Magdeburg, Deutschland
Gedenkstätte Moritzplatz Magdeburg
Das rote Backsteingebäude im Norden Magdeburgs wurde 1876 als Königliches Amtsgericht und Stadtgefängnis errichtet. Nach der 1939 erfolgten Schließung des Gerichts diente der Gebäudekomplex ausschließlich als Haftanstalt, blieb im Zweiten Weltkrieg unzerstört und unterstand für kurze Zeit, von Juni bis September 1945, der Sowjetischen Militäradministration. Von 1945 bis 1952 nutzte die ostdeutsche Justiz, von 1952 bis 1956 die Deutsche Volkspolizei (DVP) das Gefängnis als Untersuchungshaftanstalt Magdeburg-Neustadt. Während des Aufstandes vom 17. Juni 1953 kam es zur Erstürmung der Haftanstalt und zur Befreiung aller 221 Häftlinge. Von Mai 1958 diente das Objekt über 30 Jahre lang als MfS-Untersuchungshaftanstalt für den damaligen Bezirk Magdeburg. Tausende Menschen wurden hier wegen ihrer Kritik und ihres Widerstandes gegen die SED-Politik oder weil sie die DDR verlassen wollten, als „Staatsfeinde“ inhaftiert. Die Haftbedingungen waren menschunwürdig. Zudem setzten die Stasi-Mitarbeiter die Gefangenen psychologisch unter Druck, um von ihnen Aussagen und Geständnisse für spätere Gerichtsverfahren zu erpressen.
Am 20. November 1989 fand eine erste große Demonstration von Magdeburgern vor der Kreisdienststelle des MfS statt, die mit der Forderung nach Auflösung der Stasi einherging. Auf Initiative des Runden Tischs der Stadt Magdeburg wurde am 5. Dezember 1989 eine Arbeitsgruppe geschaffen, die vermehrten Hinweisen auf Aktenvernichtung in der Bezirksverwaltung nachgehen sollte. Am 8. Dezember 1989 erhielt sie vom damaligen Ministerpräsidenten Hans Modrow die Zusage, dass die Bezirksverwaltung der Stasi aufgelöst werde. Das Bürgerkomitee übernahm in der Folgezeit nicht nur die Sicherung des Gebäudekomplexes, es schuf auch eine Arbeitsgruppe „Akten“, die neben der Archivierung der Unterlagen auch erste Auswertungen vornahm und damit die öffentliche Diskussion um den Umgang mit den Stasi-Unterlagen in Magdeburg vorantrieb. Im Herbst 1990 konnte gemeinsam mit Memorial Magdeburg erstmals die Ausstellung „STASI in Magdeburg“ gezeigt werden.
Die Stadtverordneten von Magdeburg beschlossen daraufhin im Dezember 1990, in der ehemaligen Untersuchungshaftanstalt des MfS eine Gedenkstätte für die Opfer politischer Gewaltherrschaft zwischen 1945 und 1989 einzurichten. Mit Wirkung vom 1. Januar 1994 übernahm das Land Sachsen-Anhalt in Kooperation mit der Stadt Magdeburg die Trägerschaft für die Gedenkstätte. Seit 2007 ist die Gedenkstätte Moritzplatz Magdeburg Teil der Stiftung Gedenkstätten Sachsen-Anhalt. Sie gehört zu den wenigen Gedenkstätten in ehemaligen MfS-Haftanstalten, in denen das im Original belassene Hafthaus und die „Freistundenzellen“ besichtigt sowie in die Bildungsarbeit einbezogen werden können.
Der heutige Gedenkstättenkomplex am Moritzplatz umfasst die Gedenkstätte, die Verwaltung der Stiftung Gedenkstätten Sachsen-Anhalt und das Dokumentationszentrum des Bürgerkomitees Magdeburg e.V. Des Weiteren hat hier auch die Landesgeschäftsstelle der Vereinigung der Opfer des Stalinismus in Sachsen-Anhalt e.V. ihren Sitz. Nach mehrjährigen Vorarbeiten wurde im Januar 2012 die gemeinsame Dauerausstellung der Gedenkstätte Moritzplatz Magdeburg und des Bürgerkomitees Magdeburg e.V. eröffnet. Sie umfasst insgesamt zwölf Ausstellungsräume und präsentiert die Geschichte der Untersuchungshaftanstalt Magdeburg-Neustadt von 1945 bis 1989. Die Ereignisse des 17. Juni 1953 in der Region werden ebenso thematisiert wie die Überwachung und Kontrolle der Magdeburger Bürger durch die Staatssicherheit sowie die Friedliche Revolution und die Auflösung der Stasi. Zudem ist ein original eingerichtetes Verhörzimmer in die Ausstellung integriert. Multimediastationen mit Zeitzeugeninterviews vermitteln anhand von Einzelschicksalen die Methoden und Arbeitsweisen der Stasi und geben einen Eindruck vom Haftalltag und den Folgen der Haftumstände.
Ein weiteres Informationsangebot für Besucherinnen und Besucher ist die ständige Ausstellung „Im Namen des Volkes? Über die Justiz im Staat der SED“, welche eine Schenkung des Bundesjustizministeriums war.
Schüler haben vor Ort die Möglichkeit verschiedene Bildungsangebote, wie Führungen, Projekttage, Zeitzeugengespräche zu nutzen. Der etwa 5.000 Bücher umfassende gemeinsame Bibliotheksbestand des Bürgerkomitees und der Gedenkstätte befindet sich im Vorderhaus des Gedenkstättenkomplexes. Außerdem steht die DDR-Altbestandsbibliothek des Dokumentationszentrums des Bürgerkomitees mit ca. 6.500 Büchern, die vor 1989 publiziert wurden, zur Verfügung.
Im Innenhof erinnert eine Gedenktafel an die Opfer der kommunistischen Gewaltherrschaft.
Kontakt
Stiftung Gedenkstätten Sachsen-Anhalt - Gedenkstätte Moritzplatz Magdeburg
Umfassungsstraße 76
39124 Magdeburg
Inschriften
Inschriuft der Gedenktafel
(im Innenhof der Gedenkstätte)
Den / Opfern / der kommunistischen / Gewaltherrschaft / 1945-1989
Sprache: Deutsch, Schrift: Lateinisch
Literatur
- Möbius, Sascha: „Grundsätzlich kann von jedem Beschuldigten ein Geständnis erlangt werden.“ Die MfS-Untersuchungshaftanstalt Magdeburg-Neustadt von 1957–1970, Magdeburg 1999
- Müller, Klaus-Dieter/Stephan, Annegret (Hrsg.): „Die Vergangenheit läßt uns nicht los.“ Haftbedingungen politischer Gefangener in der SBZ/DDR und deren gesundheitliche Folgen, Berlin 1998
- Wirkungsstätten stalinistischen Terrors in der SBZ/DDR – Magdeburg. Hrsg.: BSV e.V. Kreisverband Magdeburg. Magdeburg 2000 (Betroffene erinnern sich, Heft Nr. 8)
Publikationen der Bundesstiftung
- Kaminsky, Anna (Hrsg.): Orte des Erinnerns. Gedenkzeichen, Gedenkstätten und Museen zur Diktatur in SBZ und DDR, 3. Aufl., Berlin 2016
- Kategorie: Gedenkort
- Historisch: Ja
- Standort: Umfassungsstraße 76
- Stadt: Magdeburg
- Gebiet: Sachsen-Anhalt
- Land: Deutschland


