Dessau-Roßlau, Deutschland
Friedensglocke Dessau
Im Herbst 1989 breiteten sich die Massenproteste gegen das SED-Regime über die gesamte DDR aus und erreichten auch Dessau. Am 20. Oktober kam es nach einem Friedensgebet in der Dessauer Johanniskirche zur ersten Demonstration. Eine Woche später gingen 10 000 Menschen auf die Straße, am 3. November waren es bereits mehr als 50 000 friedliche Demonstranten. Mitarbeiter der Dessauer Magnetbandfabrik gründeten die Initiative „6. Dezember“. Sie wollten sich nicht damit zufrieden geben, dass sich trotz Maueröffnung und dem Sturz Erich Honeckers in der SED nicht viel änderte. Für den 6. Dezember 1989 planten sie eine Belegschaftsabstimmung mit drei Fragen zur Zukunft der SED, der Kampfgruppen und der Staatssicherheit in ihrem Betrieb. In der Magnetbandfabrik hatte es eine eigene Dienststelle der Staatssicherheit gegeben, weil sie als chemischer Großbetrieb von besonderem staatlichen Interesse war. Zudem hatten „Kampfgruppen der Arbeiterklasse“ hier ihre Unterkünfte, Waffen und einen Bunker.
Zu Beginn der Belegschaftsversammlung transportierten Volkspolizei und Kampfgruppenkommandeure die Waffen in das Volkspolizeikreisamt in Dessau ab. Auf der Belegschaftsversammlung sprachen sich die Mitarbeiter der Magnetbandfabrik für die Abschaffung der Kampfgruppen und die Verschrottung ihrer Waffen aus. Als diese Forderung nicht erfüllt wurde, brachte die Initiative „6. Dezember“ ihr Anliegen beim Runden Tisch der Stadt Dessau vor. Am 30. Januar 1990 beschloss der Runde Tisch einstimmig, die Waffen der Kampfgruppen unbrauchbar zu machen und zu vernichten. Nirgendwo sonst in der DDR fällte der Runde Tisch einen solchen Beschluss. Am 15. März 1990 konnten dann die Waffen in einer Dessauer Eisengießerei zu 4,2 Tonnen Stahl eingeschmolzen werden. An diesem Tag wurde die Idee geboren, den Stahlklotz zu einer Friedensglocke zu gießen und diese auf dem Marktplatz aufzustellen. Die Initiative dafür übernahm das eigens gegründete Kuratorium Friedensglocke. Den entsprechenden Beschluss fasste der Dessauer Stadtrat am 21. Juni 2000. Finanziert wurde das Vorhaben aus Spenden, Mitteln der Stadt und aus Lotto-Geld.
Am 29. September, wenige Tage vor dem 10. Jahrestag der Deutschen Einheit wurde in derselben Eisengießerei, welche 1990 den Waffenstahl eingeschmolzen hatte, die Friedensglocke gegossen. Diese Glocke besteht nun aus dem Stahl von 1 250 Maschinenpistolen der Marke „Kalaschnikow“, 174 leichten Maschinengewehren, 87 Panzerbüchsen und 171 Pistolen der Marke „Makarow“. Die Glocke trägt zwei Inschriften. Am 1. Oktober 2001, kurz vor dem elften Jahrestag der Deutschen Einheit, wurde die Glocke auf dem Marktplatz Dessaus aufgestellt. Zeitgleich eröffnete eine Ausstellung zur Geschichte der Friedensglocke. Über den endgültigen Standort und die Gestaltung des Glockenstuhls wurde später entschieden. Schließlich konnte am 9. November 2002 die Glocke, die nun an einfachen blau gefärbten Stahlprofilen hing, auf dem Marktplatz eingeweiht werden. Das Gestell ist elf Meter hoch. Mit einem elektromechanischen Klöppel kann die Glocke jetzt bei besonderen Anlässen für Frieden und Freiheit zum Klingen gebracht werden.
Auf Beschluss des Stadtrates wurde der Platz um die Friedensglocke westlich des Rathauses am 3. Oktober 2010 zum „Platz der deutschen Einheit“ ernannt.
Inschriften
Inschrift der Friedensglocke
(auf dem Marktplatz vor dem Rathaus)
Keine Gewalt
Sprache: Deutsch, Schrift: Lateinisch
Inschrift der Friedensglocke
(auf dem Marktplatz vor dem Rathaus)
Ich läute für Frieden und Freiheit + Ohne Freiheit kein Frieden + Ohne Frieden keine Freiheit
Sprache: Deutsch, Schrift: Lateinisch
Ereignisse
9. November 2002 - Einweihung
Einweihung der Friedensglocke
1. Oktober 2001 - Errichtung
Errichtung der Friedensglocke Dessau
Literatur
- Steinberg, Thomas: Große Töne für Frieden und Freiheit, in: Mitteldeutsche Zeitung, Dessau, 11.11.2002, S. 7
Publikationen der Bundesstiftung
- Kaminsky, Anna (Hrsg.): Orte des Erinnerns. Gedenkzeichen, Gedenkstätten und Museen zur Diktatur in SBZ und DDR, 3. Aufl., Berlin 2016
- Kaminsky, Anna (Hrsg.): Orte des Erinnerns an die Friedliche Revolution, Berlin 2024
- Kategorie: Gedenkort
- Historisch: Nein
- Standort: Zerbster Straße 4, Platz der Deutschen Einheit
- Stadt: Dessau-Roßlau
- Ortsteil: Dessau
- Gebiet: Sachsen-Anhalt
- Land: Deutschland



