Gera, Deutschland
Gedenk- und Begegnungsstätte im Torhaus
Das Geraer Gefängnis wurde erstmals 1872 in der Stadtchronik erwähnt. Von 1933 bis 1945 diente es den Nationalsozialisten als Untersuchungshaftanstalt. Danach nutzte die sowjetische Geheimpolizei NKWD das Gebäude als Untersuchungsgefängnis, von wo aus Inhaftierte auch in das Speziallager Nr. 2 Buchenwald transportiert wurden. Von 1952 bis 1990 befand sich an dieser Stelle die Untersuchungshaftanstalt der Bezirksverwaltung Gera des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS). 36 Zellen standen für 78 Untersuchungshäftlinge und zehn Strafgefangene zur Verfügung. Insgesamt durchliefen zwischen 1952 und 1989 über 2 800 Menschen aus politischen Gründen die Haftanstalt. Auch der Oppositionelle Matthias Domaschk war hier untergebracht, bis er 1981 in der Haft starb. Von 1992 bis 1999 wurde das Gefängnis vom thüringischen Justizministerium als Untersuchungshaftanstalt genutzt, bevor es Ende 1999 zugunsten eines Kaufhaus-Neubaus abgerissen wurde. Heute steht nur noch der Eingangsbereich des ehemaligen Gefängnisses, das Torhaus.
1997 hatte sich der Verein Gedenkstätte Amthordurchgang gegründet, der sich u. a. vergeblich gegen den Abriss des Gefängnisses stark machte. Am 18. November 2005 wurde durch den Verein die Gedenkstätte eröffnet. Es war der Jahrestag der Friedensaktion „Kerze“, bei der 1983 etwa 60 Jugendliche gegen die in der DDR geplante Aufrüstung mit sowjetischen SS-20-Raketen demonstrierten und daraufhin in die Stasi-Haft nach Gera gebracht wurden. In der Gedenkstätte gibt es mehrere Veranstaltungs- und Ausstellungsräume, in denen an die Opfer politischer Gewaltherrschaft zwischen 1933 und 1989 erinnert wird. Zwei rekonstruierte Zellen mit Originaltüren sollen einen Eindruck von der Atmosphäre im Gefängnis vermitteln. In dem „Raum des Gedenkens“ werden Fotos, Filme und Zeitzeugenberichte präsentiert. Zudem ist eine Bibliothek für Besucher zugänglich. Im Hof der Gedenkstätte ist ein Originaltor sowie ein für den Gefangenentransport umgebauter Kleinbus mit fünf Zellen zu sehen. Der ehemalige „Partykeller“ des Wachpersonals ist ebenfalls Teil der Dauerausstellung.
Das jahrelange Engagement des Vereins Gedenkstätte Amthordurchgang für die Errichtung einer Gedenk- und Begegnungsstätte wurde 2006 mit dem Thüringer Bürgerpreis für demokratisches Engagement und Zivilcourage geehrt.
Kontakt
Gedenkstätte Amthordurchgang
Amthordurchgang 9
07545 Gera
Homepage: https://www.torhaus-gera.de/
Ereignisse
18. November 2005 - Eröffnung
Eröffnung der Gedenk- und Begegnungsstätte im Torhaus
Literatur
- Ehemalige Untersuchungshaftanstalten des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR. Broschüre des LStU, zusammengestellt von Johannes Beleites, Berlin 2000
- Müller, Claus P.: Folter im Aquarium, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.11.2005, S. 4
- Keil, Lars-Broder: Gedenkstätte im ehemaligen Stasi-Gefängnis Gera eröffnet, in: Die Welt, 19.11.2005
Publikationen der Bundesstiftung
- Kaminsky, Anna (Hrsg.): Orte des Erinnerns. Gedenkzeichen, Gedenkstätten und Museen zur Diktatur in SBZ und DDR, 3. Aufl., Berlin 2016
- Kategorie: Gedenkort
- Historisch: Ja
- Standort: Amthordurchgang 9
- Stadt: Gera
- Gebiet: Thüringen
- Land: Deutschland


