Greifswald, Deutschland

Ernst-Lohmeyer-Haus

 
Ernst Lohmeyer wurde 1890 geboren und setzte sich ein Leben lang für freiheitliche Forschung und Lehre an Universitäten ein. Er studierte Theologie, Philosophie und orientalischer Sprachen. Von 1913 bis 1918 absolvierte er seinen Militärdienst wurde danach Privatdozent in Heidelberg. Ab Oktober 1920 lehre er als Professor für Theologie in Breslau und wurde 1930/31 Rektor dieser Universität. Als sich Lohmeyer für einen jüdischen Juristen einsetzte, kam es zum ersten Konflikt mit dem nationalsozialistischen Regime. Spannungen zu seinen deutsch-christlichen Fakultätskollegen entwickelten sich auch aufgrund seiner Zugehörigkeit zur Bekennenden Kirche. Mit einem Minister-Erlass vom 15. Oktober 1935 wurde Lohmeyer wegen seiner „antinationalsozialistischen Haltung und Betätigung“ an die Universität Greifswald versetzt. Nach dieser Strafversetzung zog er sich aus der Öffentlichkeit zurück. Lohmeyer unterrichtete nur wenige Studenten und konzentrierte sich auf die Kommentierung des Markus-Evangeliums. Am 27.August 1939 wurde Lohmeyer als Reserveoffizier in das „Landeschützenbataillon“ einberufen und diente die folgenden Jahre als Besatzungsoffizier in Polen, Holland, Belgien und der Sowjetunion. Ab Sommer 1942 stand Lohmeyer einer Kreiskommandantur im Kubangebiet vor. Nach dem Tod eines Professors setzte sich die Universität Greifswald 1943 für Lohmeyers Rückkehr ein. Im April 1945 beteiligte sich Lohmeyer an den Vorbereitungen für die kampflose Übergabe Greifswalds. Am 3. Mai übernahm er das Prorektorat der Universität und nach der Amtsenthebung des Rektors am 31. Mai dessen Amtsgeschäfte. Er kümmerte sich intensiv um die Wiedereröffnung des Lehrbetriebes an der Universität, der am 4. Mai begonnen hatte, jedoch am 30. Mai auf Befehl der sowjetischen Besatzungsmacht wieder eingestellt werden musste. Lohmeyer wurde in dieser Zeit auch in die Kirchenleitung und zum Konsistorialrat im Nebenamt berufen. Es entwickelten sich jedoch zunehmend Spannungen mit der Landesverwaltung von Mecklenburg-Vorpommern. Ein Streitpunkt war der Umfang der geforderten Entnazifizierung unter den Universitätsdozenten. Die Sowjetische Militäradministration in Deutschland (SMAD) forderte die Entfernung aller früheren NSDAP-Mitglieder. Am 17. Dezember 1945 erklärte auch die Schweriner Landesverwaltung, dass eine Wiederaufnahme des Lehrbetriebes nur mit Lehrkräften ohne Parteizugehörigkeit möglich sei. Lohmeyer widersetzte sich, weil er die Stilllegung von Einrichtungen, insbesondere der Kliniken, befürchtete. Auf Anweisung der SMAD begann Lohmeyer Ende Januar 1946, die Neuaufnahme des Lehrbetriebs vorzubereiten. Am Vorabend der für den 15. Februar 1946 vorgesehenen feierlichen Wiedereröffnung der Universität wurde Lohmeyer von der Schweriner Landesverwaltung abgesetzt. Zur selben Zeit erschienen NKWD-Vertreter in seiner Wohnung und verhafteten Lohmeyer. Eine offizielle Mitteilung über die Gründe der Verhaftung wurde nie gegeben. Lohmeyers Familie ließ man über sein Schicksal im Ungewissen. Namhafte Gelehrte bescheinigten noch 1948 gegenüber sowjetischen Behörden den internationalen Rang Lohmeyers und seine antinationalsozialistische und antimilitaristische Haltung. Zu diesem Zeitpunkt war Lohmeyer jedoch schon zwei Jahre tot. Erst 1958 erfuhr die Familie aus einer vom 6. Dezember 1957 stammenden Mitteilung des Roten Kreuzes aus Moskau: „Lohmeyer, Ernst, geb. 1890 in Dorsten, gestorben am 19. September 1946 im Lager“. Weitere Angaben wurden nicht gemacht. In den seit 1990 zugänglichen sowjetischen Akten ist vermerkt, dass Lohmeyer vom Kriegstribunal der Provinz Mecklenburg/Westpommern zum Tode verurteilt und in einem Wald bei Hansleben erschossen worden war. 50 Jahre nach seinem Tod wurde Lohmeyer von den russischen Behörden rehabilitiert. Die Universität Greifswald ehrte Ernst Lohmeyer im Beisein seiner Tochter Gudrun Otto am 16. Oktober 2000 mit der Benennung des Gebäudes der Theologischen Fakultät in „Ernst-Lohmeyer-Haus“ und der Anbringung einer Gedenktafel am Haus. In der Bibliothek der Theologischen Fakultät der Universität steht eine Büste Lohmeyers. Eine weitere Büste befindet sich vor dem seit den 1980er Jahren existierenden Ernst-Lohmeyer-Haus im westfälischen Herford (Stiftbergstraße 30), aus dem Lohmeyers Vater stammte.

Inschriften

Inschrift der Gedenktafel
(am ehemaligen Wohnhaus von Ernst Lohmeyer)
In memoriam / ERNST LOHMEYER / geboren am 8.7.1890 / Professor für Neues Testament, Greifswald 1935–1946 / Rektor der Universität ab 15.5.1945 / verhaftet vom NKWD am 15.2.1946 / zu Unrecht hingerichtet am 19.9.1946 / rehabilitiert am 15.8.1996
Sprache: Deutsch, Schrift: Lateinisch

Literatur

  • Wiebel, Arnold: „Der Fall L.“ in Greifswald, Schwerin und Berlin. Was wurde zur Rettung Ernst Lohmeyers unternommen?, in: Zeitgeschichte Regional, 1997, H. 2, S. 29–34
  • Haufe, Günter: In memoriam Ernst Lohmeyer (…). Gedenkvortrag zum 100. Geburtstag Ernst Lohmeyers, in: Greifswalder Universitätsreden, Neue Folge, 1991, Nr. 59, S. 6–16

Publikationen der Bundesstiftung

  • Kaminsky, Anna (Hrsg.): Orte des Erinnerns. Gedenkzeichen, Gedenkstätten und Museen zur Diktatur in SBZ und DDR, 3. Aufl., Berlin 2016
 
  • Kategorie: Gedenkort
  • Historisch: Ja
  • Standort: Am Rubenowplatz 2-3
  • Stadt: Greifswald
  • Gebiet: Mecklenburg-Vorpommern
  • Land: Deutschland