland

