Brome, Deutschland
Gedenkkreuz für Kurt Lichtenstein
Der westdeutsche Journalist Kurt Lichtenstein (1911–1961) wurde am 12. Oktober 1961 in der Nähe des niedersächsischen Ortes Zicherie an der innerdeutschen Grenze von DDR-Grenzsoldaten erschossen. Er war der erste westdeutsche Tote an der Grenze nach Beginn des Mauerbaus in Berlin im August 1961. Seine Ermordung löste nationale und internationale Empörung und Proteste gegen die Grenzpolitik der DDR aus.
Kurt Lichtenstein arbeitete für die „Westfälische Rundschau“ an einer Reportagereise über die innerdeutsche Grenze. Unmittelbar vor seiner Erschießung hatte Lichtenstein vermutlich versucht, mit LPG-Bauern auf der östlichen Seite des Grenzzaunes zu sprechen. Ungeklärt ist bis heute, ob Kurt Lichtenstein „zufällig“ erschossen wurde, weil er „in provokatorischer Weise die Staatsgrenze der DDR verletzt hatte“, oder ob seine Ermordung vom DDR-Staatssicherheitsdienst geplant war. Sicher ist jedoch, dass Lichtenstein dem Staatssicherheitsdienst als „unzuverlässiger Genosse“ bekannt war. Lichtenstein, ein ehemaliges KPD-Mitglied, verband eine lange und von Brüchen gekennzeichnete Lebensgeschichte mit der DDR und führenden Repräsentanten des SED-Staates.
Er wurde am 1. Dezember 1911 in Berlin-Prenzlauer Berg geboren und stammte aus einem kleinbürgerlichen, jüdisch-assimilierten Elternhaus. Unter dem Eindruck der Weltwirtschaftskrise trat er 1931 in die KPD ein. 1933 ging er in die Sowjetunion, um sich politisch weiterzubilden. Daraufhin wurde er in die Bezirksleitung der KPD ins Saargebiet geschickt, wo er Erich Honecker kennenlernte. 1935 arbeitete Lichtenstein in Paris im „Weltjugendkomitee gegen Krieg und Faschismus“ mit. Im November 1935 wurde er nach Straßburg versetzt, wo er die illegale Arbeit kommunistischer Jugendlicher koordinieren sollte. 1936 schloss er sich den Internationalen Brigaden im spanischen Bürgerkrieg an. Dort begann er seine journalistische Tätigkeit bei einem republikanischen Radiosender und als Herausgeber der deutschen Ausgabe der Brigadezeitung „Volontaire de la Liberté“. 1939 wurde er in Südfrankreich interniert und kämpfte ab 1940 in der Résistance. Während des Krieges ging Kurt Lichtenstein freiwillig als Zwangsarbeiter nach Thüringen, um dort seine Untergrundtätigkeit für die Résistance fortzusetzen. Seine Eltern und seine Schwester wurden 1942/43 deportiert und sind vermutlich in Auschwitz ermordet worden. Nach dem Krieg wurde Kurt Lichtenstein von amerikanischen Truppen interniert und kurz darauf freigelassen. Er arbeitete als KPD-Funktionär im Ruhrgebiet und heiratete seine Weggefährtin Gertrud Klappruth, die ebenfalls als Kommunistin bei der Résistance gekämpft hatte. Bis 1950 war er Chefredakteur der KPD-Zeitung „Neue Volkszeitung“. 1950 wurde er entlassen, da er als „politisch unzuverlässig“ galt. Im Zuge der Parteisäuberungen von tatsächlichen oder vermeintlichen oppositionellen Kräften wurde er nach einem dreijährigen Parteiverfahren 1953 aus der KPD ausgeschlossen. Sein Ausschluss stand in engem Zusammenhang mit dem Fall des KPD-Bundestagsabgeordneten Kurt Müller, mit dem Lichtenstein befreundet war. Müller wurde 1950 von der Staatssicherheit in die DDR entführt, von Erich Mielke verhört und schließlich in ein sowjetisches Arbeitslager verschleppt. Er wurde des „Trotzkismus“ und des „Titoismus“ angeklagt. Lichtensteins Unterstützung für Müller war, wie spätere Recherchen zeigten, keinesfalls ungebrochen: In einem Verhör mit KP-Kadern hatte Lichtenstein kurz nach Müllers Entführung Zweifel an dessen politischer Zuverlässigkeit geäußert. Trotzdem genügte die Verbindung mit Müller, um Lichtenstein aus der Partei auszuschließen und ihn seines Postens als Chefredakteur der „Neuen Volkszeitung“ zu entheben. Danach hatte Lichtenstein große Schwierigkeiten, erneut eine Anstellung bei einer Zeitung zu finden. Bei kommunistischen Zeitungen galt er als persona non grata, bei der bürgerlichen Presse wurde ihm seine kommunistische Vergangenheit angelastet. Nach mehreren Jahren als Gelegenheitsarbeiter gelang es ihm schließlich, 1958 eine Anstellung bei der „Westfälischen Rundschau“ zu bekommen, für die er nach dem Mauerbau eine Reportagereise an die innerdeutsche Grenze unternahm. Dabei ging es ihm auch um die Aufarbeitung der eigenen Vergangenheit.
Nach seiner Ermordung am 12. Oktober 1961 wurde Lichtenstein zum „Held der freien Welt“ verklärt – seine Lebensgeschichte, die nicht unbedingt diesem Etikett entsprach, geriet dabei aus dem Blickfeld. Das Denkmal, in Erinnerung an Lichtenstein in Zicherie errichtet, zeugt deshalb weniger von seinem Leben und seinen Überzeugungen; vielmehr gibt es Auskunft über das historisch-politische Umfeld im Kalten Krieg, in dem es errichtet wurde.
Das Lichtensteinkreuz ließ ein Studienrat vom Gemeinschaftswerk Zonenrandhäuser e. V. im Herbst 1961 aufstellen. Dort versammelten sich am 17. Juni 1962 etwa 20 000 Menschen, um für die Deutsche Einheit und gegen die DDR-Regierung zu demonstrieren. Neben dem Kreuz befindet sich eine Tafel mit einer weiteren Inschrift.
Im September 2011 wurde die Gedenkstätte vollständig erneuert. Neben einem großen Holzkreuz befindet sich eine ausführliche Informationstafel.
Inschriften
Inschrift des neuen Gedenkkreuzes
(am ehemaligen Grenzstreifen)
Kurt Lichtenstein / 12. / 10. / 1961
Sprache: Deutsch, Schrift: Lateinisch
Inschrift des alten Kreuzes
(am ehemaligen Grenzstreifen)
Ein Deutscher / von Deutschen erschossen / Kurt Lichtenstein / 12.10.1961
Sprache: Deutsch, Schrift: Lateinisch
Inschrift der alten Tafel neben dem Kreuz
(am ehemaligen Grenzstreifen)
An dieser Stelle wurde am 12.10.1961 / der Dortmunder Journalist / Kurt Lichtenstein / erschossen, weil er als Deutscher mit / Deutschen drüben sprechen wollte.
Sprache: Deutsch, Schrift: Lateinisch
Literatur
- Zunder, Rainer: Erschossen in Zicherie. Vom Leben und Sterben des Journalisten Kurt Lichtenstein, Berlin 1993
- Ullrich, Maren: Geteilte Ansichten. Erinnerungslandschaft deutsch-deutsche Grenze, Berlin 2006
Publikationen der Bundesstiftung
- Kaminsky, Anna (Hrsg.): Orte des Erinnerns. Gedenkzeichen, Gedenkstätten und Museen zur Diktatur in SBZ und DDR, 3. Aufl., Berlin 2016
- Kategorie: Gedenkort
- Historisch: Ja
- Standort: Kreisstraße 85
- Stadt: Brome
- Gebiet: Niedersachsen
- Land: Deutschland
