Berlin, Deutschland

Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen

 
Die Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen erinnert am historischen Ort der ehemaligen zentralen Untersuchungshaftanstalt des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) an Repression und Unterdrückung im SED-Staat. Auf dem Gelände im Nordosten Berlins befand sich ursprünglich eine Großküche der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt. Der 1939 errichtete Backsteinbau wurde im Mai 1945 von der sowjetischen Besatzungsmacht beschlagnahmt und zu einem Lager umfunktioniert, dem Speziallager Nr. 3. Von hier aus wurden Gefangene in Gewaltmärschen oder auf Lastwagen in andere sowjetische Lager in Ostdeutschland transportiert, nach Sachsenhausen, Ketschendorf und Weesow. Die Lebensbedingungen im Lager waren katastrophal. Viele der Inhaftierten erkrankten und starben. Offiziellen Angaben zufolge kamen zwischen Juli 1945 und Oktober 1946 insgesamt 886 Menschen ums Leben, Schätzungen gehen von über 1 000 Toten aus. Die meisten Häftlinge waren aufgrund des sowjetischen Befehls 00315 vom 18. April 1945 „zur Säuberung des Hinterlandes der Roten Armee“ eingewiesen worden. Im November 1946 wurde das Speziallager aufgelöst. Das Gebäude wurde zum zentralen Untersuchungsgefängnis in der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ). Dazu mussten Häftlinge im Keller der ehemaligen Großküche einen Trakt mit fensterlosen, bunkerartigen Zellen errichten – das sogenannte „U-Boot“. Die feucht-kalten, anfangs unbeheizten, Kammern waren lediglich mit einer Holzpritsche und einem Kübel für die Notdurft ausgestattet, Tag und Nacht brannte Licht. Die Verhöre waren oft von körperlicher Gewalt begleitet. 1951 übernahm das MfS das Gefängnis und nutzte es von nun an als seine zentrale Untersuchungshaftanstalt. Die Liste der dort Inhaftierten reicht von Streikführern des Aufstandes vom 17. Juni 1953 bis zu Reformkommunisten, die eine Entstalinisierung der DDR wollten. Auch in Ungnade gefallene Politiker wie der ehemalige DDR-Außenminister Georg Dertinger (CDU) oder das SED-Politbüromitglied Paul Merker waren hier lange in Haft. Ebenso Regimekritiker aus dem Westen, wie Karl-Wilhelm Fricke, wurden entführt und nach Hohenschönhausen gebracht. Ende der 1950er Jahre mussten die Häftlinge des benachbarten Arbeitslagers einen Gefängnisneubau mit über 200 Zellen und Vernehmungszimmern errichten. Er ersetzte das alte Kellergefängnis. Ab November 1960 wurden dort vor allem Menschen festgehalten, die aus der DDR fliehen wollten. Aber auch Kritiker der SED, wie der Dissident Rudolf Bahro, der Schriftsteller Jürgen Fuchs, Bärbel Bohley, Vera Lengsfeld und Ulrike Poppe, waren hier inhaftiert. Statt mit physischer Gewalt wurden die Häftlinge nun zunehmend mit psychologischen Methoden zermürbt. Sie wussten nicht, wo sie sich befanden, waren von der Außenwelt und ihren Mitgefangenen hermetisch abgeriegelt und wurden monatelang verhört. Das Gefühl des Ausgeliefertseins gegenüber einem allmächtigen Staatsapparat bestimmte das Leben der Gefangenen. Im Zuge der Friedlichen Revolution im Herbst 1989 wurden alle politischen Gefangenen freigelassen. Vorübergehend war das Gefängnis dem DDR-Innenministerium unterstellt. Am 3. Oktober 1990 wurde es geschlossen. Im Oktober 1991 empfahl der Berliner Senat die Einrichtung einer Gedenkstätte auf dem früheren Gefängnisgelände. 1992 stimmte das Abgeordnetenhaus dem zu. Die Haftanstalt wurde im selben Jahr unter Denkmalschutz gestellt und 1994 für Besucher geöffnet. Die Besucherzahlen sind seitdem kontinuierlich gestiegen: von 3 000 (1994) auf rund 342 000 (2024) pro Jahr. Die Gedenkstätte bietet entgeltpflichtige Führungen durch die Haftanstalt an, die teilweise von ehemaligen Häftlingen durchgeführt werden. Einmal wöchentlich gibt es auch Führungen durch das frühere Haftkrankenhaus und einen Original-DDR-Gefangenentransportwaggon. Zu viert in 1,3 Quadratmeter großen Zellen eingepfercht wurden die Häftlinge auf tagelangen Transporten in verschiedene Gefängnisse der DDR gebracht. Die Dauerausstellung trägt den Titel „Inhaftiert in Hohenschönhausen: Zeugnisse politischer Verfolgung 1945–1989“. Im Mittelpunkt stehen die Erfahrungen der Opfer während ihrer Haft. Ein weiterer Ausstellungsbereich informiert über die Arbeits- und Lebenswelt der Gefängnisbediensteten. Seit Februar 2023 informiert die zweite Dauerausstellung „In Zwangsgemeinschaft. Die Arbeitskommandos der Strafgefangenen in Hohenschönhausen“ über die Lebens- und Arbeitsbedingungen der weiblichen Strafgefangenen. Diese wurden bei der Aufrechterhaltung des Betriebs und der Instandhaltung der Untersuchungshaftanstalt in der Gefängnisküche, als Reinigungskräfte sowie zu Näh-, Bügel- oder Wascharbeiten eingesetzt. Das Zeitzeugenbüro dokumentiert die Erfahrungen der ehemaligen Häftlinge in Form von Videointerviews. Außerdem sammelt es persönliche Unterlagen und amtliche Dokumente zur Haftanstalt und zu den Gefangenen. Zudem verfügt die Gedenkstätte über eine umfangreiche Sammlung von Objekten aus dem DDR-Haftalltag. Ein Gedenkstein im Innenhof erinnert an die Opfer der kommunistischen Gewaltherrschaft und eine Gedenktafel am Eingang an die Geschichte der Gedenkstätte. Darüber hinaus ist seit dem 26. September 2023 die Wortskulptur „Freiheit“ des Bildhauers und Metallkünstlers Hüseyin Arda auf dem Gelände der Gedenkstätte zu sehen. Das Kunstwerk ist eine Schenkung des Zeithistorischen Forums Leipzig.

Kontakt

Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen
Genslerstraße 66
13055 Berlin

Inschriften

Inschrift der Gedenktafel
(an der Genslerstraße 66)
Berliner Gedenktafel / Auf diesem Gelände befand sich von 1951 bis 1990 die / Untersuchungshaftanstalt / Hohenschönhausen / des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR, / hervorgegangen aus einem Speziallager (1945 bis 1946) / und der Zentralen Untersuchungshaftanstalt (bis 1951) / der Sowjetischen Besatzungsmacht. / Als Ort des Leidens und Sterbens verfolgter Menschen ist die / Gedenkstätte Hohenschönhausen / ein Zeugnis und Mahnmal gegen politische Unterdrückung.
Sprache: Deutsch, Schrift: Lateinisch
Inschrift des Gedenksteins
(im Innenhof dre Gedenkstätte)
Den Opfern / Kommunistischer / Gewaltherrschaft / 1945–1989
Sprache: Deutsch, Schrift: Lateinisch

Ereignisse

1994 - Eröffnung
Eröffnung der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen

Literatur

  • Erler, Peter/Voigt, Tobias: Medizin hinter Gittern: Das Stasi-Haftkrankenhaus in Hohenschönhausen, Berlin 2011.
  • Totenbuch. Sowjetisches Speziallager Nr. 3 und Haftarbeitslager Berlin-Hohenschönhausen 1945–1949, hrsg. von der Stiftung Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen, zusammengestellt und erläutert von Peter Erler, mit einer Einführung von Hubertus Knabe, Berlin 2014.
  • Engwert, Andreas/Knabe, Hubertus (Hrsg.): Inhaftiert in Hohenschönhausen. Zeugnisse politischer Verfolgung 1945–1989. Katalog zur Dauerausstellung, Berlin 2015.
  • Neumann, Andreas/von Bilavsky, Jörg (Hrsg.): Geschichte vor Ort und im virtuellen Raum. Einblicke in die Arbeit an der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen, Berlin 2022.
  • Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen (Hrsg.): Vom Mielke-Gefängnis zur Gedenkstätte. Haft- und Erinnerungsort Berlin-Hohenschönhausen, Berlin 2022.
  • Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen (Hrsg.): Zeugen der Zeit. Fotografien von Dirk Vogel, Berlin 2023.

Publikationen der Bundesstiftung

  • Kaminsky, Anna (Hrsg.): Orte des Erinnerns. Gedenkzeichen, Gedenkstätten und Museen zur Diktatur in SBZ und DDR, 3. Aufl., Berlin 2016
 
  • Kategorie: Gedenkort
  • Historisch: Ja
  • Standort: Genslerstraße 66
  • Stadt: Berlin
  • Ortsteil: Lichtenberg
  • Gebiet: Berlin
  • Land: Deutschland