Torgau, Deutschland
Gedenkstätte Geschlossener Jugendwerkhof Torgau
Der Geschlossene Jugendwerkhof (GJWH) Torgau war offiziell die einzige geschlossene und wie ein Gefängnis geführte Heimeinrichtung der DDR. Durch Beschluss des Ministerrates der DDR aus dem Jahr 1964 wurde diese in der DDR einmalige Sonderform eines Jugendwerkhofes geschaffen. Er hatte im Jugendhilfesystem der DDR eine Sonderstellung als Disziplinierungseinrichtung für angeblich schwererziehbare Kinder und Jugendliche und war direkt dem Ministerium für Volksbildung und somit Margot Honecker unterstellt. Die 14- bis 18-jährigen Jungen und Mädchen hatten keine Straftaten begangen, sondern sollten im GJWH Torgau für Disziplinverstöße in anderen Heimeinrichtungen, wie etwa Spezialkinderheimen und Jugendwerkhöfen, bestraft werden. Sie sollten innerhalb von wenigen Monaten unter haftähnlichen Bedingungen zu „sozialistischen Persönlichkeiten“ umerzogen werden.
Sahen die „Stammeinrichtungen“ – so wurden diejenigen Jugendwerkhöfe und Spezialkinderheime bezeichnet, in denen die Jugendlichen vor ihrer Einweisung in den GJWH Torgau waren – keine Möglichkeit der Disziplinierung mehr, so genügte ein einfacher Antrag auf Einweisung des Mädchens oder des Jungen in den Geschlossenen Jugendwerkhof Torgau. Dieser Antrag musste durch den Direktor des jeweiligen Jugendwerkhofes an das Ministerium für Volksbildung in Berlin gestellt werden, um nach entsprechender Genehmigung einen Jugendlichen für maximal sechs Monate in diese Disziplinierungsanstalt einzuweisen. Ein Gerichtsurteil war dafür nicht nötig. Der GJWH Torgau erschien aufgrund seiner Vergangenheit und der vorhandenen baulichen Gegebenheiten für die „Erziehung“ der Jugendlichen geeignet. Er wurde 1964 in einem Gebäude eingerichtet, das als Militärarrestanstalt mit Gerichtsräumen gebaut und während des Zweiten Weltkriegs als Gerichtsgefängnis genutzt wurde. Nach Kriegsende übernahm die sowjetische Besatzungsmacht das Gebäude als Untersuchungsgefängnis, im Gerichtssaal fanden Verhandlungen bzw. Verurteilungen Sowjetischer Militärtribunale (SMT) statt. Von 1952 bis 1964 befand sich hier eine Jugendstrafvollzugseinrichtung, das sogenannte Jugendhaus Torgau. Mit der Übergabe des Gebäudes in die Zuständigkeit des Ministeriums für Volksbildung wurde die Haftanstalt ohne große bauliche Veränderung nun als ein Spezialheim der DDR-Jugendhilfe weitergenutzt. Eine vier Meter hohe Außenmauer umschloss das gesamte Gelände, Wachtürme, vergitterte Fenster, Scheinwerfer und scharfe Hunde an Laufleinen vermittelten den typischen Eindruck einer Haftanstalt und ließen nicht vermuten, dass sich hier ein Heim der DDR-Jugendhilfe befand.
Alle Flure und Treppenhäuser waren – wie in Haftanstalten üblich – durch Gitter voneinander getrennt. Die ausbruchssichere Verwahrung, ein bis auf die Minute durchorganisierter Tagesablauf in Kolonne und im Laufschritt, das Fehlen jeglicher Privat- und Intimsphäre, Zwangssport bis zur totalen Erschöpfung und die völlige Wehrlosigkeit gegen die Schikanen der Erzieher machten den Aufenthalt zu einer unter Jugendlichen weithin gefürchteten Maßnahme. Im GJWH Torgau sollten mit Hilfe strikter Disziplinierung und eines drakonischen Strafsystems die vollkommene Unterordnung der Jugendlichen und die Brechung ihres eigenen Willens erreicht werden, um so eine Umerziehung der Jugendlichen innerhalb weniger Monate anzustreben.
Obwohl bereits seit Mitte der 1980er Jahre die Notwendigkeit und der „Erfolg“ des Geschlossenen Jugendwerkhofs Torgau angezweifelt wurden, existierte er bis 1989 weiter. In den 25 Jahren seines Bestehens durchliefen über 4 000 Jugendliche die Einrichtung.
Im November 1996 gründete sich die Initiativgruppe Geschlossener Jugendwerkhof Torgau e.V. mit dem Ziel, am historischen Ort das dunkelste Kapitel der DDR-Heimerziehung aufzuarbeiten, zu dokumentieren und an seine Opfer zu erinnern.
Seit April 1998 ist die Gedenkstätte im ehemaligen Verwaltungsgebäude des GJWH Torgau ein Ort der Erinnerung, Aufarbeitung und Begegnung. Im Frühjahr 2003 eröffnete die erste Dauerausstellung „Auf Biegen und Brechen. Geschlossener Jugendwerkhof Torgau 1964 – 1989.“ Sie zeigt die Geschichte, Struktur und Arbeitsweise dieser Heimeinrichtung anhand originaler Gegenstände aus dem Außen- und Innenbereich.
Die 2009 eröffnete neue Dauerausstellung „‘Ich bin als Mensch geboren und will als Mensch hier raus!‘ Der Geschlossene Jugendwerkhof Torgau im Erziehungssystem der DDR“ dokumentiert auf über 170 Quadratmetern das DDR-Heimerziehungssystem und erinnert an die Schicksale der jugendlichen Opfer. Im Fokus der Ausstellung steht die Stellung des Geschlossenen Jugendwerkhofs Torgau innerhalb des Systems der DDR-Spezialheime. Im November 2024 fand die Eröffnung der überabeiteten und im neuen Design gestalteten Dauerausstellung statt, die bis dahin insgesamt 265.000 Besucher gesehen hatten. Auf Grundlage aktueller Forschungsergebnisse wird erstmals auch die sexualisierte Gewalt in Heimen der DDR-Jugendhilfe thematisiert. Anhand von Video- und Toneinspielungen erhält der Besucher Einblicke in das Erziehungskonzept, den menschenunwürdigen Alltag in der Anstalt und ihr drakonisches Strafsystem. Dabei beschränkt sich die Ausstellung in ihrer zweisprachigen Gestaltung (deutsch und englisch) nicht nur auf das DDR-Erziehungssystem, sondern veranschaulicht ebenso die internationale Dimension der sogenannten „Schwarzen Pädagogik“ des 19. und 20. Jahrhunderts. Einzelbiographien und Sonderakten sollen dazu beitragen, die Lebenswege von Betroffenen zu verstehen, die als Jugendliche eine Zeit ihres Lebens in DDR-Spezialheimen verbracht haben. In einem Porträtraum erhalten die Opfer Stimme und Gesicht. Zudem ermöglicht ein interaktiver Lernort zur Vertiefung der Ausstellungsinhalte eine intensive Auseinandersetzung mit dem Thema Heimerziehung. Über Medienstationen, Lesemappen und Publikationen können sich Besucher über Einzelschicksale ehemaliger DDR-Heimkinder, die West-Heimerziehung und den aktuellen europäischen Aufarbeitungsstand informieren. Führungen durch die Ausstellung, den Außenbereich und den im Originalzustand erhaltenen ehemaligen Dunkelzellentrakt können mit Filmvorführungen, moderierten Zeitzeugengesprächen oder Projektangeboten ergänzt werden.
Seit 2012 kann in der Gedenkstätte die Wanderausstellung „‘Ziel Umerziehung!‘ Die Geschichte repressiver Heimerziehung in der DDR“ ausgeliehen werden. Auf zwölf Ausstellungstafeln und zwei Medienstationen dokumentiert die mobile Ausstellung das System und den Alltag in DDR-Heimeinrichtungen. Drei weitere Wanderausstellungen beleuchten die Geschichte des Geschlossenen Jugendwerkhofs Torgau („Auf Biegen und Brechen“), zeigen Fotodokumente aus dem Jugendwerkhof Crimmitschau 1982/83 sowie Erinnerungsprotokolle der dort „umerzogenen“ Mädchen („Die Jugend der Anderen“) und belechten die Friedliche Revolution im Spiegel der sächsischen Kleinstadt in Sachsen („Die Friedliche Revolution in Torgau“). Zudem bietet das mobile Bildungsprojekt seit 2006 die Möglichkeit, insbesondere Schüler und Lehrer auch außerhalb der Gedenkstätte mit der Geschichte des GJWH Torgau und DDR-Heimerziehung vertraut zu machen. Bestehend aus einer kleinen transportablen Ausstellung und verschiedenen Arbeitsmappen, wird das Projekt durch einen Gedenkstättenmitarbeiter begleitet und eignet es sich für Projekttage oder Projektwochen.
Die Gedenkstätte war von Anfang an und ist Anlauf- und Begegnungsstelle für Betroffene und deren Angehörige. Eine Beratungsstelle unterstützt ehemalige DDR-Heimkinder bei der Recherche von Jugendhilfe- und Sonderakten und berät zur Möglichkeit der Rehabilitierung. Seit November 2012 trifft sich monatlich die Selbsthilfegruppe „Verbogene Seelen“ für Missbrauchsopfer in DDR-Heimen.
Mit dem mobilen Denkzeichen „Blackbox Heimerziehung“, das zugleich als interaktiver Lernort fungiert, bringt die Gedenkstätte die Geschichte der repressiven Heimerziehung in der DDR an die historischen Orte der einstigen Umerziehungseinrichtungen. Das Denkzeichen ist ein mobiler umgebauter Seecontainer, der sowohl im Inneren als auch auf der Außenfläche eine Ausstellung zu den ideologischen Hintergründen sozialistischer Heimerziehung und der Funktionsweise des DDR-Heimsystems zeigt. Je nach Standort verändert sich die äußere Gestaltung des Containers, die Bezug nimmt auf die Geschichte des jeweiligen Heimstandorts. Ein begleitendes Webangebot bietet zusätzlich vertiefende Informationen.
Kontakt
Gedenkstätte Geschlossener Jugendwerkhof Torgau
Fischerdörfchen 15
04860 Torgau
Homepage: https://www.jugendwerkhof-torgau.de
Ereignisse
April 1998 - Eröffnung
Eröffnung der Gedenkstätte Geschlossener Jugendwerkhof Torgau
Literatur
- Jörns, Gerhard: Der Jugendwerkhof im Jugendhilfesystem der DDR, Göttingen 1995
- Einweisung nach Torgau. Texte und Dokumente zur autoritären Jugendfürsorge in der DDR, Berlin 1997 (= Geschichte, Struktur und Funktionsweise der DDR-Volksbildung, Bd. 4)
- Bittner, Michael: Der geschlossene Jugendwerkhof Torgau (GJWH). Geschichte und Struktur, Torgau 1999
- Mothes, J., Fienbork, G., Pahnke, R.-K., u.a. (Hrsg.): Beschädigte Seelen. DDR-Jugend und Staatssicherheit, Bremen, 1996
Publikationen der Bundesstiftung
- Kaminsky, Anna (Hrsg.): Orte des Erinnerns. Gedenkzeichen, Gedenkstätten und Museen zur Diktatur in SBZ und DDR, 3. Aufl., Berlin 2016
- Kategorie: Gedenkort
- Historisch: Ja
- Standort: Fischerdörfchen 15
- Stadt: Torgau
- Gebiet: Sachsen
- Land: Deutschland


