Zittau, Deutschland

Erinnerungspfad 1989

 
Auf Initiative der Hiller’schen Villa e. V., insbesondere in Person des Geschäftsführers Jens Hommel sowie des Bürgerrechtlers Thomas Pilz, und in Zusammenarbeit mit der Kreisstadt Zittau informiert ein aus fünf Informationsstelen bestehender „Erinnerungspfad 1989“ über die lokalen Ereignisse der Friedlichen Revolution. Gefördert wurde das Projekt aus Mitteln der Sächsischen Staatsregierung und der Stiftung der Sparkasse Oberlausitz-Niederschlesien. Die Einweihung der ersten drei Tafeln erfolgte im November 2011, weitere zwei wurden im Oktober / November 2020 enthüllt. Auch in der sächlichen Oberlausitz – im Grenzgebiet des Länderdreiecks zwischen DDR, Tschechoslowakei und Volksrepublik Polen – traten die Menschen Ende der 1980er Jahre zunehmend für ihre Rechte, individuelle Freiheit und pluralistische gesellschaftliche Verhältnisse ein. Zu den wichtigsten politischen Akteuren, die sich für demokratische Reformen und eine kritische Öffentlichkeit einsetzten, zählten in Zittau die Friedens- sowie die Umweltgruppe, die sich beide unter dem Dach der städtischen Kirchen entfalteten. Insbesondere Pfarrer Lothar Alisch tat sich als Initiator des politischen Handelns hervor. Dabei war sein Einsatz für das Neue Forum und dessen Ziele sowohl mit innerkirchlichen Spannungen als auch mit staatlichen Androhungen verbunden. Gegen Geistliche, die das Neue Forum unterstützten, verhängte die Volkspolizei Ordnungsstrafen. Im Schutzraum, den die Zittauer Kirche für freien Gedankenaustausch und regimekritisches Verhalten bot, entwickelte sich die Umweltgruppe im Zeitraum zwischen 1985 und 1989 sogar zu einer der größten Oppositionsbewegungen im Südosten der DDR. In engem Austausch mit anderen regionalen Initiativen konnten die Zittauer Gruppen ihren Wirkungskreis zunehmend auch über den kirchlichen Raum hinaus erweitern. So gelang es der Zittauer Ableitung des Arche-Netzwerkes im Januar 1989, etwa 200 Exemplare der Samisdat-Zeitschrift „Lausitzbotin“ zu verteilen. Darin machten sie auf die gravierende Umweltproblematik aufmerksam und thematisierten politische Verhältnisse wie das Verbot der sowjetischen Zeitschrift „Sputnik“ sowie die Verhaftung von Leipziger Oppositionellen. Aber auch die Ergebnisse der manipulierten Kommunalwahlen vom 7. Mai 1989 für den ostsächsischen Raum wurden in der „Lausitzbotin“ veröffentlicht. In Zittau, das mit Großhennersdorf ein regionales Zentrum der Wahlbeobachtung in der Region gewesen ist, fanden sich in der „Arbeitsgruppe Wahl“ etwa 60 Einwohner zusammen, um in allen Wahllokalen die Resultate der öffentlichen Stimmauszählung zu dokumentieren und diese anschließend mit den offiziellen Zahlen abzugleichen. Viele ebendieser couragierten Aktivisten nahmen schließlich im September an der – zunächst noch illegalen – Gründung der Initiativgruppe Neues Forum in der Oberlausitz teil, die sich um Pfarrer Lothar Alisch bildete. Auch der Versuch einer Anmeldung des Neuen Forum für den Bezirk Dresden erfolgte auf Initiative von engagierten Zittauern. Pfarrer Alfred Hempel der Nachbargemeinde Großschönau zählte zu den Erstunterzeichnern des „Aufbruch 89 – Neues Forum“ in Grünau am 9. September. Bereits am nächsten Tag brachte er den Gründungsaufruf gemeinsam mit dem Zittauer Oppositionellen Thomas Pilz nach Zittau. Unter Beteiligung von Andreas Schönfelder von der Umweltbibliothek Großhennersdorf sowie anderen Oppositionellen aus Bautzen, meldeten Pilz und Hempel am 19. September das Neue Forum beim Rat des Bezirkes Dresden an. Obwohl das Gesuch abgelehnt wurde, informierte Pfarrer Hempel am 21. September beim Fürbittgottesdienst über die Bürgerbewegung und verteilte Kopien des Aufrufes. Die Verhältnisse waren in Bewegung gekommen, die Protestdynamik ließ sich nicht mehr aufhalten. Am 19. Oktober 1989 fanden unter der Fragestellung „Was hat der Christ mit dem Neuen Forum zu tun?“ in der Zittauer Johannis-, Marien- und Klosterkirche Fürbittgottesdienste statt. Aufgrund des enormen Andranges, etwa 8000 bis 10 000 Bürger waren erschienen, mussten Ansprachen von Rednern wie Andreas Schönfelder, Lother Alisch und Alfred Hempel, über Lautsprecher nach draußen übertragen werden. In allen Kirchen nacheinander wurden Problemkataloge vorgestellt und die notwendigen Veränderungen in der Region, im Staat sowie in der Gesamtgesellschaft besprochen. Die Anwesenden wurden zur Mitarbeit aufgerufen. Nach einem Gemeindeabend mit Konsistorialratspräsident Manfred Stolpe in der Johanniskirche am 31. Oktober demonstrierten etwa 3000 Personen mit Kerzen und Transparenten. Sie marschierten zum Gebäude der SED-Kreisleitung und forderten die Zulassung des Neuen Forum. Während eines Rathausgespräches am 4. November zwischen dem Bürgermeister, Ratsmitgliedern sowie Vertretern des Neuen Forum, darunter auch Pfarrer Alisch, warteten auf dem Marktplatz erneut rund 3000 Interessierte auf die Resultate des Dialoges. Wiederholt wurde die Forderung nach Zulassung des Neuen Forum laut, aber auch freie Wahlen und das Ende der SED-Alleinherrschaft zählten zu den Losungen der Demonstranten, die sich anschließend zu einem Protestzug durch die Stadt formierten. Nur vier Tage später, am 8. November 1989, versammelten sich auf Einladung des Neuen Forum etwa 8000 bis 9000 Zittauer und stellten vor öffentlichen Einrichtungen, der Volkspolizei, der SED-Kreisleitung und den Dienststellen des Ministeriums für Staatssicherheit brennende Kerzen auf. Zuvor waren in den drei Zittauer Kirchen Gedächtnisprotokolle zu Übergriffen von Sicherheitskräften verlesen und in Protestresolutionen Untersuchungen gefordert worden.

Ereignisse

Oktober 2012 - Einweihung
Enthüllung der verbleibenden zwei Gedenktafeln
November 2011 - Einweihung
Enthüllung der ersten drei Gedenktafeln

Publikationen der Bundesstiftung

  • Kaminsky, Anna (Hrsg.): Orte des Erinnerns an die Friedliche Revolution, Berlin 2024