Krakau, Polen

Gedenkkreuz für die Opfer von Katyń

 
Das 1990 vor der St.-Ägidius-Kirche in Krakau aufgestellte fünf Meter hohe schlichte Holzkreuz, auf dessen Querbalken die vergoldete Inschrift »1940 Katyń 1990« zu lesen ist, gehört sicherlich nicht zu den formal außergewöhnlichsten, wohl aber zu den symbolisch bedeutsamsten polnischen Denkmälern für die Opfer des sowjetischen Massenmordes an polnischen Kriegsgefangenen. Hier finden regelmäßig Gedenkveranstaltungen statt, die seit den in der polnischen Öffentlichkeit ausgetragenen Kontroversen um den Flugzeugabsturz von Smolensk im Jahr 2010 zuweilen den Charakter politischer Kundgebungen annehmen. Auch die US-amerikanische Außenministerin Hillary Clinton hat hier am 3. Juli 2010 dem in Smolensk verstorbenen polnischen Staatspräsidenten Lech Kaczyński und seinen Begleitern die Ehre erwiesen. In erster Linie ist der besondere Status des Kreuzes zweifelsohne auf seinen exponierten und symbolisch aufgeladenen Standort am Fuße des Wawel zurückzuführen, der oberhalb der Krakauer Altstadt gelegenen einstigen Residenz der polnischen Könige. Die Zufahrt zum Burgberg beginnt direkt gegenüber dem Denkmal, das sich mithin am Schnittpunkt zwischen dem innerstädtischen Leben Krakaus und der Sphäre der nationalen Symbolik auf dem Wawel befindet. Ein weiterer Grund für die Bedeutung des Krakauer Katyń-Gedenkkreuzes, das von dem Regionalverband der Gewerkschaft »Solidarność« und dem der Pflege nationaler Traditionen verschriebenen »Komitee zur Pflege des Krakauer Piłsudski-Hügels« gestiftet und von Jacek Marek gestaltet wurde, ist die Inschrift auf der kleinen grauen Granittafel an seinem Fuße. Anders als für derartige Tafeln üblich, enthält sie keine allein auf die konkreten Opfer historischer Ereignisse bezogene Widmung, sondern schreibt diese vielmehr in ein Narrativ ein, das eine Kontinuität vom Zweiten Weltkrieg bis in die jüngste Vergangenheit konstruiert. Dabei besteht die Inschrift allein aus einer Auflistung von Ortsnamen, die für historisch bedeutsame, tragische Ereignisse in der polnischen Nationalgeschichte stehen. Sie beginnt mit den Namen der drei NKWD-Lager für die im Frühjahr 1940 erschossenen polnischen Kriegsgefangenen – Koselsk, Ostaschkow, Starobilsk – und erinnert dann mit der Nennung von »Workuta, Donbass, Sibirien« sowie der NKWD-Zentrale in Moskau, der sogenannten »Lubjanka«, an das Schicksal weiterer in die Sowjetunion deportierten Polen. In den darauffolgenden Zeilen werden diese Orte sowjetischen Unrechts gegenüber Polen während des Krieges mit der Nachkriegszeit verknüpft: Zunächst werden mit den beiden großpolnischen Haftanstalten Wronki (deutsch: Wronke) und Rawicz (deutsch: Rawitsch) sowie den Gefängnissen im Warschauer Stadtteil Mokotów und an der Montelupich-Straße in Krakau die vier wichtigsten Orte stalinistischer Repression in Polen zwischen 1945 und 1956 genannt. Anschließend werden die blutigen Revolten und Arbeiteraufstände während der Volksrepublik aufgezählt: Posen 1956, Danzig, Gdingen und Stettin 1970, das Steinkohlebergwerk »Wujek« in Kattowitz, in dem Bergleute im Dezember 1981 Widerstand gegen die Einführung des Kriegsrechts durch General Wojciech Jaruzelski leisteten, und schließlich die niederschlesische Industriestadt Lubin (deutsch: Lüben) sowie der Krakauer Stadtteil Nowa Huta (deutsch: Neue Hütte), in denen bei Demonstrationen während des Kriegsrechts im August bzw. Oktober 1982 Demonstranten erschossen wurden. Die Liste wird abgeschlossen mit der lateinischen Abkürzung N. N., die als anonymer Platzhalter für die Namen der Ermordeten steht. Das Gedenkkreuz war am 19. Mai 1990 feierlich enthüllt und vom Krakauer Erzbischof Kardinal Franciszek Macharski geweiht worden. Anlässlich des 60. Jahrestages des Massakers von Katyń im Jahr 2000 wurde es unter der Leitung des Künstlers saniert, wobei es bewusst in seiner schlichten Form belassen wurde. Im November 2012 musste das Kreuz aus konservatorischen Gründen durch eine Replik aus geteertem Lärchenholz ersetzt werden. Der Platz, auf dem das Kreuz steht, wurde im November 2009 nach dem Dominikanerpater Adam Studziński benannt, der als Militärseelsorger der polnischen Streitkräfte im Westen am Zweiten Weltkrieg teilgenommen und sich in den 1980er Jahren für die Renovierung der St.- Ägidius-Kirche eingesetzt hatte.

Inschriften

Inschrift
(Am Gedenkkreuz)
1940 / Katyń / 1990 Kozielsk Ostaszków Starobielsk / Workuta Donbas Sybir Łubianka / Wronki Rawicz Mokotów Montelupich / Poznań / Gdańsk Gdynia Szczecin / KWK Wujek Lubin / Nowa Huta / N N
Sprache: Polnisch, Schrift: Lateinisch

Ereignisse

19. Mai 1990 - Einweihung
Feierliche Enthüllung und Weihung des Gedenkkreuzes

Publikationen der Bundesstiftung

  • Kaminsky, Anna (Hrsg.): Erinnerungsorte für die Opfer von Katyn, Leipzig 2013