Erfurt, Deutschland

Gedenk- und Bildungsstätte Andreasstraße

 
Das Wort „Andreasstraße“ war in Erfurt über 100 Jahre lang ein Synonym für Gefängnis. In Betrieb genommen wurde der T-förmige Backsteinbau 1878 als Haftanstalt für Verurteilte mit kurzen Freiheitsstrafen und als Gerichtsgefängnis für Untersuchungshäftlinge. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 entwickelte sich die „Andreasstraße“ zu einem Ort der Unterdrückung Andersdenkender. Wie viele Menschen hier ausschließlich aus politischen Gründen inhaftiert wurden, ist nicht bekannt. Kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges waren 760 „Politische“ aktenkundig. Die sowjetische Besatzungsmacht nutzte das bombengeschädigte Gefängnisgebäude zunächst als Waren- und Transportlager. Das benachbarte Behördenhaus diente der sowjetischen Geheimpolizei als Haftort für Festnahmen nach Razzien. 1948 übernahmen die deutschen Behörden das Haus und machten es zur „Haftanstalt der Volkspolizei“. Mit der Gründung der DDR-Bezirke 1952 wurde aus dem unmittelbar benachbarten Landgericht das Erfurter Bezirksgericht, das in den folgenden Jahrzehnten eine unrühmliche Rolle in der politischen Strafverfolgung spielte. Ebenfalls 1952 entstand die Erfurter Bezirksverwaltung des MfS, die in die Andreasstraße 37 einzog und dort die erste und zweite Etage des Gefängnisgebäudes als Untersuchungshaftanstalt nutzte. Bis 1989 wurden hier mehr als 5 000 Frauen und Männer inhaftiert, weil sie sich der SED-Diktatur widersetzt hatten. Das Haftregime der MfS-Untersuchungshaft war geprägt durch Dauerverhöre, Isolation, Drohungen und Demütigungen. Am 4. Dezember 1989 besetzten couragierte Menschen die Erfurter Bezirksverwaltung des MfS in der Andreasstraße – es war die erste Besetzung einer der gefürchteten Stasi-„Bastionen“ während der Friedlichen Revolution. Im Lauf des Tages kam es zu ähnlichen Aktionen in Leipzig, Rostock und Suhl. Die Erfurter Bürgerrechtler nutzten die ehemalige MfS-Untersuchungshaftanstalt auf unkonventionelle Weise: Sie lagerten in den leeren Zellen die sicher gestellten MfS-Akten ein, um sie vor der Vernichtung zu schützen. Die „Andreasstraße“ diente zum Teil noch bis 2002 als Gefängnis. Danach verwahrloste das Areal, sogar der Abriss des gesamten Gebäudes stand zur Diskussion. Dass die „Andreasstraße“ heute eine Gedenkstätte beherbergt, ist vor allem bürgerschaftlichem Engagement zu verdanken. 2005/06 wurde auf Initiative der Thüringer Landesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen durch das von der Bundesstiftung Aufarbeitung geförderte Kunstprojekt „Einschluss“ erstmals der MfS-Zellentrakt zugänglich gemacht. Internationale Künstler machten mit Installationen die unheilvolle Vergangenheit dieses Ortes erfahrbar. Seit 2012 ist die Stiftung Ettersberg (Weimar) Trägerin der Gedenkstätte, die nach umfangreichen Umbau- und Sanierungsarbeiten im Dezember 2012 eröffnet wurde. Neues Wahrzeichen der „Andreasstraße“ ist ein schwarz verspiegelter Glaskubus, auf dessen Außenfassade Szenen der Friedlichen Revolution in Thüringen im Stil einer Graphic Novel zu sehen sind. Das Fassadenbild stammt von dem Zeichner Simon Schwartz und basiert auf Originalfotos vom Herbst 1989. Die Darstellung der Besetzung der Erfurter MfS-Bezirkszentrale ragt dabei besonders heraus. Im Inneren des Kubus finden Vorträge, Lesungen, Diskussionen und Kinovorführungen statt. Vor dem Haupteingang der Gedenkstätte hängen zwei Gedenktafeln direkt nebeneinander. Sie charakterisieren die „Andreasstraße“ als einen Ort der Unterdrückung, aber auch der Befreiung. Im Rahmen der Feierlichkeiten zum 60. Jahrestag des Volksaufstandes vom 17. Juni 1953 wurde der ehemalige Freihof der MfS-U-Haftanstalt als neuer Gedenkort eingeweiht und für Besucher geöffnet. Die Dauerausstellung der Gedenk- und Bildungsstätte Andreasstraße mit dem Titel „Haft, Diktatur, Revolution – Thüringen 1949 - 1989“ kann seit dem 4. Dezember 2013 besichtigt werden. Ein weitere Kompaktausstellung – „Gefangen unter Hitler: politische Häftlinge im Erfurter Gefängnis 1933 – 1945“ – widmet sich der Geschichte der Haftanstalt in der Andreasstraße während des Nationalsozialismus. Im Zentrum stehen dabei die Biografien von Frauen und Männern, die an diesem Ort inhaftiert wurden, weil sie dem Weltbild der Nazis aufgrund abweichender politischer Meinungen oder ihrer sexuellen Orientierung nicht entsprachen. Im Rahmen des Forschungsverbundes „Diktaturerfahrung und Transformation“ entwickelte die Gedenk- und Bildungsstätte die zweisprachige (deutsch/englisch) interaktive Webseite „Andreasstraße digital“, die 2023 mit dem DigAMus-Award ausgezeichnet wurde. Anhand von Texten, historischen Fotos, Karten, Audios und Videos ermöglicht das Webportal sich über die „Bezirksstadt“ Erfurt zu DDR-Zeiten zu informieren sowie den Erinnerungsort „Andreasstraße“ und seine vielfältige Geschichte zu erkunden. Das digitale Angebot ergänzt und vertieft die Inhalte der Dauerausstellung „Haft, Diktatur, Revolution – Thüringen 1949 - 1989“.

Kontakt

Gedenk- und Bildungsstätte Andreasstraße
Andreasstraße 37a
99084 Erfurt
„Andreasstraße digital“: https://www.andreasstrasse.de/start

Inschriften

Inschrift der Gedenktafel "Aus den Fesseln der Angst befreien"
(vor dem Haupteingang der Gedenkstätte)
AUS DEN FESSELN / DER ANGST BEFREIEN // Am Morgen des 4. Dezember 1989 besetzten / couragierte Bürgerinnen und Bürger in Erfurt erstmals / während der Friedlichen Revolution in der DDR / die Bezirksverwaltung des Ministeriums für Staats- / sicherheit (Stasi) und die Stasi-Untersuchungshaft. / Die weitere Altenvernichtung konnte so verhindert / werden. Damit begann die Auflösung der Stasi und / das Ringen um Einsichtnahme in die Stasi-Akten / die heute für alle gesetzlich geregelt ist.
Sprache: Deutsch, Schrift: Lateinisch
Inschrift der Gedenktafel zum Gedenken an die politsichen Häftlinge
(vor dem Haupteingang der Gedenkstätte)
Zum Gedenken an die politischen Häftlinge / die in diesem Gefängnis / in den Jahren 1945 bis 1989 / gelitten haben // SIE WOLLTEN FREIHEIT UND / MENSCHENWÜRDE // VOS / Gemeinschaft ehemaliger / politischer Häftlinge // der Rat und die Bürger / der Stadt Erfurt
Sprache: Deutsch, Schrift: Lateinisch

Ereignisse

Dezember 2012 - Eröffnung
Eröffnung der Gedenk- und Bildungsstätte Andreasstraße

Literatur

  • Veen, Hans-Joachim/Wurschi, Peter (Hrsg.): »Es lag was in der Luft...«. Die Besetzung der Bezirksverwaltungen des MfS/AfNS in Erfurt, Suhl und Gera, 2. Überarbeitete Aufl., Weimar 2023.
  • Voit, Jochen/Rshrat, Hamad: Nieder mit Hitler! Oder warum Karl kein Radfahrer sein wollte, Berlin 2018.
  • Voit, Jochen: Gedenkstätte Andreasstraße. Haft, Diktatur und Revolution in Erfurt, Berlin 2016.
  • Maser, Peter/Veen, Hans-Joachim/Voit, Jochen (Hrsg.): Haft – Diktatur – Revolution. Thüringen 1949-1989 Das Buch zur Gedenk- und Bildungsstätte Andreasstraße, Weimar 2015.

Publikationen der Bundesstiftung

  • Kaminsky, Anna (Hrsg.): Orte des Erinnerns. Gedenkzeichen, Gedenkstätten und Museen zur Diktatur in SBZ und DDR, 3. Aufl., Berlin 2016
 
  • Kategorie: Gedenkort
  • Historisch: Ja
  • Standort: Andreasstraße 37a
  • Stadt: Erfurt
  • Gebiet: Thüringen
  • Land: Deutschland