Kiew, Ukraine

Gedenkstätte Bykiwnja mit polnischem Militärfriedhof

 
Als vierter Friedhof für die Opfer des Massenmordes von Katyń neben jenen in Katyń, Mednoje und Charkiw wurde 2012 am östlichen Stadtrand der ukrainischen Hauptstadt Kiew ein polnischer Militär­friedhof errichtet. Dieser befindet sich auf dem Gelände des »Nationalen historisch­-memorialen Reservats Gräber von By­kiwnja«, wo die sowjetische Geheimpolizei NKWD seit 1937 die sterblichen Überreste von Erschossenen begraben hatte. Schät­zungen gehen von mehreren zehntausen­den bis hin zu über 100000 ukrainischen Opfern aus, die vom NKWD in Kiew er­schossen und mit Lastwagen oder mit der durch das Waldgebiet führenden Straßen­bahnlinie hierher transportiert wurden. Das Gräberfeld von Bykiwnja ist seit 1971 bekannt, wobei es sich der offiziellen sowjetischen Version zufolge angeblich um Gräber aus der deutschen Besatzungs­zeit 1941–1943 handelte. Erst mit dem Ende der Sowjetunion wurde offenkundig, dass die hier begrabenen Menschen von der stalinistischen Geheimpolizei ermor­det worden waren. Bald vermutete man in Bykiwnja auch polnische Opfer der Mas­senerschießungen vom Frühjahr 1940, die als Massaker von Katyń bekannt wurden. Diese Hypothese wurde durch Exhumie­rungen polnischer Archäologen in den Jahren 2001, 2006 bis 2007 und 2011 be­stätigt, die 1488 Leichen aufgrund von in den Gräbern gefundenen persönlichen Objekten als Polen identifizieren konnten. Obwohl eine individuelle Identifizierung nur in wenigen Einzelfällen möglich war, ist anzunehmen, dass es sich um die Opfer der sogenannten »Ukrainischen Katyń­ Liste« handelt. Auf dieser waren 3435 in den Gefängnissen der 1939 an die Sow­jetunion angeschlossenen Westukraine inhaftierte polnische Staatsbürger ver­zeichnet, die im Zuge der Katyń­-Aktion erschossen werden sollten. Nachdem die exhumierten Leichen im Oktober 2007 und im September 2011 in provisorischen Gräbern beigesetzt worden waren, legte der polnische Staatspräsident Bronisław Komorowski in Anwesenheit seines ukrainischen Amtskollegen Wiktor Janukowitsch am 28. November 2011 den Grundstein für den Bau eines polnischen Militärfriedhofs. Die Gestaltung des Fried­hofs nach einem Entwurf der Gruppen AIR Projekt und Moderau Art orientiert sich an den bereits bestehenden Gräber­stätten in Katyń, Mednoje und Charkiw. Anstelle des dort vorwiegend verwendeten Eisens mit rostiger Oberfläche, kommt in Bykiwnja jedoch heller Granit als wich­tigstes Material zum Einsatz. Zentrale Elemente sind eine Gedenkwand, die die Namen aller Opfer der sogenannten »Uk­rainischen Katyń­-Liste« trägt, und ein waagerecht auf einem symbolischen Grab­hügel liegendes Kreuz, an dessen Seitenflä­chen der Orden »Virtuti Militari« und das Kreuz des September-­Feldzugs eingraviert sind. Außerdem befinden sich ein Altartisch aus Granit und eine zwischen vier Stelen mit den Symbolen der Konfessio­nen und Religionen der Ermordeten angebrachte Glocke in der Mitte des Gedenk­ensembles. Dieses wird von Tafeln mit individuellen Epitaphen umschlossen. Die Staatspräsidenten Polens und der Ukraine eröffneten den Friedhof am 21. September 2012. Die heilige Messe im Rahmen der Einweihungszeremonie wurde vom Pri­mas Polens, Erzbischof Józef Kowalczyk, und dem polnischen Militärbischof Józef Guzdek geleitet. Für die ukrainischen Opfer des stali­nistischen Terrors war in Bykiwnja bereits 1995 ein Ensemble von sieben Gedenk­orten errichtet worden. Am Eingang des Geländes befindet sich ein großes Denk­mal, das eine überlebensgroße Skulptur eines Mannes mit geneigtem Kopf vor zwei großen Granitblöcken zeigt, in welche die Jahreszahl 1937 eingraviert ist. Weitere Gedenksteine mit kurzen Inschriften so­ wie 87 stilisierte Metallkreuze sind entlang eines Trauerwegs im Wald verteilt. Den Abschluss des von W. Tschepelyk und M. Kyslyj gestalteten Memorials bildet ein Granitkreuz an einem im Zuge von Aus­grabungen entdeckten Massengrabs. An vielen Bäumen und Kreuzen im Bereich der Gedenkstätte hängen kleine Metall­tafeln mit Namen einzelner Opfer sowie traditionelle Tücher, die man nach ukrai­nischem Brauch als Segenswunsch mit auf Reisen gibt. Die Gräberstätte wurde 2006 zum »Na­tionalen historisch-­memorialen Reservat« erklärt. Am 21. Mai des gleichen Jahres nahm mit Wiktor Juschtschenko erstmals ein ukrainisches Staatsoberhaupt an der traditionellen Trauerfeier in Bykiwnja teil. 2012 wurde neben dem polnischen Mili­tärfriedhof auch ein neuer monumenta­ler Gedenkort für die ukrainischen Opfer errichtet. Dieser besteht aus einem sieben Meter hohen, aus grauen Granitsteinen aufgeschütteten Hügel, auf dem zehn gro­ße Kreuze aus grauem Granit stehen. In das oberste Kreuz ist das Wappen der Uk­raine eingraviert. Außerdem gehören zwei Paar Granitstelen zu der Gedenkstätte, die jeweils Skulpturen eines überdimensiona­len Einschussloches darstellen.

Inschriften

Inschrift der Glocke des polnischen Militärfriedhofs
(auf dem Gelände der Gedenkstätte)
I tylko pamięć została / po tej katyńskiej nocy / Pamięć nie dała się zgładzić / nie chciała ulec przemocy / i woła o sprawiedliwość / i prawdę po świecie niesie / Feliks Konarski / (Ref-Ren) / Bykownia, Anno Domini 2012
Deutsche Übersetzung:
Und nur die Erinnerung blieb von dieser Nacht von Katyń. Die Erinnerung ließ sich nicht umbringen, sie wollte der Gewalt nicht erliegen, ruft nach Gerechtigkeit und trägt die Wahrheit um die Erde. Feliks ­Konarski (Ref-Ren) [Künstlername des in die USA emigrierten polnischen Dichters], Bykiwnja, Anno Domini 2012
Sprache: Polnisch, Schrift: Lateinisch
Gedenksteine des Denkmalensembles für die Opfer des stalinistischen Terrors
(auf dem Gelände der Gedenkstätte)
Тут у 19 кварталі Биківнянського лісу поховані жертви політичних репресій; Найдорожче у вас – воля, ми оплатили її життям; Ці сосни є свідками страшного злочину. Тут поховано тисячі невинно Убієнних. Поклонись праху їх. Вічна пам’ять; Вічна пам’ять
Deutsche Übersetzung:
Hier im 19. Abschnitt des Waldes von Bykiwnja ruhen die Opfer politischer ­Repression; Das Wertvollste, das ihr besitzt – die Freiheit, bezahlten wir mit dem Leben; Diese Kiefern wurden Zeuge eines schrecklichen Verbrechens. Hier wurden tausende unschuldige Ermordete begraben. Neigt euch vor ihrer Asche. Zum ewigen Gedenken; Zum ewigen Gedenken.
Sprache: Ukrainisch, Schrift: Kyrillisch

Ereignisse

2012 - Errichtung
Errichtung der Gedenkstätte Bykiwnja mit polnischem Militärfriedhof

Publikationen der Bundesstiftung

  • Kaminsky, Anna (Hrsg.): Erinnerungsorte für die Opfer von Katyn, Leipzig 2013