Berlin, Deutschland
Erinnerungsstätte Notaufnahmelager Marienfelde
Die Erinnerungsstätte Notaufnahmelager Marienfelde ist das zentrale Museum zum Thema Flucht und Ausreise aus der DDR. Knapp 40 Jahre lang war das Notaufnahmelager eine entscheidende Station auf dem Weg von DDR-Flüchtlingen und Übersiedlern in den Westen. Auch heute bleibt Marienfelde ein Ort der Ankunft und des Aufbruchs: In unmittelbarer Nachbarschaft der Erinnerungsstätte befindet sich seit 2010 ein Übergangswohnheim des Internationalen Bundes für Geflüchtete.
Am historischen Ort dokumentiert eine ständige Ausstellung die Geschichte des Lagers, das zwischen 1953 und 1990 für insgesamt 1,35 Millionen Geflüchtete sowie Übersiedlerinnen und Übersiedler aus der DDR die erste Aufnahmestelle in West-Berlin war. Die Eröffnung am 14. April 1953 war notwendig geworden, weil tausende Menschen jeden Monat die DDR in Richtung Westen verließen. Insbesondere infolge des Volksaufstandes vom 17. Juni 1953 in der DDR stiegen die Fluchtzahlen stark an. West-Berlin trug dabei die Hauptlast der Fluchtbewegung, da dort die Sektorengrenzen zwischen Ost und West noch passierbar waren. In dem Gebäudekomplex waren alle am Notaufnahmeverfahren beteiligten alliierten und deutschen Dienststellen, Organisationen und Verbände untergebracht. Mit dem Mauerbau 1961 nahmen die Fluchtzahlen deutlich ab. Erst in den Umbruchsjahren 1989/90, als zehntausende DDR-Bürger sich auf den Weg machten, um über Ungarn und die Tschechoslowakei in die Bundesrepublik zu gelangen, trat das Notaufnahmelager im öffentlichen Bewusstsein wieder stärker in den Vordergrund. Am 1. Juli 1990 – dem Tag des Inkrafttretens der deutschen Währungs- und Wirtschaftsunion – wurden die gesetzlichen Bestimmungen über die Aufnahme von Übersiedlern aus der DDR schließlich außer Kraft gesetzt. Damit ging die ursprüngliche Funktion der Einrichtung nach über 37 Jahren verloren. Als Aufnahmestelle von Aussiedelnden blieb der Ort jedoch weiter bestehen. Ab Anfang der 2000er Jahre gingen die Zahlen jedoch so weit zurück, dass die Anlage in Marienfelde nicht mehr ausgelastet war und 2010 vorerst geschlossen wurde. Nach einigen Monaten des Leerstands wurde die ehemalige Aufnahmestelle unter der neuen Leitung des Internationalen Bundes als Übergangswohnheim für Geflüchtete und Asylsuchende wiedereröffnet.
Um die Geschichte der deutsch-deutschen Fluchtbewegung zu erforschen und zu dokumentieren, gründete sich im Oktober 1993 der Verein „Erinnerungsstätte Notaufnahmelager Marienfelde“. Er übernahm die Trägerschaft und erarbeitete eine erste Ausstellung, in der anhand von Schrift-, Bild- und Tondokumenten die Bedeutung des Ortes im Kontext der deutschen Teilung dargestellt wurde. Die Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages zur „Überwindung der Folgen der SED-Diktatur im Prozess der deutschen Einheit“ stufte Marienfelde 1998 als einen Erinnerungsort von gesamtstaatlicher Bedeutung ein. Mit der Aufnahme der Erinnerungsstätte Notaufnahmelager Marienfelde in die Stiftung Berliner Mauer im Jahr 2009 löste sich der Trägerverein auf und gründete sich als „Förderverein Erinnerungsstätte Notaufnahmelager e.V.“ neu.
Eine erweiterte museale Aufbereitung des Themas erfolgte mit der Eröffnung der umfangreichen Dauerausstellung „Flucht im geteilten Deutschland“ im April 2005 im ehemaligen Haupthaus des Notaufnahmelagers. Auf rund 450 Quadratmetern erzählt sie in insgesamt sieben Themenräumen anhand von über 900 Originalobjekten, Medienstationen, Dokumenten und Fotografien von den unterschiedlichen Motiven, die DDR zu verlassen sowie von den Chancen und Problemen beim Neubeginn in der Bundesrepublik. Darüber hinaus werden verschiedene Facetten und Funktionen des Notaufnahmelagers vorgestellt: vom Ablauf des Aufnahmeverfahrens über den Alltag der Bewohner bis hin zur Observierung durch die Staatssicherheit. Die Erinnerungsstätte Notaufnahmelager Marienfelde öffnet ihre Narrative und Räumlichkeiten darüber hinaus auch für Perspektiven und Erzählungen, die mit diesem Ort verbunden sind, bisher allerdings noch nicht umfassend berücksichtigt wurden: Geschichten sogenannter (Spät-)Aussiedlerinnen und Aussiedler, Menschen jüdischen Glaubens aus der Sowjetunion oder all der Personen, die sich nach einem mehrmonatigen Aufenthalt in kommunistisch regierten Ländern hier bei den Alliierten melden mussten. Erzählt werden auch die Geschichten der nach Marienfelde kommenden Asylsuchenden aus afrikanischen oder arabischen Staaten, die als Studierende in den ehemaligen „Ostblockstaaten“ gelebt hatten. Erweitert wird die Dauerausstellung außerdem durch eine multimediale Intervention, die aktuelle Perspektiven heutiger Geflüchteter einbezieht. Dazu zählt unter anderem eine digitale Tour mit weiterführenden Informationen zu den Themen Flucht und Ankunft. Sie entstand in Zusammenarbeit mit Menschen, die auf unterschiedliche Weise Erfahrungen mit Flucht gemacht haben. Darüber hinaus bietet die Erinnerungsstätte diverse Bildungsangebote in Form von Führungen und Touren, Workshops, Projekten und Zeitzeugengesprächen an.
Bis zum Jahr 2027 ist die Neugestaltung und Weiterentwicklung der Dauerausstellung zu einem inklusiven Geschichts- und Lernort geplant. Das Vorhaben wird von der Bundesbeauftragten für Kultur und Medien sowie der Stiftung Deutsche Kassenlotterie gefördert. Geplant sind neben einer „Geschichtswerkstatt“ außerdem mehrere Workshop- und Planspielräume sowie ein „Erzählcafé“. Die neue Dauerausstellung strebt an, die Geschichte des Ortes über das Jahr 1990 hinaus fortzuschreiben und den Blick über die deutsch-deutsche Flucht- und DDR-Geschichte auch für jüngere Migrationen zu öffnen.
Verwandte Gedenkorte
Kontakt
Erinnerungsstätte Notaufnahmelager Marienfelde
Marienfelder Allee 66-80
12277 Berlin
Stiftung Berliner Mauer
Bernauer Straße 111
13355 Berlin
Inschriften
Inschrift der Gedenktafel
(im Eingangsbereich an der Marienfelder Allee)
Von 1953–1990 waren / diese Gebäude als Notauf- / nahmelager Marienfelde erste / Anlaufstelle für Flüchtlinge / aus der DDR auf ihrem Weg in die / Freiheit. Während dieses Zeitraumes / wurden über 1 350 000 Menschen / mit Hilfe von deutschen und alliierten / Dienststellen sowie Wohlfahrtsorgani- / sationen aufgenommen, betreut und / in die Laender der Bundesrepublik / Deutschland weitergeleitet. / Berlin, den 30. Juni / 1995 Erinnerungs- / stätte Notaufnahme- / lager Marienfelde e. V. / Gestiftet von Radio Hundert, 6
Sprache: Deutsch, Schrift: Lateinisch
Ereignisse
2005 - Eröffnung
Eröffnung der museal aufbereiteten Dauerausstellung „Flucht im geteilten Deutschland“
1993 - Eröffnung
Eröffnung der ersten Ausstellung zur Geschichte der deutsch-deutschen Fluchtbewegung auf dem Gelände
April 1953 - Historie
Eröffnung des Notaufnahmelagers Marienfelde durch Bundespräsident Theodor Heuss
Literatur
- Curth, Roland/Wendt, Gerd: Fluchtziel Berlin. Die Geschichte des Notaufnahmelagers Berlin-Marienfelde, hrsg. von der Erinnerungsstätte Notaufnahmelager Marienfelde e. V., Berlin 2000
- Komets, Arik K./Koziol, Christian: The History of the Marienfelde Refugee Center Berlin. Revised and enlarged English version, based on the original German Edition, hrsg. von der Erinnerungsstätte Notaufnahmelager Marienfelde e. V., Berlin 2001
- Effner, Bettina/Heidemeyer, Helge (Hrsg.): Flucht im geteilten Deutschland. Erinnerungsstätte Notaufnahmelager Marienfelde, Berlin 2005
- Bispnick, Henrik/Hochmuth, Katharina: Flüchtlingslager im Nachkriegsdeutschland. Migration, Politik, Erinnerung, Berlin 2014.
- Effner, Bettina: Der Westen als Alternative. DDR-Zuwanderer in der Bundesrepublik und in West-Berlin (1972–1989/90), Berlin 2020.
- Wichmann, Manfred: Flucht und Ankommen. 70 Objekte und ihre Geschichten aus dem Notaufnahmelager Marienfelde, Berlin 2023.
Publikationen der Bundesstiftung
- Kaminsky, Anna (Hrsg.): Orte des Erinnerns. Gedenkzeichen, Gedenkstätten und Museen zur Diktatur in SBZ und DDR, 3. Aufl., Berlin 2016
- Kategorie: Gedenkort
- Historisch: Ja
- Standort: Marienfelder Allee 66–80
- Stadt: Berlin
- Ortsteil: Tempelhof-Schöneberg
- Gebiet: Berlin
- Land: Deutschland











